Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 50 (15.12.1899)
- Date
- 1899-12-15
- Page
- Seite 789 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 50. Israelitische Wochenschrift. Seite 789. Notlage der Judenhett behoben werden könnte. Sie wollen nicht einsehen, daß man das Nebel an der Wurzel anpacken muß, daß auch in Deutschland, Frankreich und den übrigen Kulturstaaten die Juden so lange nicht vollständig emanzipiert sein werden, auch nicht sein können, als sie teilnahmslos der sozialen Aechtung der östlichen, der „polnischen" Juden Zusehen. Die Einsicht in diesen Zusammenhang ist noch bei weitem nicht genügend verbreitet. In jenem eingangs erwähnten Aufsatz polemisiert Herr Dr. Salz gegen die von mir in verschiedenen Zeitschriften verfochtene Idee der Ueberführung eines großen Teiles der jüdischen Bevölkerung zur Landwirtschaft in Galizien. Weil der Angriff gegen mich von seiten eines Mannes erfolgt, den ich wegen seiner aufopfernden Thätigkeit zum Wohle des galizischen jüdischen Proletariats sehr schätze, weil seine Einwände ernst und sachlich gehalten sind und in mancher Beziehung höchste Beachtung verdienen, weil ich ferner glaube, daß durch eine präzise Klarlegung der beiderseitigen Standpunkte der gemeinsamen Sache genützt werden wird — denn einig sind wir in dem Bestreben, der galizischen Judenheit zu helfen —, deshalb will ich eingehend Nachweisen, daß das, was Herr Dr. Salz sagt, meinen Ausführungen gegenüber nicht stichhaltig ist. — Bevor ich dies thue, will ich kurz die Punkte aufführen, in denen ich mich mit ihm in der erfreulichsten Uebereinstimmung befinde. Es gereicht mir zur Genugthuung, daß er das von mir entworfene Bild von der schrecklichen Lage der galizischen Judenheit „kaum einen blassen Schatten der Wirklichkeit" nennt. Ich hatte mit voller Absicht von nur 5000 jährlich Hungers sterbenden Ju" . gesprochen, damit man mich keiner Uebertreibung von seiten jener beschuldigen möchte, die das Elend in Galizien gern zu verschleiern suchen, es als „nicht so schlimm" darzustellen belieben. Hoffentlich verfehlt die von Herrn Dr. Salz mir gegebene Schilderung nicht ihren Zweck; hoffentlich machen seine Worte Eindruck: „Das Judenelend überragt doppelt oder sogar dreifach das allgemeine Elend der christlichen Bevölkerung". Es kann nur von Vorteil sein, wenn die dort herrschenden trostlosen Zustände .schonungslos aufgedeckt, der breiten Oeffentlichkeit vor Augen geführt werden. Es hat mich ferner sehr erfreut, daß Herr Dr. Salz den Bestrebungen der Bnei-Brith-Vereine und anderer jüdischer Kreise Deutschlands Sympathie entgegenbringt. So wird es gelingen, die verschiedenen Versuche, die zur Rettung der galizischen Judenheit vorgeschlagen und unternommen werden, einheitlich zusammenzufassen. Möge die Präzisierung der Standpunkt allerlei Jrrtümer und Mißverständnisse beheben, möge sie einer großen gemeinsamen Aktion Vorarbeiten! Von diesem Gesichtspunkte aus gehe ich an die Widerlegung der Einwürfe des Herrn Dr. Salz. Es sind vornehmlich zwei: 1. die polnische Bevölkerung würde nie gestatten daß die Juden auf „ihrem" Boden sich seßhaft machen; 2. der galizische Jude würde sich nie entschließen, den galizischen Boden zu bebauen. Ist es wirklich wahr, daß es den Juden nicht gestattet wird, in Galizien seßhaft zu werden? In einem sehr interessanten Artikel, betitelt: „Die