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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1899-12-08 · 49 (8.12.1899) · p. Seite 781

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
49 (8.12.1899)
Date
1899-12-08
Page
Seite 781 (sequence 13)
Language
German
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Nr. 49. Israelitische Wochenschrift. Seite 781. dem höchsten geistlichen Gerichte, dem Jnquisitionstribunal übergeben wurden. Welches Schicksal der Unglücklichen dort wartet, brauche ich es Euch zu sagen? Ihr wißt es, daß der Beklagenswerte, hinter dem die Thüren dieses Kerkerverließes sich geschlossen haben, auf keine irdische Rettung zu hoffen, mit dem Leben abgeschlossen hat! Und nun gar Eure Verwandten, gegen die eine so gräßliche Anklage erhoben wird . . . Thränen erstickten die Stimme des treuen Freundes, an dessen Brust ich den ganzen Jammer, der mich zerwühltM ausweinte. Wieder rüttelte mich das Bewußtsein der ernsteM Pflicht aus meinem Schmerz auf, stumm drückte ich dem Freunde die Hand und verließ sein Haus. Unbemerkt schlich ich aus der Stadt und kam um Mitternacht in dem Wirtshause an, wo ich meinen treuen Jakob zurückgelassen hatte. Roch vor Tagesanbruch fuhren wir von dannen, das Ziel unserer Fahrt war Liegnitz, wo ich, getreu dem Rate Eures Schwiegervaters, Eure Hilfe, ehrwürdiger Rabbi, anrufen wollte. In Hirschberg erkrankte eins unserer Pferde, ich war genötigt, zu Fuß weiter zu reisen, bis ich zu Euch kam". Der Erzählende war zu Ende. Zum ersten Male hatte er dem tragischen Geschick, das ihn und sein Haus betroffen, Worte geliehen und während er es that, stürmte mit verdoppelter Gewalt das Bewußtsein des ganzen Jammers und Wehs aus ihn ein. Hilseflehend hatte er sein thränenumflortes Auge aus den Rabbi gerichtet, aber dann, außer Stande, seinem Schmerze zu gebieten, preßte er die zitternden Hände vor sein gramzerwühltes Gesicht und brach in ein lautes Schluchzen aus. Dumpfes Schweigen folgte der Erzählung, und auch in den Augen der Hörer schimmerten Thränen. Da legte der Rabbi seine Hand auf des Jünglings Schulter und dieselbe leicht rüttelnd, begann er mit seiner milden, zu Herzen dringenden Stimme: „Fasset Mut, junger Freund; Schweres hat der Allmächtige über Euch verhängt, aber Er, der die Wunden schlägt, vermag sie auch zu heilen. Verzaget nicht! Die Hilfe, die wir Euch bieten können, soll Euch werden. Die siegende Macht der Wahrheit wird auch diesmal die Lüge zu Boden werfen. Unser Herzog ist beim Kaiser Sigismund wohlgelitten und Ihr wisset, daß Euer Gebieter, Herzog Albrecht, Schwiegersohn und dereinstiger Erbe des Kaisers ist. Bei unserem Herrn müssen wir Fürsprache und Schutz zu erflehen suchen. Aber wie, das ist die Frage, die erst erwogen werden will. Unser Herzog ist ein ganz vortrefflicher Herrscher, mild und barmherzig gegen Arme und Bedrückte, aber er ist leichtlebig, verschwenderisch und launenhaft. Im Taumel der Vergnügungen, die an seinem Hose einander jagen, vergißt der Genußsüchtige sehr leicht die Versprechungen, die er früher gegeben, und, wie alle Menschen seines Charakters, liebt er es nicht, an derartigen Zusagen erinnert zu werden. Rur wenn wir Einen seiner Vertrauten für unsere Sache gewonnen haben, der es wagen darf, dem Gedächtnisse des leicht Vergessenden zu Hilfe zu kommen, können wir mit des Allmächtigen Hilfe auf Erfolg hoffen. Ob