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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1899-12-22 · 51 (22.12.1899) · p. Seite 806

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
51 (22.12.1899)
Date
1899-12-22
Page
Seite 806 (sequence 6)
Language
German
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Seite 806. Israelitische Wochenschrift. Nr. 81. beten die Wolken an; ihr ganzer Kultus ist dem Bachus geweiht; wenn endlich Tacitus berichtet: in den Tempeln der Juden steht das Bild eines Esels; die Tiere, deren Genuß den Juden verboten ist, meiden sie nur deshalb, weil sie diese für Gottheiten halten, die sie durch den Geuuß schwer zu beleidigen und zu erzürnen fürchten. Und was ist nicht von den alten Schriftstellern über den Aufenthalt der Juden in Egypten und über ihren Auszug aus Egypten zusammengefabelt worden! So lesen wir bei Tacitus, der wohl aus angeblich altegyptischen Traditionen geschöpft hat, folgende Angaben über die Juden: l) Die Juden wären gar nicht Israeliten gewesen, wie die Bibel behauptet, sondern ein nach dem Berg Jda auf der Insel Kreta benannter Volksstamm, der nach Egypten von dort eingewandert sei, später aber durch die Uebervölkerung Egyptens sich veranlaßt gesehen habe, nach den benachbarten östlichen Ländern zu ziehen. 2) Sie wären die im Homer erwähnten Solymer, die nach ihrem Namen auch die Stadt Hterosolyma benannten rc. Der egyptische Schriftsteller Manetho, von dessen Schriften nur Bruchstücke im Josephus sich erhalten haben, fabelt über den Auszug der Israeliten aus Egypten folgendes zusammen: Asarssiph, ein heliopolitantscher Priester, habe, sobald die bedrückten Hirtenvölker etwas freier zu atmen vermochten, mit ihnen einen förmlichen Bund geschlossen, und zu allererst befohlen, die egyptischen Götter zu verwerfen und sogar die heiligen Tiere zu essen rc. Josephus, der in derartigen Angaben eine Herabsetzung des göttlichen Gottesmannes Mose erblickt, bemerkt hierzu: Die Egypter hätten, da sie nicht im Stande waren, den Glanz Mosens zu verdunkeln, wenigstens seine Abkunft den Israeliten streitig machen wollen und daher die Fabel von der Existenz eines Asarssiph erdichtet. Wir glauben, daß ebensowenig, wie man die Thaten Moses verdunkeln kann, ebensowenig solche Sagen seine Persönlichkeit und Abkunft zu verdunkeln vermögen. Erzählt doch die Thora selbst, daß er in seiner Jugend im Haus Pharaos erzogen wurde, und wenn die größte Ehre, die Joseph nach dem Bericht der Schrift widerfuhr, nächst der Gunst des Königs in seiner Verschwägerung mit dem Priester zu Heliopolis bestand, so mögen wir ebenfalls einen Ruhm darin erblicken, daß der jugendliche Mose gleichfalls zur Stufe des heliopolitanischen Priestertums gelangte, nachdem ihn das Schicksal einmal ins pharaonische Haus gebracht. Die Wissenschaft hat schon längst über diese Fragen entschieden und das als Unwissenheit oder Bosheit erkannt, was unter dem großen Aushängeschild der Geschichte geboten wird. Wir wollen uns mit der Gegenüberstellung zweier Männer beschäftigen, wie sie in der Schrift charakterisirt sind und die gleichsam die beiden Knotenpunkte in der Umwälzung der jüdischen Geschichte bilden: Joseph und Mose. Wenn es richtig ist, daß „Gottes Wort wie Mensch zu Mensch redet", das heißt, nicht wie ein hochgebildeter Schriftsteller zum Denker, sondern wie ein kindliches Gemüt zum Kind, so muß die Wahrhaftigkeit der Bibel vorzugsweise in der absoluten Schlichtheit der Erzählung und