Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 42 (20.10.1899)
- Date
- 1899-10-20
- Page
- Seite 671 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9605007-9605138--7554-9605161- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 42. Israelitische Wochenschrift. Seite 671. mir." Ec sprach aufgeregt und eifrig, mit feinem Lächeln; plötzlich aber hielt er inne und betrachtete ausnurksam seinen Gast, der, ihm keine Aufmerksamkeit schenkend mit erhobenem Haupte und halbgeöffnetem Munde die Uhr fixierte und ihni zuries: „Gieb einen Sessel und eine Lampe her, d nn ich kann das Landschastsbild auf dem Zifferblatt nicht erkennen." Bei dm letzten Worten bestieg der alte Herr den ihm vom Juden hingeschobenen Stuhl. „Gieb die Lampe" ries er. „Gleich, gleich, Euer Gnaden". Dies sagend, befand sich der Jude mit einer Lampe in der Hand auf einem zweiten Stuhl an der Seite des alten Herrn. „Gmf!" ries dieser, ja so ist es. Eine Schweizer Fabrik, weist Du nicht, was für eine?" „Warum soll ich nicht wissen? Kann ich nicht etwas von ihr wissen?" Triumphierend nannte der Uhrmacher die schon längst eingegangcne Fabriksfirma und meinte: „Das ist wahr, ach, wie wahx ist es, daß eine zweite solche Fabrik nicht mehr existiert. Und wie zieht man die Uhr auf?" Als hätte er ihn aus dem Acrmel geschüttelt, hielt der alte Jude den Schlüssel schon in den Fingern; er hatte ihn aus einem Versteck im Schränkchen hervorgeholt. „So wird sie aufgezogen! Wie gut es ist, daß ich sie heute noch nicht ausgezogen habe, denn so kann ich es Euer Gnaden zeigen! Wie sein das Ganze ist, solch ein alter Schlüssel und er schlüpft hinein wie ein Aal." „So! Aha! Und ich wähnte, daß sie von der anderen Seite ausgezogen wird, denn solche Uhren . . ." „Euer Gnaden irren, solche Uhren werden nie ron der Rückseite ausgezogen, wie andere Uhren. Und jetzt werde ich Euer Gnaden die Verzierungen zeigen. Sehen Euer Gnaden, wie fein diese Schnitzereien und Vergoldungen. „Empire!" flüsterte der alte Herr. „Ampir! cha, cha, cha! Bei meinem Gewissen, Euer Gnaden verstehen sich aus Uhren, wie, mit Verlaub ein Uhrmacher! Wirklich Ampir! Beinahe schon hundert Jahr . . ." Warte, warte, was ist das für eine Feder?" „Nun das ist solch eine Feder, daß, wenn man aus sie drückt, eilt Vogel gleich zum Vorschein kommt, der mit den Flügeln schlägt und zu schreien anfängt. „Aha! Richtig! Ich habe einmal solch einen Mechanismus gesehen." „Wenn Euer Gnaden dies auch schon einmal gesehen so will ich es doch noch einmal zeigen. Sie standen neben einander aus den Slühlen, ungleich von Gestalt, denn der Wirt war schmächtiger und kleiner als sein Gast. Das Licht der Lampe, die der Jude in seiner erhobenen Hand hielt, fiel aus zwei Gesichter von ungleichmäßigen Zügen, die aber gleichmäßig mit einer großen Anzahl von Runzeln bedeckt waren. Beide trugen Augengläser und ihre Blicke waren ' mit gleichmäßiger Seligkeit aus die Uhr geheftet. Da sprang über ihren Häuptern und gefurchten Gesichtern der durch die Sprungfeder in Bewegung gesetzte Vogel aus dem Gehäuse, rauschte mit den Flügeln und begann mit metallischer klang- 1 voller Stimme „Kuckuck, Kuckuck" zu rufen. Der Jude stieg zuerst vom Stuhl aus den Fußboden, half seinem Gaste beim Hinabstekgen und immer noch die Lampe in der Hand haltend, begann er ihn wieder zu betrachten. „Mit Verlaub Eller Gnaden", flüsterte er schüchtern, „ich irre vielleicht, aber mir scheint, daß meine alten Augen Euer Gnaden erkennen . . . ." „Warte, warte", erwiderte lebhaft der alte Herr, „mir schwant auch was. Habe ich Dich je gekannt?" „Euer Gnaden sind Gras Xaver von Strumienica . . . ." „Nun, und Du? Denn ich kann mich nicht entsinnen . . . ." „Und ich bin Berek, Schimschels Sohn, des Pächters in Strumienica . . ." „Berek! Ist das möglich? Dessen entsinne ich mich ja ausgezeichnet. Du hast einst meiner Schwester zu irgend einem Bilde Modell gestanden". Der Jude neigte bejahend sein Haupt; er stellte die Lampe auf den Tisch, denn seine Hände begannen zu zittern. Er zog aus einem Winkel einen alten Lehnstuhl mit eingefallener Polsterung und defekter Lehne hervor und bot ihn dem Grasen als Sitz an. Er schnalzte mit der Zunge, lachte und seine geröteten Augenlider blinzelten unter seinen grauen Brauen wie geblendet. Schließlich setzte er sich, betrachtete den Gast und gab unartikulierte Laute von sich, die Freude und Verwunderung ausdrückten. Aber auch der alte Herr betrachtete ihn verwundert. „Ist das möglich? Du, Du bist der Berek mit dem lockigen Goldhaare, mit dem feingeröteten Mädchengesicht und mit den Augen, wie Türktffe? Meine Schwester hatte Dich als Modell für irgend ein Bild genommen und Du kamst dann öfters ins Palais ... Du bist es also?" Ich, ja ich. Euer Gnaden. Und Euer Gnaden sind jener Junker, der die Treppen des Palais in Strumiemca nicht anders hinausftieg, als indem er vier Stiegen aus einmal übersprang. Als die gnädige Komtessin mich malte, und der gnädige Gras Xaver im Zimmer, in dem wir weilten, erschien, war es, als wäre die Sonne ausg.'gangen. Und denke ich dann nicht, wie Euer Gnaden zu reiten und mit dem Fräulein zu tanzen pflegte . . . Wenn noch so viele Herren zu Pferde waren, wurden sie von Euer Gnaden überflügelt und wie noch so viele Damen tanzten, so wollten sie alle nur mit dem Herrn Grasen tanzen. Ich habe all dies gesehen, obwohl nur hiuter der Hecke oder hinter einem Fenster des Palais lehnend . . . ." Fortsetzung folgt.) Brief- und Lragekasten. Herrn I. L. in B. Wären Sie nur früher gekommen. Jetzt ist der Vorrat längst herein. — Herrn G. in K. Berichte werden sehr willkommen sein. — Herrn Dr. A. L. in Fr. Das schlechte Stück ist schon vor drei Jahren in Berlin durchgefallen. — Herrn W. M. in Br. Es bedarf der wiederholten schriftlichen und mündlichen Erklärung vor Gericht, daß der Austritt „aus Gewissensbedenken" erfolge. Die Friedhossrechte erlöschen mit dem Austritt.