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Israelitische Wochenschrift · 1899-12-01 · Wissenschaftliche Beilage Nr. 12 (12.1899) · p. Seite 90

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
1899 (1899)
Issue
Wissenschaftliche Beilage Nr. 12 (12.1899)
Date
1899-12-01
Page
Seite 90 (sequence 2)
Language
German
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90 nünstigen müßten doch notwendig auch zu essen haben und reich, das heißt zufrieden sein durch irdischen Besitz, oft aber fehlt ihnen dies Notwendige, ,,leroa bechiratham“, zur bösen Beeinflussung ihrer inneren Freiheit, das heißt entweder, daß sie den Kampf aufnehmen gegen die Lebensnot oder daß sie auf der geistigen Höhe den Mangel des Irdischen gar nicht empfinden; beides liegt an ihnen. Ebenso ist's mit der ״Gunst der Wissenden", sie ist nicht immer vorhanden; das mag liegen — an der Unterschätzung der Unwissenden, oft aber auch daran, daß sie selbst sich die Gunst verscherzen. Denn zwei Dinge: eth upega, die Zeit, die rechte Erfassung׳ des Momentes durch die menschliche Vernunft, ist erforderlich und dann das Wissen, dem pega — ״jezer harah schepogea beadam“ dem verderblichen Triebe, der den Menschen oft berührt, zu begegnen durch die Kraft des guten Triebes. Das ist aber nicht wie Koheleth sagte, Naturtrieb, sondern freier Wille auf Grund der Vernunft. 2. Warum der Mensch vielfach das Böse erwählt? Sehr einfach deshalb, weil er seine Zeit, ״ittho“, nicht kennt, weil er die Zeit übersieht, in der er sich selbst bestimmen mußte, daß es ihm nicht ergehe wie Fischen und Vögeln, die man anlockt, um sie einzufangen. Plötzlich überkommt sie das Böse, ״leeth raah keschetippol alehem pithom“, zur Zeit, wo sie das Böse überfällt, sei es der böse Trieb, sei es das böse Geschick, sind sie bereits ״verstrickt", stecken sie wie der Vogel oder der Fisch in der ״Schlinge", weil sie ״ihre Zeit" nicht kannten und benutzten. ״Lo juchal lichbosch eth jizro“. Er kann seinen Trieb nicht zügeln und beherrschen, weil er zur .Zeit nicht Augen hatte für die Netze, die vor ihm ausgebreitet wurden. Die Nichtbenutzung des Augenblickes liegt am Mangel der Vernunft und ihres Gebrauches, und diesem folgt dann die Unzulänglichkeit der Willenskraft. In den folgenden Sätzen 3—6 giebt Ben David eine schöne Illustration des Gedankens, daß der richtige Gebrauch der Vernunft das anscheinend Unmögliche in der That bewerkstelligen und zu Ende führen kann. Er weist sie auf eine ״unter der Sonne" zur Wahrheit gewordene Chochma, die ״gedola hi elaj“ für ihn und seinen Gedanken von großer Bedeutung gilt. Hier erzählt er, wie ein kluger, sonst unbedeutender und unbeachteter Mann eine kleine Stadt ohne Schutzwehr aus der großen Gefahr befreit, die ihr ein großer König bereitet. Es ist also möglich, daß man auch, ohne Heldenkraft und Heeresmacht zu besitzen, sich widersetzen kann den Belagerungen der kriegstüchtigsten Heerführer und mit Erfolg Widerstand leisten kann. Wie ist dies möglich? Durch die Vernunft des Weisen, der sich nicht wie Fisch und Vogel plötzlich überfallen läßt, der nicht seine Zeit vergebens vorübergehen läßt, der seine Vernuft und Willenskraft richtig anwendet. Das ist die rettende That des ״chacham misken“, des armen Weisen. ״Ir achath nizol bischuth isch echadu. Eine sehr gefährdete Stadt wird um des Verdienstes eines Mannes willen gerettet, ״neged hateba", entgegen der Natur und dem Weltenlause. Diese Rettung beweist ״schejesch bechira wejesch sachar“, daß es eine Willensfreiheit und eine Vergeltung giebt. Jbn Baruch führt hier die schöne Auslegung des Rami bar Chami zu dieser Stelle an: Die ״kleine Stadt", das ist der Körper, die ״wenigen Menschen", das sind die Glieder, der ״große König", das ist der böse Trieb, die ״großen Wälle", das sind die Sünden, der ״weise Retter", das ist die Vernunft, die auf dem Boden von Thoraund Maa33im tobim steht, auf dem religiösen Boden der Gotteslehre und der edlen Werke. 