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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1899-10-20 · 42 (20.10.1899) · p. Seite 670

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
42 (20.10.1899)
Date
1899-10-20
Page
Seite 670 (sequence 23)
Language
German
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Seite 670. Israelitische Wochenschrift. Nr. 42. mehr begreifen. Er hatte geliebte Ideale, die ihm als Maßstab dienten, Menschen und Dinge zu beurteilen. Wenn er aber diesen Maßstab anlegte, erschienen seine Tochter, sein Schwiegersohn und seine Enkel verschwindend klein. Er will nicht ungerecht sein, und seine väterliche Zuneigung regt sich in ihm. Tochter und Schwiegersohn, Enkelinnen und Enkel haben ihre Vorzüge, ihre Reize, ihre Fähigkeiten, nur kann er äußerst selten mit ihnen übereinstimmen. Er hat andere Anschauungen und Geschmacksrichtungen, andere Rückerinnerungen. Sie würden vor Langweile einschlasen, wenn er ihnen das auseinandersetzen wollte, womit sein Geist sich Tag und Nacht beschäftigt. Er geht jetzt langsamer, und wenn er an eine Stelle kommt, wo aus einem Schaufenster Heller Lichtschein dringt, schimmert an seinem Halse der Biberkragen, an den Augen die goldene Brilleneinsassung und in den Händen der geschnitzte Stockgriff, leuchtet der wallende Bart wie Schneeflocken. Aber die beleuchteten Stellen werden immer seltener, und Halbdunkel herrscht in den Straßen. Der Straßenverkehr wird schwächer, man hört kein Wagengerassel mehr, und nur von Zeit zu Zeit vernimmt man das Geläut einer Schlittenglocke. Selbst die Straßenlaternen scheinen hinter trübem Glase matter zu leuchten. Die Bürgersteige sind schmäler, öder, die Häuser niedriger, die Fenster spärlicher beleuchtet. Man erblickt hinter ihren Scheiben keine schmucken Lampen, keine prächtigen Vasen, man vernimmt keine Musik. Dieser Stadtteil ist viel ärmer als jener, in der sich seine und seiner Kinder prachtvolle Wohnung befindet. Hier haust zwar noch kein Elend, aber eine ihr sehr nahestehende Armut und nur vereinzelt ein sehr bescheidener Wohlstand, bescheidene Gewölbe treten an Stelle der Magazine mit glänzenden Auslagen, bunte Schilder flimmern in schwachem Lichtscheine an alten Thüren und kleinen Fenstern, manche knarren wie eine Wetterfahne im Winde über den Häusern der Passanten. Manchmal schaukelt sich und knarrt ein Brett mit gemaltem, großem, weißen Zifferblatt aus dunklem Hintergrund, einem alten und versteinerten Gesichte nicht unähnlich. Die verschossenen Ziffern und Zeiger schauen wie vom Zahn der Zeit eingegrabene Runzeln aus; Sommerftaub und Herbstregen haben eine Menge schwarzer Punkte, wie vertrocknete Thränen, zurückgelassen. Der Blick des alten Herrn im Biberpelz fiel zufällig auf das gemalte Zifferblatt, das sich im Windhauch wie ächzend leicht hin und her bewegte. Das klang wie eine von wehklagender Stimme hervorgebrachte Einladung. Eine Uhr aus dem Schilde! Ein Uhrmacher! Das ist sehr gut! Seine Uhr erheischt eben eine Reparatur. Seit einiger Zeit bleibt sie täglich um einige Minuten zurück. Er richtet sie fortwährend, schiebt vor, rückt zurück — alles hilft nichts, und doch versteht er sich ausgezeichnet aus Uhren und sämtliche in seinem Hause befindlichen stehen unter seiner ausschließlichen Obhut. Aber für seinen alten Freund muß man ärztlichen Rat in Anspruch nehmen. Er stieg die Stufen hinan und öffnete die Gewölbethür; als er sie aber hinter sich schloß, entfernte.er sich nicht gleich von der Schwelle, sondern stand einige Minuten lang unbeweglich, lauschend und schauend. Das Stübchen war klein, niedrig und mit einem sonderbaren, monotonen und schnellen Geräusch erfüllt. Nichts war sonst hier zu hören, weder der Straßenlärm noch das Knarren der Schilder oder sonst irgend ein Laut aus der Außenwelt, nur das trockene, klopfende Tick-Tack der an den Wänden hängenden Uhren, das sich wie ein regelmäßiges, vielzüngiges Gespräch ausnahm. Und in diesem unaufhörlichen, eintönigen Getöse saß beim einzigen Fenster an einem Tischchen, aus dem eine Lampe brannte, ein Mann in langer, abgetragener Kleidung, über eine Menge glänzender Rädchen, Springsedern rc. gebeugt. Auch er hatte einen dräuen, wallenden Bart, wie Schneeflocken, und hinter seinem Sammtkäppchen fielen ihm graue Haarsträhnen in den Nacken. Er saß da mit großen Augengläsern, in der Hand winzige Instrumente, und hantierte mit den glitzernden kleinen Sächelchen. Seine Stirn war in Furchen gelegt, und in seinen Augen, die unter den grauen Brauen und geröteten Lidern hervor erglänzten, drückte sich ein tiefes Sinnen aus; sein Ohr hatte sich vielleicht schon so sehr an die klopfende Unterhaltung der Uhren gewöhnt und darin eingelebt, daß andere Töne nur schwer in ihm widerhallten; er hatte das Eintreten des fremden Mannes nicht vernommen. Nach einer Weile übertönte eine sonore, klangvolle, überaus frische und lebhafte Stimme das allgemeine Geräusch, die ganze Stube mit ihrem ku, ku, ku, ku erfüllend, bis sie beim achten Schlage verstummte, und wieder begann das geräuschvolle, gleichmäßige, hastige und unruhige Uhren- Konzert. Der alte Jude richtete sein Haupt empor, seine Lippen dehnten sich in einem glückseligen Lächeln, er blickte voller Zufriedenheit um sich und gewahrte den Ankömmling, der eine lächelnde Miene annahm. Er richtete sich etwas vom Stuhle aus, berührte das Käppi mit grüßender Geberde und begann: „Womit kann ich dem Herrn dienen?" Als er aber die gebeugte, aber noch immer imponierende Gestalt im kostbaren Pelz erblickte, verbesserte er sich: „Was befehlen Euer Gnaden?" Statt zu antworten, ging der „gnädige Herr" auf die Wand mit der tickenden Uhr zu und blieb vor jener Uhr stehen, die die Kuckuckstöne hatte vernehmen lassen. „Woher hast Du diese Uhr? Sie ist altfränkisch, das Zifferblatt ist eigenartig! Woher hast Du sie? Wem gehört sie?" Der Jude schnallte wie eine Sprungfeder von seinem Sitze empor und befand sich mit einem Satze an der Seite des alten Herrn vor einem Ebenholzschränkchen, durch dessen Oeffnung die Kuckucksuhr zum Vorschein kam. „Wessen diese Uhr sei? Und wessen sollte sie denn sein? Mein ist sie! Wie ein Sohn seinem Vater, wie ein Freund seinem Freunde, so gehört sie mir! Dachten wir gerade, die Uhr befinde sich bei mir in Reparatur, es könne jemand kommen und sie abholen? Der käme nicht mit heiler Haut davon, wer mir die Uhr wegnehmen wollte! ich würde so großen Lärm machen, daß die Leute in hellen Haufen herbeiströmten, um den Mann zu vertreiben, denn die Uhr gehört

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