Juden als Groß-Landwirte" in der Jüdischen Presse vom 9. Januar 1889 bespricht Herr Dr. S. R. Landau im Anschluß an die vor einigen Jahren erschienene Statistik von Prof. Pilah die Thatsache, daß sich die Juden in Galizien „über den normalen Prozentsatz hinaus der Landwirtschaft widmen." Es giebt unter 5080 Großgrundbesitzern 630 jüdische, das sind 12,40 Prozent, während die Juden nur 11,7 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Es giebt ferner 783 jüdische Großpächter gegenüber 857 christlichen! Kaum Vir der verpachteten Güter gehören Juden, mithin bewirtschaften 565 jüdische Großgrundbesitzer ihre Felder selbst. Diese zusammen mit den 783 Großpächtern ergeben also die immerhin recht stattliche Anzahl von 1348 jüdischen Groß- Landwirten. Kann man demgegenüber noch sagen: Die polnische Bevölkerung würde es dem Juden nie gestatten, sich dort seßhaft zu machen? Herr Dr. Salz meint, in dem letzten Dezennium sei die Zahl der jüdischen Besitzer von Landgütern stark zurückgegangen; er giebt jedoch keine Zahlen an. Herr Joses Siegel schrieb 1895 in seinem lesenswerten kleinen Büchlein „Moderne Wohlthätigkeit": „Sie (die jüdischen Großgrundbesitzer) haben größtenteils von der Zeit an, als das Wuchergesetz in Wirksamkeit getreten (1877), stark zugenommen; auch die Pächterzahl hat sich vermehrt." Doch mag selbst in den letzten Jahren eine Abnahme der jüdischen Landwirte stattgefunden haben, mag es den Juden heute noch schwerer fallen als früher, Boden zu erwerben, unmöglich ist es doch nichtdenn es ist thatsächlich der Fall. Dafür, daß es den Juden fast unmöglich sein wird, größere Komplexe für eine Besiedelung in Galizien anzukaufen, dafür erblickt Herr Dr. Salz einen Beweis in den Schwierigkeiten, auf welche die I. C. A. bei Erwerbung eines Gutes behufs Gründung einer Ackerbauschule gestoßen sei. Allein wer die Verhältnisse kennt, weiß, daß hier Gründe, die nicht rein landwirtschaftlicher Natur waren, Vorlagen, welche grade die Erwerbung des Gutes Slobudka lesna wünschenswert erscheinen ließen. Wäre dies nicht der Fall gewesen, so hätten genug andere Güter zur Verfügung gestanden. Es giebt nicht nur verschuldete Minister in Galizien, auch Szlachcicen, deren Stammbaum älter als drei Generationen ist, würden gern und bereitwilligst ihr Gut an Juden verkaufen, wenn sie einen etwas höheren Preis erhielten, als die umwohnenden Kleinbauern im Parzellierungsfalle ihnen zahlen können. Als weitere Bestätigung dafür, daß es unmöglich sein würde, Juden in größeren Massen anzusiedeln, führt Herr Dr. Salz an, daß vor einigen Jahren ein Jude, der sich erlaubt hatte, ein Herrengut käuflich an sich zu bringen, durch den in der galizischen Bevölkerung ausgebrochenen Sturm der Entrüstung gezwungen worden sei, den Kauf rückgängig zu machen. Allein dieser Einwand trifft mich gar nickt. Habe ich denn vorgeschlagen, galizische Kleinhändler und Luftmenschen zu Großgrundbesitzern zu machen?! Ein jüdischer Bauernstand soll geschaffen werden, nnd als einzigen gangbaren Weg hierzu habe ich nachgewiesen, daß landwirtschaftliche Genossenschaften gebildet werden müßten. Diese aber würden unter den von Dr. Salz geschilderten Schwierigkeiten keineswegs zu leiden haben. Was der einzelne, und sei er noch so kapitalkräftig, nicht vermag, bewältigt eine Genossenschaft mit Leichtigkeit; sie steht von vornherein materiell und