der Charakterisierung der Persönlichkeiten sich zeigen. Die biblische Erzählung erscheint in absolut einfachem Gewand, absolut schmucklos. und eben das ist ihr Schmuck und ihr Ruhm. Sie kennt keine Gleichnisse, sie kennt keine schmückenden Beiwörter, sie stellt blos die wirkliche Sache hin und wirkt so wie die Natur und die Wirklichkeit selbst. Und doch liegt in ihrer einfachen Erzählung das Gemälde, das biblische Personen deutlich ausgeprägt. Der Impuls zu den nachhaltigen Umwälzungen in der Vorgeschichte Israels, zu der Wanderung nach Egypten und zum Auszug aus Egypten, geht beide Male von einer einzigen, geistig hervorragenden Persönlichkeit aus, und wunderbar ist es, wenn die Jugendschicksale dieser beiden so gewaltig in das Leben ihres Stammes eingreifenden Männer wiederum analoge Erscheinungen wahrnehmen lassen, wie auch in ihren Charakteren und in ihrer geistigen Begabung eine gewisse Aehnlichkeit nicht zu verkennen ist. Joseph, das geliebte Kind seiner Eltern, war aus dem Vaterhaus gestoßen, aber in das Haus eines egyptischen Fürsten und endlich an den königlichen Hos Pharaos gebracht worden, wo er der Gunst des Königs zu danken hatte, daß er seine Familie nach Egypten verpflanzen durfte. Mose, nicht minder von seinen Eltern geliebt, muß gar von diesen selbst einem fast unvermeidlichen Tod entgegengetragen werden; aber auch ihn führt die wunderbar waltende Vorsehung an den königlichen Hos Pharaos, auch er erfreut sich der Gunst dieser königlichen Familie, auch er wird, vorzüglich durch die sorgfältige Erziehung, die ihm hier zu teil wird, in den Stand gesetzt, der Geschichte seines Stammes eine andere Wendung zu geben. Beide waren sie gewaltsam aus dem Kreis ihrer Familie gerissen und von deren Schicksalen losgelöst. Beide aber behielten eine ungeschwächte Liebe zu ihrem Stamm und die regste Teilnahme für die Verbesserung seines Loses. Für beide lagen, wären sie nur für ihre persönliche Vorteile bedacht gewesen, die günstigsten Bedingungen vor, ganz in der egyptischen Nationalität auszugehen; beide aber wurzelten mit ihren edelsten Empfindungen so tief in dem Boden der eigenen Nationalität, daß nichts imstande war, sie dieser abwendig zu machen. Bieten uns die Lebensschicksale dieser beiden Männer solche frappante Aehnlichkeit, so zeichnet uns die Bibel ihr persönliches Wesen, ihre Charaktere in den sittlichen Grundzügen als einander entgegengesetzt. Bei Joseph ist es nicht die streng abwägende Gerechtigkeit, die er seinem Nebenmenschen gegenüber in Anwendung bringt; überall läßt er vielmehr Gnade für Recht ergehen; er hat kein Gedächtnis für die ihm zugesügte Unbill, voll versöhnlichen Geistes vergilt er mit Liebesdiensten ihm widerfahrenes Unrecht. Er tritt der ungerechten und boshaften Anschuldigung seiner Herrin im Haus Potiphars nicht mit einer Widerlegung entgegen, die doch auf Wahrheit beruhte, ebenso wenig grollt er seinem Herrn ob der über ihn verhängten Strafe. Er erweist sich im Gefängnis als ein so pflichtgetreuer Diener, daß ihm zum Lohn dafür die Aufsicht über die übrigen Gefangenen übertragen wird.. Für die gehässige Behandlung, die er von seinen Brüder erfahren hatte, überhäuft er sie mit den größten Wohlthaten; er sorgt väterlich für sie, daß die Brüder seinen Edelmut gar nicht zu begreifen vermögen. Joseph ist der Genius der Gnade, der seine Fittiche über die Fehler und Gebrechen der Menschen ausbreitet, um sie zu verdecken.

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