Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 1899 (1899)
- Issue
- Wissenschaftliche Beilage Nr. 12 (12.1899)
- Date
- 1899-12-01
- Page
- Seite 91 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 86% known words query
- IRI
…/9768304-10407010-9732247--23-9605208- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Kapitel XVII. Ileber die Glückseligkeit. Forschung über die Glückseligkeit, die es erheischt, daß sie sich nie verändere, während alle Dinge der Welt sich verändern. Koheleth. Text: Je8d1 raali raithi thachath haschemesch kischgagah sehejoze milifne haschallit. Nitthan hassechel bammromim rabbim waaschirim baschefel jeschebu. Raithi abadim al sussim wesarim holchim kaabadim al haarez. Chofer gummaz bo jippol uforez gader jischchennu nachasch. Massia abanim jeazeb bahem bokea ezim jissachen bam. Im kehah habbarsei wehu 10 panim kilkal wachajalim jegabber wejitbron hachscher chochmah. Im jischoch hanachasch blo lachasch ween jithron lebal halaschon. Uebersetzung: 1. Es giebt ein (heilloses) Nebel unter der Sonne, es ist gleichsam wie ein Irrtum, der da ausging von dem Herrscher (droben); nichts hat Bestand, also giebt's auch keine beständige Seligkeit). 2. Es ward die ״Vernunft" gesetzt auf zu großen Höhen (es wurde daher aus סבל — שבל Unvernunft, da die Weisheit vergessen wird) und die Reichen, in Niedrigkeit weilen sie (arm sind sie, weil sie nie genug haben). 3. Ich sah Sklaven auf Rossen und Fürsten gehen wie Sklaven auf der Erde zu Fuß. (Mit der Herrschaft ist es auch nichts). 4. Wer eine Grube gräbt, fällt hinein und wer einen Zaun einreißt, den beißt die Schlange. (Immer ein Schweben in Pein). 5. Wer Steine fortwälzt, dem wird wehe durch sie; wer Hölzer spaltet, wird durch sie gefährdet. (Ueberall Gefahren). 6. Wenn stumpf das Eisen, und ohne (öftere) Schärfung verdirbt es; kann man damit Heere überwältigen? Weisheit wäre der Gewinn des Tauglichmachens (der Waffe, die immer geschärft werden müßte). 7. Wenn die Schlange beißt, so ist es, weil vorher keine Beschwörung gewesen, und keinen Gewinn hat der Mann, der Zunge (nachdem der Schlangenbiß bereits erfolgt ist), also giebt's auch für den einmal geschehenen ״Irrtum des Herrschers" keine Verbesserung). Erklärung: 1. Würde ich, Koheleth, auch in der Lage sein, Willensfreiheit zuzugeben, ein Erreichen der Glückseligkeit kann ich nicht zugestehen. Denn Glückseligkeit muß ein Zustand sein, der sich nie und nimmer ändert, der niemals aushört. Aber alles was in der Welt ist, ist behaftet mit dem Wechsel*) Das ist ״raah“, das höchste Nebel, das keine ״tekana“ Verbesserung zuläßt, denn es ist von dem Beherrscher der Welt (Schallit) also geworden, es ist eine ״Schegagah“, gleichsam ein Irrtum, ein Fehler womit alles unter der Sonne behaftet ist. Wie soll da in der Welt des Wechsels von einem bleibenden Zustand der Glückseligkeit jemals die Rede sein? Eine vergängliche Glückseligkeit wäre eine Luft, aber nie die Glückseligkeit! Worin besteht denn die Glückseligkeit? Ist es die Weisheit? Ist es der Reichtum? Ist es die Regentschaft? Ist es die Ehre? Ist es die Freiheit von Gefahren? Wir wollen sehen: 3. ״Nitthan hasechel bimromim rabbim (Ibn Baruch hat שבל) die Vernunft ist gegeben worden auf zu großen Höhen". Soll Weisheit, wie die griechischen Philosophen behaupten, das Höchste sein, dann müßte sie ein bleibend Gut sein. Aber ״hachochmoth enam nischaroth“, die Vernunfterkenntniffe bestehen nicht in Gleichmäßigkeit, je höher die Forschung, desto mehr verändert sich die Weisheit, so daß ״im hejotham meromim bijediah jissakelu lila mim hadruschim“, mit dem Sicherheben, dem Wachstum der Wissenschaft, die Forschungen thöricht werden, die man für unumstößlich gehalten hatte. ״Und wie viele, die sich erheben und auf Höhen des Lebens gestellt werden, vergessen was sie gelernt haben? — Oder sollte Reichtum Glückseligkeit sein? ״Waaschirim baschefel jeschebu“, die Reichen sitzen in Niedrigkeit, ״schejachsiku azmom lischfalimu, ״denn sie halten sich in ihrer Unersättlichkeit für niedrig und arm". Hat er Tausende, so will er doppelt soviel und noch mehr haben, so daß der Reiche immer niedrig und dürftig erscheint. 3. Meinst Du, weiter ״Herrschaft" und ״Vornehmheit", ״serara vvehafraschoth", sei Glückseligkeit? O, ich sah wie sich dieses Gut ändert, wie Sklaven hoch zu Rosse sitzen, während Fürsten daneben zu Fuß gehen. Ehre und Ansehen, die der Vornehme erstrebt, sind keine bleibenden, sondern dem Menschengeist, dem veränderlichen, unterworfene Güter. 4. und 5. Oder meinst Du ״schehaoscher hu likjoth adam chofschi min hamikrim“, Glückseligkeit heißt, daß die Menschen frei sind von Zufällen oder Gefahren? Daß sie etwa nie Angst und Furcht empfinden? ״Deshalb soll ja Solon gesagt haben: ״Niemand ist glücklich vor dem Tode!" 0 kemo scheassa Diogenes schepiser kol mah schehajah 10 welo nischar 10 al mah schejidagu. So that auch Diogenes, der alles was er hatte, sortgab, damit er darob keine Sorge trage, also verachte auch der Mensch alle Habe, damit keine Sorge und keine Angst ihn je beschleiche, denn Sorglosigkeit ist Seligkeit!" Nun, was das betrifft: 10״ jihje chofschi mimikre chalae haguf", frei von den Zufällen, die leibliche Uebel bewirken, ist der Mensch nie. Ist er ein Handwerker, der Gruben gräbt, Zäune einreißt, Steine sährt oder Holz spaltet, ״litol secharo", ״um seinen Lohn für die Arbeit zu nehmen": immer sind Gefahren und Unglückssälle möglich, ״beofan scheen hazala min hamikreh", so daß keine Rettung vor den Zufälligkeiten vor- Händen ist. Der Fall in die Grube, der Biß einer Schlange beim Wegräumen alten Gemäuers, eine Verwundung durch Steine und durch die Axt, die das Holz spaltet: das sind die stets vorhandenen Gefahren. 6. Oder meinst Du ״oscher hu poal hanefesch", Seligkeit liegt im Wirken und Thun der Seele? Nun die Seelenthätigkeit richtet sich nach der Gewöhnung und da der *) ״Nichts ist dauernd als der Wechsel;" Börne.