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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1899-12-15 · 50 (15.12.1899) · p. Seite 790

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
50 (15.12.1899)
Date
1899-12-15
Page
Seite 790 (sequence 6)
Language
German
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Seite 790. Israelitische Wochenschrift. Nr. 50. den Anstürmen von außen widerstandsfähiger gegenüber. Dies wird mir Herr Dr. Salz gewiß nicht bestreiten, war doch grade er es, der in der Generalversammlung des Vereins „Ahawas Zion" vom 28. April dieses Jahres das Referat hielt über das Projekt der Gründung einer „zweiten galizischen Kolonie auf genossenschaftlicher Basis". Das aber gerade ist es, was meinen Plan der Besiedelung Galiziens ausführbar gestaltet. Wollte ich freilich sporadisch jüdische Bauern ansetzen, so würden sie gar bald jämmerlich zu Grunde gehen, da sie einzeln der antisemitischen Verhetzung - nicht zu trotzen vermöchten. Allein, „eine dauernde jüdische Ackerbauansiedlung hat aus rituellen und sozialpolitischen Gründen zugegebenermaßen nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn sie aus größeren zusammenhängenden Komplexen angelegt wird, z. B. auf Güterkomplexen zu je 1500 bis 2000 oder mehr österreichischen Morgen". So sagt Herr Dr. Salz, und ich konstatiere mit Freuden meine völlige Uebereinstimmung hiermit und verweise aus meinen Aufsatz, wo es hieß: „Es kann naturgemäß dem galizischen Rettungswerk nicht darauf ankommen, jüdische Kleinbauern zu schaffen. Vielmehr wird man von vornherein die Gründung zusammenhängender Kolonieen in das Auge fassen". Diese Siedlungsgenossenschaften würden allerdings in der Lage sein, Boden zu kaufen und auch ihn zu halten; sie könnten den antisemitischen Wutausbrüchen die Wage halten. Allein Herr Dr. Salz glaubt, es seien noch innere Schwierigkeiten vorhanden, die in dem Charakter des Juden selbst liegen sollen: Der Jude wird den galizischen Boden nicht bebauen wollen, er wird zu stolz sein. — Dieser Einwand ist nicht völlig abzuweisen. Mir selbst wurde in Lemberg erzählt, daß ein dortiger jüdischer Lastträger auf die Zumutung, er solle doch lieber den regelmäßigen Beruf eines Holzhackers ergreifen, entrüstet erwidert habe, hierzu sei er doch zu „eidel" (edel). Es ist wahr, speziell die Landwirtschaft erscheint dem galizischen Juden als etwas Entehrendes. Und doch betreibt er sie in Palästina, und doch berichtet Herr Dr. Salz selbst, daß dort in den zahlreichen Ackerbau- und Weinkolonieen „die noch vor Kurzem mit der Elle und Wage hantierenden Krämer rüstig hinter dem Pflug einhergehen und kunstgerecht die Winzerzange handhaben". Wie ist es möglich, daß Herr Dr. Salz zugiebt, daß der Uebergang vom Krämertum zum Ackerbau in Palästina sich leicht und schnell vollzieht, während er unmittelbar vorher sagt, daß er in Galizien erst langsam, nach jahrelanger kultureller Arbeit eintreten könnte? Er erklärt diesen Widerspruch dadurch, daß die galizischen Juden aus kulturgeschichtlichen und nationalreligiösen Motiven mit Hingebung und- Liebe den Boden des heiligen Landes ' beackern, daß sie aber, wo diese Motive fehlen, und „statt dessen ihnen nur der Haß und die Verachtung der autochthonen Bevölkerung entgegengrinst", sich nicht zur Landwirtschaft entschließen würden. Diese Behauptung hat auf den ersten ^Blick viel Bestrickendes an sich, und doch wird sie nicht den »Verhältnissen gerecht. Wieso giebt es 95000 jüdische Ackeroauer