Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 49 (8.12.1899)
- Date
- 1899-12-08
- Page
- Seite 776 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 776 Israelitische Wochenschrift. Nr. 49. Anregung, aber die bezüglich der wohlhabenden Eltern geäußerten Bedenken seien nicht unberechtigt, was man bedauern, aber nicht ändern könne. Die Interpretation des Gesetzes durch Herrn Landgerichtsrat Löwe sei irrig. Das Gesetz lege der Gemeinde die Verpflichtung zur Errichtung von Religionsschulen auf, lasse ihr aber genau so wie bei den Synagogen die Berechtigung der Erhebung einer Gebühr für die Benutzung d.r in ihr bestehenden Institute. — Professor Geiger hält die Aufhebung des Schulgelds für inopportun. Die Schulen würden dadurch von dem hohen Niveau, das sie erreicht hätten, herabgedrückt werden. — Professor Blaschke würdigt die von den Schulleitern gegen die Aufhebung betonten Gründe, aber er macht auf die Klage der Leiter aufmerksam, daß in den letzten Monaten ein Rückgang in der Schülerzahl eingetreten sei, der mit Recht auf Rechnung der Ausbreitung des Religionsunterrichts an den öffentlichen Lehranstalten gesetzt würde. Dem Argument, daß die Schulen zu Armenschulen würden, könne er unter keinen Umständen beitreten. Die Schulen könnten auch nicht an Wert verlieren, ob Schulgeld entrichtet werde oder nicht. Der Wert der Schule hänge doch lediglich davon ab, was sie leiste, nicht was sie koste. Die Erledigung der Frage werde ja erst bei der nächsten Etatsperiode aktuell werden, im Prinzip aber bitte er, die Anregung gut zu heißen. — Herr Leonhard Sachs betont noch einmal die milde Praxis des Schulgelderlasses, der ohne jeden Disput, ohne Recherche stattfände. Es sei von sehr großem Werte und höchst erfreulich, die Kinder derjenigen Eltern unter den Schülern zu wissen, die noch vor 20 Jahren vor dem Gedanken zurückgeschreckt seien, ihre Kinder in die Religionsschule zu schicken. Die Angelegenheit sei so unendlich wichtig, daß sie heute nicht geregelt werden könne. Er zweifle nicht, daß man zu dem Resultat kommen werde, daß der jetzige Weg der richtige sei. — Vorsteher Dr. Lachmann bestreitet, daß die Zahl der Schüler in den Religionsschulen abgenommen habe. Im Gegenteil sei diesmal ein Zugang an Sckülern gewesen, wie er noch nie in Berlin stattgefunden hätte. 146 Schüler seien neu angcmeldet. — Professor Lewin glaubt, daß die Frage des kostenlosen Unterrichts in dem Moment, wo sie in dem beabsichtigten Sinn gelöst würde, zweifellos einen Fortschritt darstellen werde, der nicht nur der Gemeinde zu Gute käme, sondern auch ein sozialer sein würde. Was in Frankreich seit langem von Staatswegen eingesührt sei, dem gegenüber solle sich nicht eine Gemeinde sträuben, die über die Mittel reichlich verfüge. Der kostenlose Besuch der Synagogen sei zweifellos ein Correlat zum unentgeltlichen Unterricht. Es sei eine Schmach und Schande und widerstrebe ganz dem Gefühl, für den Eintritt in ein Gotteshaus bezahlen zu lassen. Mit allen den Kämpfen, die um diese Frage geführt worden seien, hätte man glücklich erreicht, daß in einer Synagoge ein paar Plätze mehr als Freistellen ausgegeben worden seien. Es handle sich darum, die Frage vom geläuterten sozialen Standpunkt aus zu erledigen, und vom Standpunkt des Judenthums aus, das früher niemals für derartige Einrichtungen hätte bezahlen lassen. Mit dem Augenblick, wo alles innerhalb der Gemeinde bezahlt