7. und 8. Das Gleichnis führt mich zur Einsicht, daß ״Weisheit mehr vermag als Kräfte". Aber was nützt es, gewöhnlich ist die Weisheit des Armen verachtet, man hört sie nicht. Man hört sie nicht, weil er vielleicht in Ruhe und Sanftmut lehrt — ״benachath“, während der, der sich auf seine Kräfte stützt, gewöhnlich schreit und lärmt, ״saakath moschlimu. Was aber frommt ihm sein Schreien? — Er verliert die Schlacht. 9. B ffer Weisheit als Kriegsgeräte und jener der sich auf diese verläßt, fehlt, und so ein Sünder läßt oft viel Gutes in Verlust geraten oder ״jeabbed", vernichtet viel des Guten. 10—13. Wer also sündigt, setzt Ben David fort, verfällt immer in größere Thorheiten. Er hält sich für den Weisen und meint seine ״Sichlut meath“, ihm wie nichts, geringe scheinende Thorheit ist kostbarer als die Weisheit und Ehre des Weisen. Das Verdrehen des Urteils über Thoren und Weise ist hier durch ein köstlich Gleichnis beleuchtet: Fliegen des Todes, ,,sebube mawethu (jabisch — jabischu Jbn Esra) erzeugen einen üblen Geruch, aber er der Sünder (Chote) jabia spricht hierüber: es ist ein Wohlgeruch wie vom ״Oel des Apothekers" herrührend. Es geht ihm jedes besonnene Urteil völlig ab und daher unterscheidet er sich vom Weisen dadurch, daßwährenddes Weisen Herz diesen Weisen zum Rechten führt, sein Herz ihn nach links zugehen heißt. Nochmehr: Der Thor ist so verblödet, daß je mehr er seinen Wandel nach links fortsetzt, desto mehr erscheint ihm als rühmlich, was er thut, ״weomer lakkol sachal 11a: Nicht nur ist ihm die Einsicht von der Schmach der Thorheit verloren gegangen, er rühmt sich ihrer noch ״mitpaer aleha scheneebad schefitath sichlo wechoscheb schehu tob״, er rühmt sich öffentlich, ein Thor zu sein, weil ihm das Urteil der reinen Vernunft dermaßen abhanden gekommen, daß er wähnt: dies ist gut. 14. Hier schließt Ben David ab: Also überkommt Dich der Geist des Regierers, Moschel ״schejesch bechira limschol beazmoa, das heißt, erfassest Du, daß ein Geist des freien Gebieters über den bösen Trieb groß ist, der Dich überkommt, so daß Du Dich selbst zu beherrschen fähig bist, so halte fest an diesem Standpunkt, ״mekomcha al tanach“. Denn unterläßest Du es (marpe — rifjon), dann wirkst Du dahin, daß viele Sünden stehen bleiben, für die es später (kein marpeh — refua, ein Wortspiel) keine Heilung giebt. Jbn Baruch fügt sogleich auch die mit unserer Ueberfttzung übereinstimmende Erklärung hinzu: o jirze: im jezer hara gabar alecha weliu ״moschel“ melech saken uksil wekabasch otcha mekomcha harischon al tanach! Es kann auch also heißen: Wenn der böse Trieb des ״Herrschers", jenes alten thörichten Königs der Menschenherzen, über Dich gewaltsam herzieht, verlasse Deinen vorigen Standpunkt nicht, das heißt, sei fest auf dem Posten des guten Triebes und bekämpfe ihn, in der Erinnerung an den armen Weisen, der zuletzt über den großen König den Sieg errang. Du kannst es, denn stärker als die Triebe sind Vernunft und Willen.

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