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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1899-12-08 · 49 (8.12.1899) · p. Seite 779

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
49 (8.12.1899)
Date
1899-12-08
Page
Seite 779 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 49. Israelitische Wochenschrift. Seite 779. durch die Aufforderung, die Juden auszutreiben, erzeugt worden sei. Wengg bestritt die Anwendbarkeit des groben Unfugsparagraphen aus Preßdelikte. Im übrigen habe er nur die notwendigen Konsequenzen aus gegebenen Thatsachen gezogen. Er habe auch nicht von den Juden, sondern nur von den Anhängern des Ritualmords gesprochen. Das Urteil verwarf die Beschwerde Schoys, weil er nicht erschienen ist, und verurteilt Wengg zu 50 Mk. Geldstrafe. Der Artikel sei zweifellos direkt gegen alle Juden, nicht nur gegen allenfallsige Anhänger des Ritualmords gerichtet und geeignet gewesen, Beunruhigungen zu erzeugen. Er streife sehr nahe an den Strafgesetzbuch-Paragraphen von der Aufreizung zu Gewaltthätigkeiten, und nur weil die Art der Gewaltthätigkeiten in dem Artikel nicht bezeichnet wurde, sei nicht die Verweisung vor das Schwurgericht erfolgt. Wenn die Antisemiten an Ritualmord glaubten, so müsse man doch die übrigen Personen in Betracht ziehen, die solchen Glauben für Wahnwitz erklären. Die Rechte der Juden würden in dem Artikel gefährdet. Ihr Recht sei ein verfassungsmäßiges, und gegen die Gefährdung ihrer öffentlich garantierten Rechte müsse angestrebt werden. %v ' Wien, 2. Dezember. (Arbeitsnachweis.) Vor Kurzem hat der Bnei Berith- Orden hier ein jüdisches Arbeitsnachweis- Bureau eingerichtet, das für Wien eine dringende Notwendigkeit gewesen ist. Ein städtisches Arbeitsbureau hat bereits seit einigen Jahren bestanden, hat aber von jüdischen Arbeitern fast garnicht benutzt werden können, weil die städtische Verwaltung in antisemitischen Händen ruht, und die das städtische Bureau ansprechenden Arbeitgeber ebenfalls zum großen Teile Antisemiten sind. Bei dem neuen jüdischen Bureau haben sich bereits in der ersten Woche 500 Arbeitsucher und 50 Arbeitgeber einschreiben lassen. Die Arbeitsräume des jüdischen Arbeitsnachweises sind in der Leopoldstadt gelegen und bequem eingerichtet. Die Räume für Frauen und Männer sind getrennt, für Lehrer, Studenten und Schriftsteller ist ein besonderes Zimmer reserviert. Vorsteher des Bureaus ist Dr. Nathan Birnbaum, die Oberaufsicht hat Herr Rosenseld übernommen. Tarnow, 3. Dezember. (Kolonisation.) Der Verein Ahawath-Zion hat eine erste Gruppe von Bergarbeitern aus Boryslaw in die Kolonie Chedora in Palästina entsandt und in Triest eingeschifft. Die Gruppe besteht aus 9 Personen. Die Entsendung einer zweiten, größeren Gruppe steht nahe bevor. Die Kosten der Entsendung der ersten Gruppe, 2000 Mk., sind fast ausschließlich von den Lesern der „Israelitischen Wochenschrift" (1780 Mk.) beigesteuert. London, 4. Dezember. (Kinder des Ghetto.) Am Montag den 11. er. findet hier im Adelphi-Theater die Erstaufführung des Zangwillschen Schauspiels „Kinder des Ghetto" statt, das der Autor nach seinem gleichnamigen, in unserem Blatte veröffentlichten Roman dramatisiert hat. Riga, 25. November. (Tod des Rabbiners Salomon Pucher.) Durch das Hinscheiden des allgemein verehrten Rabbiners Salomon Pucher hat nicht nur die hiesige jüdische Gemeinde, sondern die Judenschaft von ganz