Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 50 (15.12.1899)
- Date
- 1899-12-15
- Page
- Seite 788 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 788. Israelitische Wochenschrift. Nr. 50. wärtig macht. Man verliert die Lust, für ein Vaterland zu kämpfen, in welchem solche Gesinnungen sich breit machen dürfen." So schrieb ein Mann voll glühender Liebe zum deutschen Vaterland. So wirkte der Antisemitismus in Deutschland auf eine unerschütterlich deutsche Gesinnung. Welche Verachtung hat er Deutschland bei denen eingetragen, die Deutschland nicht liebten! * * * (Unangebrachte Fügsamkeit.) Von befreundeter Seite werden wir auf einen Vorgang aufmerksam gemacht, der sich vor einiger Zeit in Posen abgespielt hat. Dort sollte von der Studentenschaft eine Goethefeier veranstaltet werden. Ein Literarhistoriker Dr. Minde-Pouet, der an der Organisation beteiligt war, hatte einen einzelnen jüdischen Herrn „seiner äußeren Darstellungsmittel wegen aus rein ästthetischen Gründen" als ungeeignet für den Vortrag eines bestimmten Gedichts bei der Feier bezeichnet. Diese Aeußerung war dahin mißverstanden worden, als hätte Herr Dr. Minde-Pouet einem jüdischen Studenten gegenüber erklärt, „er halte ihn persönlich als Juden aus rein literarischen Gründen für ungeeignet, das kerndeutsche Gedicht, für das er in Aussicht genommen sei, zu deklamieren; das harmoniere nicht! ebensowenig wie ein Christ dazu passe, ein Gedicht jüdischen Charakters öffentlich vorzutragen". Daraus erließen die jüdischen Herren Studiosus Ludwig Friedmann, Ignaz Ltppmann, Julius Peiser, Felix Warschauer und Martin Wasser eine Bekanntmachung, in der sie sagten: „Wir als Studenten müssen uns freilich dieser wissenschaftlichen Ansicht des Herrn Dr. Minde-Pouet fügen und wollen uns infolgedessen keine Kritik an derselben erlauben. Wir können natürlich in einem überzeugt wissenschaftlichen Urteil kein antisemitisches Vorurteil erblicken, — und selbst, wenn ein solches vorläge, so dürfte das doch nie und nimmermehr imstande sein, einer Goethefeier zu schaden!" Die Herren Studiosen, die sich so duldsam einer angeblichen „wissenschaftlichen Ansicht" gefügt, sich an ihr keine Kritik erlaubt haben und „natürlich" kein antisemitisches Vorurteil in einem angeblich „überzeugt wissenschaftlichen Urteil" erblicken können, haben in der That nicht die zur Kritik erforderliche Reise, und es ist verwunderlich, wie es ihnen, möglich gewesen ist, zum Zeugnis der Reife zu gelangen. Ganz gewiß erinnern sie durch ihr Verhalten nicht an die Makkabäer, sondern an die näheren Vorfahren: die „Reichskammerknechte". * * * (Kaiser Franz Joses und der Antisemitismus). Rabbiner Alexander Kisch aus Prag, der auch Feldprediger ist, wurde am vorigen Montag vom Kaiser Franz Josef in Wien empfangen. Er äußerte im Gespräch, welch schwere Tage seine Glaubensgenossen in Böhmen jetzt durchzumachen haben und sagte, daß all ihr Trost die gütige Fürsorge des Kaisers sei. Darauf erwiderte der Kaiser: „Ja, Ihre Glaubensaenossen haben jetzt schwere Tage. Ich bin sehr empört über Rohheit". Der Kaiser erlaubte dem Rabbiner, seine veröffentlichen. * (Die russischen Juden als Soldaten.) Unter dem Stichwort „Wie sich die Juden der Dienstpflicht entziehen", schreibt ein Berliner Antisemitenblatt: „Wie uns aus Petersburg geschrieben wird, veranlaßten kürzlich die sich immer häufiger mehrenden Fälle, daß russische Juden sich auf jede mögliche und unmögliche Weise der militärischen Dienstpflicht zu entziehen suchen, seitens des Kriegsministers besondere, gegen diese feige und raffinierte Gesellschaft gerichtete Maßregeln. Die Wehrpflichtsbehörden sollen für die dem wehrpflichtigen Alter nahestehenden „Personen mosaischer Konfession" besondere Listen führen und jeden Fall des Nichterscheinens eines Juden zur ärztlichen Besichtigung und zur Anmeldung unnachsichtlich mit einer Strafe von 300 Rubeln belegen. Da erfahrungsgemäß in ähnlichen Fällen aber die Juden sich mittellos stellen und ihre Familie ihnen ohnehin in ihrem Bestreben, die Militärpflicht zu umgehen, behilflich ist, so soll gegebenenfalls diese Strafsumme von der Familie gezahlt werden. Auch sollen diejenigen Juden, die zum Zwecke der Umgehung der Dienstpflicht sich auf gewaltsame Weise Verstümmelungen, Verletzungen, Krankheiten rc. beibringen, besonders empfindlichen Strafen unterliegen. Diese letztere Maßnahme, die eine Ausnahmebestimmung für Juden bildet, hat insofern volle Berechtigung, als in jüdischen Kreisen unter dem Protektorat der Rabbiner und Aeltesten in letztgenannter Beziehung systematisch gesrevelt wird. Ein Beweis hierfür bildet die Entlarvung mehrerer jüdischen Aerzte und Kurpfuscher, welche die Umgehung der Dienstpflicht durch künstliche Operationen, die sie gegen angemessene Entschädigung an ihren Stammesbrüdern vornehmen, zu ihrem Beruf machten." Zunächst ist es geflunkert, daß dem Blatt „aus Petersburg geschrieben wird".- Die Notiz ist irgendwo erfunden und im besten Fall von dem Antisemitenblatt ab geschrieben, natürlich unter Verzicht aus Quellenangabe. Außerdem ist die ganze Meldung erfunden, denn die Juden in Rußland stellen zum russischen Heer weit mehr Rekruten, als nach ihrem Anteil an der Bevölkerung auf sie entfallen würden. Die Disch-galiM Frage. Von Dr. Ernst Tuch, Hamburg. „Darin stimmen alle jüdischen Wohlfahrtsparteien überein, daß ein bedeutendes Stück der Lösung der Judenfrage damit vollbracht wäre, wenn es gelänge, einen größeren Teil der östlichen jüdischen Bevölkerung auf einem dazu geeigneten Territorium dem Ackerbau zuzuführen". Wäre doch diese Ansicht des Herrn Dr. A. Salz in Tarnow, die er in einem letzthin veröffentlichten Artikel, betitelt: „Innere oder äußere Kolonisation in Galizien?" aufstellt, völlig zutreffend, wären doch wirklich die Juden allerorts darüber einig, daß es vornehmste Pflicht ist, die östlichen Juden aus der schmachvollen materiellen und sozialen Lage, in der sie sich heute befinden, zu befreien! Leider überschätzt Herr Dr. Salz das soziale Verständnis seiner „westlichen Stammesgenoffen". Noch viele unter ihnen glauben, daß mit Privatwohlthätigkeit, angewendet auf verschiedene Schäden im eigenen Lande, die große soziale