Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 42 (20.10.1899)
- Date
- 1899-10-20
- Page
- Seite 665 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 42. Israelitische Wochenschrift. Seite 665. Stellvertreter hatte Herr Goldschmidt noch eine dreijährige Amtsdaner vor sich, als Vorstandsmitglied ist ihm nur eine zweimonatige beschieden. Nach zwei Monaten ist er nicht Stellvertreter mehr noch Vorsteher, wenn er nicht aufs neue gewählt wird, und das ist immerhin recht zweifelhaft. Denn die liberalen Repräsentanten, die ganz allein entscheiden, obwohl sie nicht die Mehrheit für sich allein haben, gehen mit großen Dingen um. Zunächst wollen sie das Vorstandsmitglied neu aus den Schild erheben, das vor drei Jahren dem Zorn der Konservativen weichen mußte, weil es durch seine intellektuelle Potenz sie im tiefsten Gemüt gekränkt hatte. Nicht seine liberale Gesinnung machte Herrn Direktor Hermann in ihren Augen für die Mitgliedschaft im Vorstand ungeeignet, denn sie haben drei Stock-Liberale gewählt und selbst unter drei Stellvertretern zwei den Liberalen eingeräumt; aber er genierte sie durch sein jüdisches Wissen, seine Sachkunde und namentlich durch seinen schlagfertigen Witz. Das konnten sie ihm nicht verzeihen. Jetzt werden sie ihn sich von den Liberalen gleichwohlwiederbringen lassen. — Für die kommenden Vorstandswahlen werden sonst noch manche Namen genannt. Denn diesmal ist unbedingte Wiederwahl nicht die Parole. Zwar Herrn Justizrat Meyer hebt man abermals aus den Schild, wenn es nicht gelingen sollte, ihn zu freiwilligem Verzicht zu bestimmen. Man wäre bereit, ihn zum Ehrenvorsteher zu machen — ganz nach dem Grundsatz: promoveatur ut amoveatur — aber es scheint, er will bleiben, wie er ist. Auch Herr Jakobi gilt für einen sicheren Kandidaten. Er ist, sagt man, der unübertreffliche Etatsarbeiter. Gewiß ist, daß außer ihm keiner den Gemeindeetat versteht. Im Uebrigen wird nach neuen Vorstandsmitgliedern wie mit Licht gesucht. Was aber am meisten auffallen muß, das ist nicht das Suchen nach einem Vorstand, sondern das geflissentliche Vermeiden eines bestimmten Namens. Die Liberalen verdanken ihren vorjährigen Wahlsieg — und zugleich die Niederlage ihrer besten Männer — der Bundesgenossenschast des Herrn Gustav Levinstein und seiner Anhänger, die für Einführung sonntäglichen Predigtgottesdienstes schwärmten. Wie kommt es, daß die Liberalen ihres Protektors jetzt gar nicht gedenken und ihn nicht für die Vorstandsmitgliedschaft präsentieren? Das ist kein Zeichen dankbarer Gesinnung, auch kein Zeichen für einen besonderen Bekenntnismut. Wir sind darüber nicht erstaunt; aber Höflichkeit verlangt, daß man sich erstaunt stellt. Und wie mit Herrn Gustav Lewinstein, so ist es mit Herrn Justizrat Breslauer, dem weiland Parteipabst der Liberalen: er ist aus dem Sattel gefallen, noch ehe er darin saß. 8. Berlin, 15. Oktober. (Beisetzung des Vorstehers Herrn Jsaae). Am Mittwoch, den 11. Oktober, ist hier, wie wir in voriger Nummer bereits gemeldet haben. Herr Jsaac Ely Jsaac, Mitglied des Gemeindevorstands, gestorben. Als Mitglied der Armenkommission war er im Jahre 1875 zum ersten Mal zur jüdischen Gemeinde in Beziehung getreten. Er war dann in den Jahren 1881 bis 1893 Vorsteher der Krankenkasse, 1884 Vorsteher der alten Synagoge, 1886 Vorsteher der Synagoge Kaiserstraße. Im Jahre 1886 wurde