Rußland einen großen Verlust erlitten. Unserer Gemeinde hat der Verstorbene nur wenige Jahre, von 1893—1898, als Rabbiner vorgestanden, doch seine lange Wirksamkeit in unserer Nachbarstadt Mitau hatte ihn uns schon seit Jahren lieben und verehren gelehrt. Salomon Pucher ist im Jahr 1859 gleich nach Verlassen der Rabbinerschule zu Wilna als Rabbiner an die Gemeinde Mitau berufen worden. Seine Studien in der Bibelexegese und der talmudischen Wissenschaft mit seltenem Fleiß und Ausdauer fortsetzend, nahm sich der junge Rabbiner mit warmen Herzen und treuer Hingebung der ihm anvertrauten Gemeinde an, überall Ordnung schaffend und feste Prinzipien einführend. Sämmtliche jüdische Wohlthätigkeitsanstalten und Vereine Mitaus verdanken seiner rastlosen Thätigkeit und treuen Fürsorge ihre musterhaften Einrichtungen, ihre bestätigten Statuten, ihre durch Stiftungen und Legate begründeten Fonds. Besondere Aufmerksamkeit widmete Salomon Pucher der bis dahin arg vernachlässigten religiösen Erziehung der weiblichen Jugend. Seinem großen Rednertalent — er predigte in deutscher Sprache — gelang es, auf seine Zuhörer hinzuwirken und zu guten Werken zu erwärmen. Ueberall, wo es galt, für Wahrheit und Recht einzutreten, wo es galt, seinen Glauben und seine Glaubensgenossen gegen ungerechte Anfeindungen und Angriffe zu verteidigen, war er der Erste und Beharrlichste. In Wort und Schrift, durch Broschüren und Zeitungen hat er sein ganzes Leben hindurch mit tapferem Muth und edler Selbstverleugnung gekämpft, wobei die baltische Presse seinen Ausführungen allzeit weilen Raum verlieh. Volle vierunddreißig Jahre hindurch hat der Entschlafene an der Spitze der Mitauschen israelitischen Gemeinde segensreich gewirkt, bis er im Jahre 1893 aus den Posten eines Rigaschen Oberrabbiners berufen wurde. Zugleich wurde er vom Minister des Innern zum Beamten für jüdische Angelegenheiten bei dem Gouverneur von Livland und Kurland ernannt. So oft die jüdischen Gemeinden in den Ostseeprovinzen eines begabten Redners, eines würdigen Repräsentanten bedurften, fiel die Wahl allzeit auf den Verewigten. So wurde er seiner Zeit von der Rigaschen jüdischen Gemeinde aufgesordert, die jüdische Deputation anzusühren, die den Kaiser Alexander II. bei Gelegenheit seiner Anwesenheit in Riga begrüßen sollte. Aus ähnlichem Anlaß wurde er nach Libau und Jurjew berufen. Im Jahre 1864 begab sich Pucher als Delcgirter der Oftsecprovinzen nach Petersburg, um in der Kommission mitzuwirken, die die Regelung der Wohnrechte der jüdischen Handwerker zur Aufgabe hatte. Schließlich ist ihm die hohe Auszeichnung zu teil geworden, sich als einer der vier Abgeordneten der gesamten jüdischen Bevölkerung von Rußland dem Kaiser vorsteüen und das Geschenk der Juden aus Anlaß der Krönung überreichen zu dürfen. Der Beerdigung des hochverehrten Rabbiners wohnten mehrere tausend Personen bei, von denen ein großer Teil aus Mitau und anderen Nachborstädten herbeigeeilt war. Dem Trauergottesdienst in der Synagoge konnte nur ein kleiner Teil des Publikums beiwohnen, das übrige Trauergesolge wartete auf der Straße und geleitete den Zug auf den Friedhof. Im Trauerhaus, in der Synagoge und am Grab des zu früh Geschiedenen wurden von Rabbinern, Lehrern und von Schülern in warmen Worten die Verdienste Salomon Pnchers hervorgehoben und sein Htnscheiden betrauert.

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