in Rußland, also außerhalb des heiligen Landes? Weil sie dort in geschlossenen Siedelungen ansässig sind. Das ist der Zauberstab. Wenn die Juden geschloffen zusammen arbeiten, *DWWUe Abneigung gegen die Landwirtschaft von selbst; inner- * halb einer gleichstrebenden Gemeinschaft würden sie sich nicht zu „eidel" halten, wie sie es nicht thun in Palästina, nicht in Rußland. Hinzu kommt nun, daß die Form der landwirtschaftlichen Genossenschaften, vor allem aber die Produktivgenossenschaften, welcke alle Vorteile moderner Technik, Chemie und die Möglichkeit größter Arbeitsteilung bieten, die Juden gar bald materiell und sozial über den galizischen Bauer erheben würde. Und darauf kommt es an! Die Juden nur aus städtischen in ländliche Proletarier zu verwandeln, das fürwahr hätte keinen Sinn. Wie aber die Landwirtschaft im höchsten Grade produktiv ist und den, der sich ihr widmet, vorzüglich nährt, wenn sie rationell betrieben wird, bedarf keines Beweises. Sobald die ersten Erfolge sich zeigen würden, würde die ganze galizische Judenheit begeistert dieser Erlösung zujauchzen. Gewiß bin ich der Ansicht des Herrn Dr- Salz, daß ein solcher Umschwung der Meinungen nicht von heute auf morgen eintreten wird, sondern jahrelanger kultureller Arbeit bedarf. Aber grade Herr Tr. Salz kann hier unendlich viel wirken, wenn er auf dem eingeschlageneu Wege sortfährt, Propaganda zu machen für den Genossenschastsgedanken. Alle Verständigen werden ihn hierin unterstützen. Herr Dr. Landau bezeichnete treffend in jener oben erwähnten Versammlung die genossenschaftliche Form als „ein bedeutungsvolles Symptom der Selbsthilfe unter der galizischen Judenschaft^. Die landwirtschaftliche Genossenschaft auf galizischem Boden wird die Juden aus ihrer materiellen und sozialen Versumpfung erheben. Bin ich damit ein Gegner der Emigration? Keineswegs! Herr Dr. Salz scheint dies anzunehmen. Allein ausdrücklich gab ich in meinem Artikel außer der inneren Kolonisation die Emigration als wichtigstes Mittel der Rettung für das jüdische Proletariat Galiziens an. Nur stehe ich nicht auf Dr. Salz' Standpunkt, hierin das einzige Heilmittel zu sehen, ja ich halte sie im Verhältnis zur Seßhaftmachung auf galizischem Boden für ein Mittel zweiten Grades. Denn die Emigration, wenn sie auch in noch so großem Stile betrieben würde, könnte in absehbarer Zeit nicht 3/4 Millionen Juden nach Palästina befördern, zumal unter den heutigen erschwerten Umständen. Soll man nun die Juden bis zu der Zeit, wo dies möglich sein wird, ohne Beistand lassen? Das kann doch unmöglich die Absicht sein. Warum soll man sich also auf dies eine Mittel, welches vorläufig überhaupt nicht in Anwendung gebracht werden kann, beschränken? Ich vermag hierfür nicht den geringsten Grund einzusehen. Man kann beides thun. Innere Kolonisation und Emigration sind leine Gegensätze. Ich glaube nachgewiesen zu haben, daß von großen sozialen Gesichtspunkten aus eine Ansiedelung der Juden in Galizien nicht nur möglich, sondern höchst notwendig erscheint. Wenn Herr Dr. Salz in seinen Schlußworten den Vorkämpfern der inneren Kolonisation eine schwere Verantwortung zuschiebt, so möchte ich ihm meinerseits warnend zurufen, daß er sich nicht denen anschließen möge, von denen sein Freund Herr Dr. Landau mit gerechter Entrüstung sagt: „Sie fördern das Werk derer, die den galizischen Juden einreden, es sei ihnen hierzulande gar nicht mehr zu helfen".

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