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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1899-12-15 · 50 (15.12.1899) · p. Seite 798

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
50 (15.12.1899)
Date
1899-12-15
Page
Seite 798 (sequence 14)
Language
German
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Seite 798. Israelitische Wochenschrift. Nr. 50. sich ihren Kameraden auf dem Schlachtfeld anreihen. Rabbiner Haft — mit offizieller Beihilfe des Chief Rabbi — leitete den Gottesdienst. Nach Anzündung der Channkalichter hielt Feld- Kaplan F. L. Cohen eine den Hörern und der Zeit angemessene begeisterte Predigt. Er betonte mit Stolz, daß der Patriotismus der Juden in der gegenwärtigen Krise sich wie immer erwiesen, nicht blos durch freiwillige Gaben, sondern durch die außer allem Verhältnis stehende Zahl Freiwilliger, die sich im Kampf bewähren, wie es Nachkommen der Makkabäer geziemt. — Nicht Parteigeist, nicht Rassenhaß, nicht Kriegslust oder Eroberungssucht spornt die Juden an. Sie zeigen nur, daß sie unter gleichen Rechten gleiche Pflichten verstehen. Das dürfte den Antisemiten, wären sie überhaupt für geschichtliche oder theologische Wahrheiten zugänglich, eine Offenbarung sein. Glühender Patriotismus, leidenschaftliche \5tebe für das Land, in dem sie geboren und erzogen, mit dessen Geschichte und Errungenschaften sie sich identifizieren, ist eine unvertilgbare Eigenschaft der Juden, eine Eigenschaft, die auch stiefmütterliche Behandlung selten zu verringern vermag. Sie sehnten sich in der Wüste nach den Fleischtöpfen Egyptens; sie sehnten sich nach Jerusalem in der Verbannung, sie sehnen sich jetzt noch, in der Fremde, ganz unphilosophischer Weise, nach dem Geburtsland, in dem sie nichts als Unterdrückung erfahren. In Wohl oder Weh bleiben sie dem Vaterland treu. Sie sind nie die letzten, mit Gut und Blut sich ihm zu opfern, und unter die ersten drängt sie die Dankbarkeit, wo sie als freie Bürger sich fühlen. Daß der Jude die militärischen Eigenschaften, Mut, Kraft und Ausdauer in hohem Grad besitzt, kann nur von denen verneint werden, die ihre Geschichte mit lügenhaften Augen gelesen haben. Unter der Regierung Richard I. wurde eine Anzahl Juden im Schloßpark von einer raubgierigen Horde der damaligen Antisemiten umringt. Nach langer, doch nutzloser Verteidigung sagten sie, Einer zum Andern: „Nicht solchen Feinden überlassen wir unsere Weiber; zündeten das Schloß au, sprachen das Totengebet, erdolchten Frau und Kind und — stürzten sich in die Flammen". Ob diese Begebenheit mehr für den erhabenen Heldenmut der belagerten Juden spricht oder grelleres Licht auf die Ruchlosigkeit ihrer Verfolger wirft, mag zu bestimmen den Antisemiten der Jetztzeit überlassen bleiben. Bemerkenswert ist, daß von den drei Plantagenets, an denen besonders ^ie Schande der Judenverfolgung haftet. Einer als der schlechteste Monarch, der je auf einem Thron gesessen, allgemein gebrandmarkt ist. Seine Niedertracht ist zum Sprüchwort geworden. Als „den treulosesten einer treulosen Rasse" bezeichnet ihn ein Geschichtsschreiber; ein anderer, mit schärferer Entrüstung, spricht: „Seine Gegenwart wäre den Teufeln eine Schmack und würde die Hölle selbst besudeln". Unsere heutigen Antisemiten dürfen stolz aus diesen Vorgänger sein. Adlige Judenhetzer, die etwas voraus haben wollen und ältere Ahnenschaft beanspruchen, können