Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 51 (22.12.1899)
- Date
- 1899-12-22
- Page
- Seite 805 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9605007-9605197--7595-9605202- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 51. Israelitische Wochenschrift. Seite 805. liche Verleumdung ist, im vorliegenden Fall von einer „jüdischen Blasphemie" zu sprechen. Die „Kreuzzeitung" druckt die angeblichen Blasphemien ab, die sie durch Sperrdruck hervorhebt. In jenem Artikel Kerr-Kempners wird Heine ein „Enkel König Davids" genannt. Daß ein großer Dichter ein Enkel des königlichen Sängers genannt wird, liegt recht nahe, und das Bild wird dadurch nicht schlechter, daß jeder Jude zum mindesten die Möglichkeit für sich hat, zum König David im Verwandtschaftsverhältnis zu stehen. Kerr-Kempner sagt, daß Heine vom „Ewigkeitszug" umleuchtet sei. Diese Umschreibung für die Unsterblichkeit des Heinschen Dichterruhms kann gesucht erscheinen, doch blasphemisch ist sie gewiß nicht. Wir „gedenken" sagt Kerr-Kempner zum Kummer der „Kreuzzeitung" des Dichters Heine „von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt". Auch das ist eine gesuchte Ausdrucksweise; wir sehen aber nicht ein, daß es blasphemisch sein soll, eines Menschen so zu gedenken, wie wir nach den Worten der Bibel Gott lieben sollen. Kerr-Kempner spricht Heine „nie erreichte Größe" zu. Das mag falsch sein; doch zur Blasphemie kann es nur die dümmste Bosheit umdeuten. Kerr-Kempner meint, Heine war ein tieferer Kenner und Geprüfter des Lebens, nicht blos, „weil er für die Liebe das Kreuz tragen mußte". Das ist, mit Verlaub, eine geschwollene Redensart ohne Sinn, und schon deshalb kann sie nicht blasphemischen Sinn haben. Kerr-Kempner meint endlich, der Dichter, der in Schmerzen gestorben, habe die „Krone des Lebens davongetragen". Es mag sein, daß Kerr-Kempner gar nicht berufen ist, irgend wem die Krone des Lebens zuzusprechen, ganz gewiß nicht so berufen, wie die „Kreuzzeitung" es zum Gegenteil und zum advocatus diaboli ist. Doch das behauptende Urteil ist lediglich ein anderer Ausdruck für den innigen Wunsch, und nur kreuzzettungswtdrig, nicht blasphemisch ist es, die Krone des Lebens, die ewige Seligkeit, einem Sündhaften zuzusprechen, selbst wenn unser Herrgott diesen Spruch nicht ratifiziert. Das ist alles, was die „Kreuzzeitung" in dem Kerr- Kempnerschen Artikel durch Sperrdruck als blasphemisch denunziert. Die „Kreuzzettung" folgt ihrer Tradition, wenn sie falsche Beschuldigungen ausspricht. * * * (Antisemitische Gelehrsamkeit). In der „Kreuzzeitung" veröffentlicht ein Ungenannter aus dem Brief eines in Konstantinopel weilenden Ungenannten eine Abhandlung über türkische Eigenart. Er zitiert eine Anzahl von Aussprüchen türkischer Weisen über das Recht des Hausherrn und über das Recht des Hauses auf unbedingte Abgeschlossenheit; nämlich: „Der Hausherr hat das unbestrittene Recht, jenen (soll heißen: den) des Augenlichts zu berauben, der es wagt, einen Blick in sein Haus zu werfen, bevor es ihm erlaubt sei (soll heißen: worden)". (Buhari und Meusline). „Begiebst Du Dich in das Haus eines Freundes, so ist jener (soll heißen: dieser), so lange Du bei ihm weilst. Dein Herr, dem Du unwiderruflich (soll heißen: unweigerlich) zu gehorchen hast". (Jbni Adi). Omar wiederholt den Ausspruch Buharis: „Wer ohne Erlaubnis in das Haus eines Fremden hineinschaut, begeht ein Verbrechen". Dazu macht der Autor des Briefes folgende tiefsinnige Bemerkung: „Diese Bestimmungen kehren ihre Spitze vorzüglich gegen die Juden, deren Neugierde und Spionagegelüste dem Muselmann verhaßte Eigenschaften sind". Ein Beweis für diese Behauptung wird nicht versucht, nicht einmal erwähnt, ob Buhari, Meusline, Omar und Jbni Adi überhaupt Juden gekannt haben. Thatsächlich legen die angeführten Sprüche nur Zeugnis dafür ab, daß der Türke sein Haus als ihm ganz allein gehörig betrachtet und schon jeden Blick in sein Haus, den er nicht vorher gestattet hat, als einen Eingriff in sein hausherrliches Recht empfindet. Das gilt jedem Dritten, dem Freund wie dem Fremden, dem Türken wie dem Juden und Christen gegenüber. Nicht an Juden noch an deren angebliche Sptonagegelüfte haben die türkischen Weisen bei ihren Aussprüchen gedacht, sondern an die traditionelle und religionsgesetzliche Abgeschlossenheit des Hauses und des Harems. Das liegt für jeden Vernünftigen auf der Hand — der antisemitischen profunden Gelehrsamkeit des Briefschreibers der „Kreuzzeitung" war es Vorbehalten, die Deutung zu finden, die sich aus die Unfähigkeit stützt, auch nur ein türkisches Wort zu lesen. Joseph und Mose. (Zum Wochenabschnitt.) Bon Rabbiner Dr. B. Seligkowitz-Cöthen. Die Juden haben sich, so lange sie unter und mit fremden Völkern verkehrten, jederzeit der besonderen Aufmerksamkeit zeitgenössischer Schriftsteller zu erfreuen gehabt, doch nicht immer Verständnis bei ihnen gefunden. Sie waren stets ein durch seine besonderen Sitten und Gebräuche sich kennzeichnendes und in gewissem Sinn sich abschließendes Volk. Das erkannten alle Völker, und das war Grund genug für sie, ein absprechendes Urteil zu fällen. Daß ein tiefer, sittlicher Grundgedanke alle jüdischen Gebräuche beseelte, daß trotz der zeitweiligen Abschließung, in der die Juden, gedrängt durch den Haß und den Spott der Völker, sich hielten, die Liebe zu Andersgläubigen geboten war, das freilich wußten die Völker des Altertums nicht und wollten es nicht wissen. Sie schritten nicht zu offener Gewalt, sondern griffen zu einem Mittel, das einen edlen Menschen weit schlimmer berührt, ihn weit härter verletzt: zur Verdächtigung und Beschimpfung. Gerade wegen ihres treuen Festhaltens an Gesetz und Glauben derVäter, goß man Hohn und Spottauf dasHaupt der Juden, trat man mit Füßen, was ihnen das Heiligste war. Es lockt uns ein Lächeln des Mitleids ab, wenn wir lesen, wie Cicero die Juden ein von barbarischem Aberglauben erfülltes Volk nennt, wenn Plutarch erzählt: die Juden verehren gar nicht Gott allein, sie dienen dem Himmel und den Sternen, sie