würde, seien auch die freiwilligen Spenden erheblich zurückgegangen. Das Repräsentanten-Kollcgium würde sich aus die Höhe humaner Anschauung heben, wenn es einfach in einer der nächsten Sitzungen beschließen würde, das Schulgeld nicht nur für die Religtonsschulen, sondern auch für die Gemeindeschulen auszuheben. Dann werde man erkennen, daß innerhalb der jüdischen Gemeinde ein weiterer Blick vorhanden sei. — Dr. Minden schließt sich den Ausführungen des Vorredners an. Nur möchte er vorschlagen, die wichtige Frage der gemischten Kommission zu überweisen, die über die anderen Schulfragen berate. — Nachdem Vorsteher Jacoby bemerkt, daß die Vermietung der Synagogenplätze nicht der Neuzeit angehöre, daß in den fast 200 Jahren, seitdem die Synagoge in der Heidereutergasse bestände, stets die Plätze, und das zu höheren Preisen als jetzt, vermietet worden seien, und Herr Landgerichtsrat Löwe noch einmal das Prinzip des genannten Gesetzesparagraphen, daß die Gemeinde den Unterricht unentgeltlich geben müsse, betont hatte, wiederholt Professor Blaschke, daß ihm mehrfach Klagen über den Rückgang der Schülerzahl in den Religionsschulen mitgeteilt worden seien. Vielleicht treffe diese Klage bei der zweiten Religionsschule gerade nicht zu. Wenn es wirklich Kreise geben sollte, die bei der Schulgeldsreigabe ihre Kinder herausnehmen würden, so vertreten diese Kreise ein ganz unberechtigtes Prinzip, das weder vom pädagogischen noch vom allgemein sozialen Standpunkt zu billigen sei. — Die Debatte wird geschlossen, der Schulverwaltung Decharge erteilt. — Der noch auf der Tagesordnung befindliche Abschluß der Gemeindehauptkasse wird auf Antrag des Referenten abgesetzt. Professor Geiger nimmt die von Professor Lewin bereits geäußerte Bitte noch einmal aus, Punkt 8, „Erhöhung von Gehältern", in der öffentlichen Sitzung zu erledigen. Der Vorsitzende widerspricht dem und stellt anheim, in der geheimen Sitzung die Verlegung der Vorlage in die öffentliche zu beantragen. Berlin, 2. Dezember. (Vorstandswahl, Rabbinergehälter.') Die Repräsentanten der hiesigen Gemeinde haben heute vier Mitglieder des Vorstands gewählt, deren Mandat am 31. d. Mts. abläuft. Die Herren Justizrat Meyer und Dr. Lachmann wurden mit großer Mehrheit wiedergewählt. Herr Wilhelm Goldschmidt, der konservativen Richtung angehörig, kam nur mit 11 gegen 8 Stimmen zur Wiederwahl. Die acht Stimmen, die sich ihm entzogen, fielen auf Herrn Leonhard Sachs und gehörten den Liberalen. Ob diese zu Herrn Leonhard Sachs größeres Zutrauen haben als zu Herrn Goldschmidt, ob sie von ihrem liberalen Standpunkt aus Herrn Leonhard Sachs für einen gefügigeren Vertreter konservativer Richtung hielten, oder ob sie Herrn Leonhard Sachs aus der Repräsentantenversammlung hinauswählen wollten, um ein neues liberales Mitglied für die Repräsentanz zu gewinnen, mag dahingestellt bleiben. An Stelle des Herrn Geheimrat Boas, der eine Wiederwahl ablehnte, wurde Herr Netter gewählt. Dieser gehörte bisher der Friedhofskommission an. Er nimmt ungefähr dieselbe Stellung ein wie der verstorbene Vorsteher Julius Isaak. Zum Vorsteher - Stellvertreter wurde Herr Solmitz wiedergewählt. Im Wesentlichen ist also Alles beim Alten geblieben. Nach vollzogener Wahl fand eine geheime Sitzung statt, in der der Vorschlag des Vorstands zur Beratung stand, den vier älteren Rabbinern der Gemeinde eine Gehaltszulage von je 1000 Mark zu gewähren.