Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 50 (15.12.1899)
- Date
- 1899-12-15
- Page
- Seite 799 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr 50. Israelitische Wochenschrift. Seite 790 Feuilleton. Der Rabbi von iu’piii. Historische Erzählung aus der HussiLenzeit Von Dr. A. S a m m t e r. (Fortsetzung.) Getreu den Traditionen seines Geschlechtes, liebte Herzog Ludwig eine gute Tafel, wenn er auch nicht den Riesenappetit seines Vorfahren Boleslaus III. geerbt hatte, der dreizehn fette Hühner auf einmal verspeiste, so vermochte er doch das Seinige zu leisten, und Küche und Keller waren nicht zum Mindesten Gegenstand seiner Fürsorge. Heute war das Beste aufgetragen worden und in bunter Folge lösten einander die köstlichsten Leckerbissen und feurigsten Weine ab, denen der Gastgeber und, seinem Beispiele folgend die Gäste weidlich zusprachen. Bald begann der Saft der Reben seine Wirkung zu üben, und nur die Anwesenheit der Edeldamen verhinderte es, daß die hochgehenden Wogen der Fröhlichkeit in ungebundene Ausgelassenheit umschlugen. Als die Tafel sich ihrem Ende zuneigte, rief der Herzog seinem Hofnarren Jokel zu: „Nun, mein lustiger Rat, zeige Deine Kunst und gieb uns Dein Bestes zum Besten". „Mit Verlaub, Herzogliche Gnaden", erwiderte der Angeredete, „werde ich mit einem Rätsel beginnen: Meine erste läuft, meine zweite läuft. Mein Ganzes läuft — selbst hier vorbei!" „Ich hab's", rief Ambrosius Bitschen, der Stadtschreiber, „die Katze läuft, der Bach läuft und die Katzbach läuft bei unsrer Stadt vorbei". — „Richtig", sagte der Narr; „nun eine dreisilbige Charade Mein Ganzes ist ein Unterthan, Den ersten beiden unterthan, Die unterthan dem Dritten sind, Der wieder unterthänig ist". — Auch das ist nicht schwer", begann Bitschen. „Der Stiefelknecht ist des Stiefels Diener und dieser muß dem Knechte dienen, der seinerseits des Winkes seines Herrn gewärtig sein muß". „Auch das habt Ihr getroffen, Stadtschreiber", gab Jokel zu; „nun übt Euren Witz an einer zweisilbigen Charade: Hast Du die erste immer. Kennst Du die zweite nimmer, Und auch das Ganze nicht. Doch wenn die erste fehlet, Gar sehr die zweite quälet. Und oft selbst trocken Brot gebricht". „Oho!" sprach Bitschen, „Narr! Du hast in Rätseln weder die Stärke Simsons, noch dessen Süßigkeit erreicht. Bleib uns mit der Geldnot fern!" — „Jokel, durch diese Worte sehr erregt, erwiderte: „Tadle Getadelter nichts, als den tadligen Tadel des Tadlers, Wenn, was er tadelte nicht, nur tadelig ist sein Getadel!" Ein allgemeines Bravo erscholl im Saale. „Du hast Dich Deiner Haut wacker gewehrt, mein guter Jokel!" bemerkte der Fürst. „In einem treffenden Hexameter hast Du dem Tadler das Seine gehörig zurückgegeben. Ich liebe diese Versart, und deshalb wünsche ich, daß Du aus dem Stegreif einen solchen produzierst, der eine Andeutung von den Worten giebt, die ich bei der Bewerbung um die Gunst meiner reizenden Elisabeth in Nürnberg sprach". Unter gespannter Erwartung seiner Hörer rezitierte der Hofnarr nach kurzem Bedenken: „Liebste der Lieben, ich liebe Dich liebend mit liebender Liebe; Liebender Liebe zu lieb, liebe Geliebte auch mich!" In lauter Begeisterung wetteiferten die Gäste mit Beifallsrufen und in stolzer Befriedigung blickte Jokel auf den Stadtschreiber hinüber, dessen schlagfertiger Witz seinen Ruhm, zu verdunkeln drohte. Ambrosius Bitschen achtete dessen nicht; es genügte seiner Eitelkeit, heute, da er zum ersten Mal im adeligen Kreise erschienen war, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt zu haben. Kaum wenige Monate bekleidete er sein Amt; er befand sich auf der hohen Schule zu Bologna, als ihn die Nachricht traf, daß das Vertrauen seiner Mitbürger ihn, trotz seines jugendlichen Alters, noch bei Lebzeiten des Vaters, an dessen Stelle zum „Notarius der Herzogsstadt Liegnitz" ernannt hatte. Es war eine stolze Genugthuung für Ambrosius, so jung an Jahren das einflußreiche Amt zu bekleiden; aber es füllte den maßlosen Ehrgeiz seiner Feuerseele nicht aus. Er wollte höher, viel höher steigen, und weil er sich all denen, die im Rate der Stadt geboten, weit überlegen fühlte, hoffte er um so sicherer auf die Erreichung seiner hochfliegenden Pläne. Wer wollte ihn hindern?! Vielleicht der feiste Hieronymus von Popplau, der Bürgermeister, der schon längst unbewußt zu einem willenlosen Werkzeuge des listigen Stadtschreibers herabgesunken war? Oder der Oberoogt Peter von der Heide, dessen weingerötetes Antlitz zur Genüge bewies, daß er über den Weinhumpen sehr oft und ebenso gern die Sorgen seines Amtes vergaß. Und auch die Anderen Alle, sie sollten seinen kühnen Flug nicht hemmen, nein, auf ihren Schultern wollte er emporklimmen zur stolzen Höhe! Hei, wie wird er dann der Sklavenseelen hohnlachen, die hier oben im Schlosse mit süßem Lächeln um Fürstengunst buhlten, aber unten in der Ratsstube sich blähten in ihrer vermeintlichen Bedeutung und auch gegen ihn, den Stadtschreiber, die souveränen Herren herauskehrten. Ein selbstgefälliges Lächeln spielte um die feingeschnittenen Lippen des schmächtigen Jünglings; mit halbem Ohr nur lauschte er dem Gesang und Saitenspiel des Hofsängers, der, soeben vom Herzog aufgefordert, in süßlichen Tönen von der „holden Minne" sang; nach dessen Beendigung erhob sich der Herzog noch einmal und winkte dem Astrologen Sinabei. Dieser, in einen schwarzen Talar gehüllt, begab sich in ein Seitenzimmer des Saales, und nachdem tiefe Stille eingetreten war, zog er den Vorhang zurück und man sah in ein spärlich erleuchtetes Gemach, das mit Himmelskugeln, Quadranten und Bildern von Sonne, Mond, Planeten und anderen Sternen angefüllt war. Hierauf wandte er sich an den Fürsten und sprach: „Ew. Herzogliche Gnaden wünschen, daß ich Hochdenselben das Horoscop stelle, ich stehe zu Hochdero Diensten". Sodann machte er verschiedene Zeichen, murmelte einige Worte und alsbald schien es, als bewegten sich die Figuren und sendeten Lichtstrahlen von sich aus.