auch Haman als Urgründer ihrer Zunft betrachten. — John glaubte nicht an die Blutlüge, denn er war kein „Harmloser", aber er zog Nutzen daraus, und Haman quaselte schon in der grauen Perserzeit von „jüdischer Ueberhebung". Vielleicht hatte er einen Herrn v. Hammerslein am Susaer Amtsblatt im Sold, -^e Geschichte wiederholt sich. London, 0. Dezember. (Neuer Verein.) Unter dem Namen „The city Jewish Social and Literary Society“ hat sich hier ein neuer jüdischer Verein gebildet, der am letzten Sonntag die erste Sitzung abhielt. In der Eröffnungsrede betonte der Vorsitzende Rabbiner S. Levy, daß^die Juden nur dann zuversichtlich in die Zukunft blicken könnten, wenn sie die Vergangenheit ihres Volkes kennen und die Gegenwart verstehen. Die Kenntnis der Vergangenheit soll durch das Studium der Geschichte und Literatur erreicht werden, das Verständnis für die Gegenwart soll durch engeres persönliches Zusammenschließen mit den Glaubensgenossen gefördert werden. Wenn es dem Verein nur gelingt, so schloß der Redner, einige seiner Mitglieder wieder zum Besuch der Synagoge und einige andere zum Besuch von Armen und Kranken zu veranlassen, so hat er sein Bestehen vollauf gerechtfertigt. St. Petersburg, 7. Dezember. (Tod von A. L. Friedland.) Einer der geachtetsten jüdischen Burger Petersburgs, Herr A. L. Friedland, ist vor einigen Tagen im Alter von 65 Jahren gestorben. Er war länger als 30 Jahre General- Lieferungsagent für die russische Regierung und hat als solcher einen hervorragenden Platz in Handelskreisen eingenommen. Er war Ehrenbürger unserer Stadt und besaß mehrere russische Orden. Herr Friedland war ein frommer und sehr gebildeter Jude. Seit Jahren hatte er eine große Anzahl wertvoller hebräischer Drucke und Manuskripte gesammelt und diese Sammlung später der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften geschenkt, wo sie in der asiatischen Abteilung unter dem Namen Bibliotheca Friedlandiana Aufstellung gefunden hat. Den Katalog dieser Sammlung hat Herr Samuel Wiener herausgegeben. Der Verstorbene ist sehr wohlthätig gewesen und hat in seinem letzten Willen große Zuwendungen zu philanthropischen Zwecken bestimmt, u. a. zu einem Waisenhaus in Petersburg, das mit einer Handfertigkeitsschule verbunden ^werden soll, und für das Altenbeim in Jerusalem. _ Personalnachrichten und kleine Mitteilungen. Inder Nacht zum Mittwoch ist in Berlin Kommerzienrats Julrus Jsaac, 55 Jahre alt, gestorben. Cr hat sich mannigfaltig an humanitären jüdischen Bestrebungen beteiligt. — Herr Dr. Meyer Hildesheimer, Sohn des verstorbenen Rabb iners Dr. Hildesheimer, hat sich mit Frl. Etting er aus Uman in Rußland verlobt. — Rabbiner Dr. Alexander Kisch in Prag hat vom Kaiser Franz Joseph das goldene Verdienstkreuz mit der Krone erhalten. Bei einer früheren Gelegenheit ist Herr Dr. Kisch bereits mit der Franz Josephs-Medaille dekoriert worden. Vakanzen. Könitz i. W.-Pr. Rel.-L., C, Sch. Mohel, Balk. 2400 Mk. Geh., 600 Mk. Geb. Meld. an Vorst. — Diedenhofen (Lothr.). Rel-L., der deutschen, franz. Anspr. halten kann, C. u. Sch. 3000—3600 Mk. Meld. an Julius Levy. - Angenrod bei Alsfeld (Oberheffen). Rel -L., C., Sch. 800 Mk. Geh., fr. Wohn., 300 Mk. Nebeneink. Meld. an Sam. Rothschild. — Geinsheim, Pfalz. Lehrer, C, Sch. 700 Mk. Geh., fr. Wohn. 300 Mk. Nebeneink Meld. an Mone.

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