er in die Repräsentanten-Versammlung gewählt, der er bis zum Jahre 1893 angehörte, im Jahre 1894 wurde er in den Gemeindevorstand berufen. In diesem Amt leitete er in den Jahren 1894 bis 1896 als Vorsitzender die Armenkommission und übernahm im Jahre 1896 die Verwaltung der Friedhosskommission, die er bis zuletzt führte. Auch in den Dienst des Spar- und Hilfsvereins der Beamten der jüdischen Gemeinde hat der Verstorbene seine rege Thätigkeit gestellt. In allen Aemtern, die der Verblichene seit nunmehr 24 Jahren leitete, hat er ein Vorbild treuer Pflichterfüllung gegeben, mit nie ermüdendem Eifer hat er seine besten Kräfte für das Wohl und die gedeihliche Entwickelung der Gemeindeinstitutionen eingesetzt. Mit den besten menschlichen Eigenschaften ausgerüstet, von edler Herzensgüte, lauterer Gesinnung, von strenger Rechtlichkeit, hat er in seiner Schlichtheit die Liebe Aller zu erwerben gewußt und sich ein dauerndes Andenken in unserer Gemeinde gesichert. An der Beerdigung, die heute stattsand, beteiligte sich ein zahlreiches Trauergefolge. Die Halle auf dem Friedhose in der Schönhauser Allee vermochte nicht die nach hunderten zählende Menge der Erschienenen zu fassen. Der Gemeindevorstand war in corpore erschienen, in großer Zahl die Repräsentanten und Vertreter der übrigen Gemeindeinstitutionen, das Beamtenpersonal der Gemeinde; sehr lebhaft war ferner die Beteiligung aus den Kreisen der hiesigen Börsen- und Finanzwelt. Auch der Staatskommissar bei der hiesigen Börse, Herr Geheimer Oberregierungsrat Hemptenmacher befand sich im Trauergeleite. Die schwarz ausgeschlagene Friedhosshaüe war in einen Blumenhain verwandelt. Kostbare Kranzspenden und Palmenarrangements waren eingegangen u. A. vom Vorstand und Repräsentanten- Kollegium der Gemeinde, von allen Institutionen, denen der Verklärte nahe gestanden, von der Vereinigung der Kursmakler der hiesigen Fondsbörse, von der Preußischen Bodenkreditbank, von der Deutschen Bodenbank u. s. w. Nach einleitendem Chorgesang hielt Rabbiner Dr. Weiße eine tief empfundene Gedenkrede, in der er die Charaktereigenschaften des Verstorbenen würdigte. Chorgesang beendete die erhebende Feier. 8. Berlin, 17. Oktober. (Sitzung der Repräsentanten.) Die Repräsentanten-Sitzung von gestern Abend wurde vom Vorsitzenden Louis Sachs mit einem dem verstorbenen Vorstandsmitglied Jsaac gewidmeten warmen Nachruf eröffnet. Danach sprach der Vorsitzende für das ihm zur silbernen Hochzeit übersandte Glückwunschschreiben seinen Dank aus. Es liegen mehrere geschäftliche Mitteilungen vor. DieMedaktionen der „Vosstschen Zeitung" und des „Berliner Tageblatt" haben sich aus Ersuchen des Vorstandes bereit erklärt, die wöchentlichen Anzeigen für den Gottesdienst unentgeltlich auszunehmen. Der Gemeindevorstand bittet, rechtzeitig Kenntnis von den Ausschußsitzungen zu erhalten, um, wenn nötig. Kommissare entsenden zu können. An Stelle des verewigten Herrn Jsaac ist Herr Wilhelm Goldschmidt in den Vorstand eingetreten. Laut Statut ist nunmehr ein neuer Stellvertreter binnen sechs Wochen zu wählen, und das nur für die Amtsdauer des Herrn Goldschmidt. Die Angelegenheit wird vom Vorsitzenden dem Ausschuß III zur Vorberatung übergeben, ebenso die Neuwahl eines Mitgliedes der Subventionskommission, da Professor Lewin seine Mitgliedschaft darin niedergelegt hat. Es folgt die Beratung der in voriger