Ritter Heintz von Zedlitz, der Hauptmann von Ltegnitz, derselbe, der wiederholt in Abwesenheit des Herzogs das Fürstenthum verwaltete, unser Fürsprecher wird sein wollen? Aber Ritter Heintz, des Herzogs Vertrauter, gilt für wenig zugänglich, wer wird ihm unsere Bitte aussprechen dürfen?" „Das lasset mich thun, ehrwürdiger Rabbi", nahm Stenzel Meier das Wort. „Ich erfreue mich der Gunst des Ritters und zwar wegen eines Dienstes, den ich ihm in der Stunde der Not geleistet habe. Mit Verlaub will ich Euch die Sache vortragen, prüfet Ihr, ob ich es daraufhin mit Erfolg wagen darf, den Herrn Heintz von Zedlitz um seine Mithilfe anzugehen. Zum vollen Verständnisse muß ich schon etwas weiter ausholen. Ihr wißt, daß unser Herzogthum Liegnitz bis vor zwei Jahren, also bis zum Jahre 1418, unter der Herrschaft des Fürstbischofs von Breslau, Wenzel I!., stand, der in gerader Linie von den Herzögen von Liegnitz abstammt. Eine zweite Linie gebot über das Fürftenthum Brieg. Als nun der letzte Herzog, Heinrich VIII. starb, siel Brieg seinem älteren Sohne Ludwig II., und Lüben dem jüngeren, Heinrich IX., zu; beide hatten die Anwartschaft auf Liegnitz. Da nun dem Fürstbischof Wenzel die Verwaltung Ltegnitz's zu beschwerlich war, bestellte er Ludwig II., zum Regierungsverweser. Heinrich IX., der sich in seinen Rechtsansprüchen beeinträchtigt glaubte, griff zu den Waffen, und es kam zu jenem blutigen Bruderkriege, dessen Schrecken noch in unser Aller Erinnerung sind. Wenzel, der den Krieg führte, gerieth in Geldnot, und da er durch Ludwig die Subsidien von den Liegnitzer Bürgern erheben ließ, lud er nicht nur sich selbst, sondern auch seinen Unterthanen eine schwere Schuldenlast auf. Schließlich sah sich Wenzel im Jahre 1414 zum Frieden gezwungen, durch die er Heinrich IX. den halben Kreis Goldberg zueignete, dergestalt, daß beiden Brüdern gleichzeitig gehuldigt würde, und daß Derjenige, der das Ganze besitzen wolle, dem anderen sechstausend Gulden herausbezahlen müsse. Ludwig, der aus seiner Rückfahrt vom Konftanzer Konzil in Prag von dieser Entscheidung hörte, versetzte daselbst viele kostbare Kleinodien und nahm auch bei einigen böhmischen Herren Darlehne aus, so daß er im Besitze von sechstausend Gulden nach seinem Regierungssitz Brieg zurückkehrte. Unzweifelhaft wird seine Gattin Elisabeth, die Tochter Friedrichs I. von Hohenzollern, nicht wenige ihrer Kleinodien zu diesem Zwecke geopfert haben. Eines Tages nun beschied mich der Hauptmann Heintz von Zedlitz zu sich aufs Schloß, und nachdem er meinen ehrerbietigen Gruß aufs Freundlichste erwidert hatte, redete er mich also an: „Man sagt mir. daß Ihr ein ehrlicher Mann seid; ich möchte für meinen gnädigen Herrn, den Herzog, eine Anleihe bei Euch machen. Wieviel fordert ihr an Zinsen? Als Pfand soll Euch mein Haus bürgen." — „Gnädiger Herr Hauptmann!" erwiderte ich, ich verlange sechs vom Hundert und verzichte aus die Bürgschaft!" Die Gesichtszüge des Hauptmanns drückten lebhaftes Erstaunen und Wohlwollen aus. „Wie!? Ihr wollt nur sechs vom Hundert haben und noch dazu das Geld ohne Bürgschaft geben? Besinnt Euch! Ich bin gewohnt, für höhere Zinsen und nur unter ausreichendem Pfände Kapitalien zu erhalten. Die Klöster und Städte fordern zwölf und noch mehr vom Hundert an Zinsen und lassen sich Sicherschreibungen aus

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