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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1899-10-20 · 42 (20.10.1899) · p. Seite 663

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
42 (20.10.1899)
Date
1899-10-20
Page
Seite 663 (sequence 16)
Language
German
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Nr. 42. Israelitische Wochenschrift. Seite 663. nur die Entwicklungsfähigkeit nicht, denn mit ihr vernichtet man sein eigenstes Wesen, so bewährt sich abermals die Tiefe dieser in Israel wurzelnden Hoffnung in ihrer ursprünglichen Reinheit; sie findet ihre Bestätigung in dem Beruf Israels, in seinem Leiden und in seinem ganzen Erdcnwallen, das sich in seinen hervorragendsten Personen, in den Lehren und Verkündigungen der Propheten offenbart. SMiitsrat Dr. S. itnimanii. Znm 22. Oktober. Einer unserer besten Männer beendet am morgigen Sabbat das 80. Lebensjahr, beginnt am Sonntag das neunte Jahrzehnt eines thaten- und verdienstreichen Lebens. Sanitätsrat Dr. S. Neumann, der Nestor der Berliner jüdischen Gemeinde jetzt auch an Jahren, seit Langem an Verstand und Herz, wirkt seit säst zwei Menschenaltern in unserer Mitte in Aemtern, die er zumeist selbst geschaffen, denen er selbst den Inhalt gegeben. Ihm ist beschieden gewesen, den Zusammenhang des Allgemeinen mkt dem Besonderen mit innigem Verständnis zu erfassen, und das Besondere durch Förderung des Allgemeinen zu erreichen. Der Einzelsall war ihm immer zu klein. Er vernachlässigte ihn nicht, doch er nahm ihn zum Anlaß, mit ihm zugleich alle gleichgerichteten Vorkommnisse zu bedenken. Er selbst war noch Hörer an der Universität, als er zur Gründung des Unterstützungsoereins für jüdische Studirende bestimmenden Anstoß gab. Seine erste fachschriftstellerische Bethätigung zeigt vorbildlich das gesamte Wirken des vorbildlichen Mannes: sie war der öffentlichen Gesundheitspfiege gewidmet. Der Arzt begnügte sich nicht, den Kranken zu Helsen, die zu ihm kamen — ihm schwebte als Ziel vor, durch öffentliche Einrichtungen die Gesundheit Aller thunlichst zu erhalten. Eine Denkschrift, die er als junger Arzt über neue sanitäre Maßnahmen an den Magistrat von Berlin gerichtet, wurde von diesem 1855 durch den Druck veröffentlicht und zur Grundlage der Einrichtungen gemacht, denen Berlin bis aus diesen Tag den Ruhm einer gesunden Stadt verdankt. Im Verein mit seinem Alters¬ und Berussgenossen und Kollegen in der Stadtverordneten- Versammlung, Rudolph Virchow, durch Gründung der Berliner Gesundheitspstege-Vereine und an deren Spitze hat Dr. Neumann still und erfolgreich gewirkt, der Allgemeinheit zum Frommen. Ihm dankt die Stadt Berlin ihr Statistisches Amt, dem er die Grundlagen gezeichnet und die Bahnen gewiesen hat, bis es die Selbständigkeit gewann, deren es sich heute erfreut. Doch nicht was der Arzt und der Stadtverordnete gethan — so willige und freudige Anerkennung wir dafür haben — geht uns hier an. Mit dem Wirken des Juden wollen wir uns beschäftigen, denn das ist es vornehmlich, was uns den 22. Oktober zu einem Festtag macht, an dem wir mit ganzem Herzen teilnehmen. Freilich ist eine genaue Trennung nicht möglich, denn wie schon erwähnt: Dr. Neumann ist allezeit bestrebt gewesen,, dem Besonderen vom Allgemeinen aus nahe zu kommen, aus der Fürsorge für das * Besondere die Förderung des Allgemeinen erstehen zu lassen. Die Zunzftiftung, die sein Werk ist — sein Werk vor vielen, wenn auch nicht seins allein — sollte zunächst dazu dienen, dem hochbetagten Gelehrten, nach dem sie genannt worden, die materiellen Sorgen thunlichst sernzuhalten. Doch über diese Einzelbestimmung hinaus hob sie Dr. Neumann, indem er die Zinsen der Stiftung nach Zunz' Ableben der Herausgabe zunächst der Zunzschen Werke und dann von Werken zuwandte, die in Zunz' Geiste das Lebenswerk Zunz' sortsetzten, und so dem Namen dieses Wiedererweckers der Wissenschaft des Judentums die Namen und Werke seiner Nachstrebenden verknüpfte. „Das Unrecht ist der Leute Verderben, aber Gerechtigkeit erhöhet ein Volk". Diesen Bibelspruch hatte der junge Dr. Neumann als Motto aus sein Erstlingswerk gesetzt. Er ist das Motto seines Lebens geblieben. Gegen das Unrecht, das der Leute Verderben ist, war er allezeit zum Kamps bereit, und in diesen Kamps für die Gerechtigkeit zog er wohlgerüstet. Ihm und uns ist es zu Leide, daß die kulturverwüstende Strömung des Antisemitismus ihn zwang, seiner Thätigkeit eine bestimmte Richtung zu geben. Doch der Eifer, mit dem er es gethan, das Geschick, das er dabei an den Tag legte, verdienen und sichern ihm unfern dauernden Dank. Als im Jahre 1869 eine Typhusepidemie in Rußland zahlreiche jüdische Kinder verwaisen machte und eine starke Auswanderung hervorries, war es Dr. Neumann, der die Hilfe organisierte und dabei mit immer glücklicher Hand geschickte Mitarbeiter heranzog. Als Mitglied des Zentralkomitees der Alliance Jsraelite war er erfolgreich bemüht, deren universellen Charakter festzuhalten, ihr Schiff in Stürmen heil durch Klippen zu führen. Als der antisemitische Braus bei uns noch nicht völlig auf die Radau-Elemente reduziert war, als er sich noch wissenschaftlich geberdete, und selbst Männer, die nach ihrem Amt als Gelehrte angesprochen sein wollten, in seinem Fahrwasser schwammen, war es Dr. Reumann, der Statistiker, der den statistischen Märchen entgegentrat und jenen Gelehrten nur die Wahl ließ, entweder von ihren Jrrtümern sich abzuwenden oder zu bekennen, daß sie irren wollten. Die Fabel von der jüdischen Masseneinwanderung, von Treitschke mit Vorliebe debitiert, war unbrauchbar geworden für jeden, der nicht mit bewußten Unwahrheiten umzugehen sich entschließen mochte. Wo immer in der antisemitischen Publizistik angebliche „Dokumente" auftauchten, die gegen die Juden Unwahrheiten erhärten sollten, da wußte Dr. Neumann den Fälschern auf die Spur zu kommen und ihnen die Quellen ihrer Unwahrheiten nachzuweisen, ihren Fälschungen die Wahrheit entgegenzusteüen. So hatte die „Kreuzzeitung" im Jahre 1883 aus einem musterhaft objektiven Generalstabswerk einen Bericht zusammen gestellt, der die Rolle der Juden in den Freiheitskriegen im ungünstigsten Licht erscheinen ließ. Dr. Neumann zeigte, daß die „Kreuzzeitung" sich aus das Generalstabswerk berufen durste, wie der Teufel aus die Heilige Schrift, daß jenes Werk das Gegenteil von dem bekundete, was die „Kreuzzeitung" daraus destilliert hatte.

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