Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 42 (20.10.1899)
- Date
- 1899-10-20
- Page
- Seite 662 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 662. Israelitische Wochenschrift. Nr. 42. aufstellen; aber das nur Wahrscheinliche bringt die Pein des Zweifels mit und kann uns nie die friedenvolle Zuversicht der Hoffnung gewähren. Die Zwillingsschwester der rein natürlichen Hoffnung ist die Sorge. Wir können aus vergangenen und gegenwärtigen Verhältnissen, aus der vergleichenden Erfahrung mancherlei Schlüffe machen hinsichtlich dessen, was folgen könne. Aber wo ist unsere Bürgschaft dafür, daß unsere Schlüffe nicht fehl gehen? und wer sagt uns gut dafür, daß die kommenden Dinge sich gerade so entwickeln werden, wie wir aus Vergangenheit und Gegenwart uns vorgestellt? Und wenn wir wirklich mit gutem Grund in klarer Voraussicht zukünftige Dinge erwarten, so werden wir in solchem Fall kaum noch von Hoffnung reden dürfen. Das wahre Hoffen haben wir gerade da nötig, wo menschlicherweise nichts zu suchen, auch nichts vorauszusehen ist, das ist die eigentliche Virtuosität in der Kunst des Höffens. Wir müssen jedoch, um den Gang unserer Erörterung zu rechtfertigen, noch daran erinnern, daß alle Theorie, wenn sie nicht in der Lust stehen soll, der Praxis nachsolgt und auf die Praxis sich gründet. Erst wenn die Meister einer Kunst mustergültige Werke vor Augen dargestellt haben, bildet sich aus festem Boden eine theoretische Kunstlehre, die dann auch der Praxis wieder zu gute kommt. Nur in diesem Sinn können wir von dem Wesen der echten Hoffnung reden. Die lehrhafte Theorie ist nur von einer mustergültigen Praxis abzuleiten. Die mustergültigen Vorbilder wahrer Hoffnung finden wir aber in dem Ganzen der heiligen Schrift. Das israelitische Volk ist recht eigentlich das Volk der Hoffnung. Es ist das Volk der Verheißung; sein ganzes Leben ruht aus Hoffnung. Sein eigentümlicher Besitz, sein köstliches Erbteil ist Hoffnung, Hoffnung im großen Stil. Durch Jahrtausende geht sie, immer anwachsend, immer heller leuchtend, immer gewaltiger wirkend. Und jede besondere Hoffnung, die in irgend einem einzelnen Fall das Herz eines Israeliten bewegt und hebt, hängt mit jener einen großen Hoffnung des ganzen Volkes unzertrennlich zusammen. Diese durch Jahrtausende reichende Hoffnung des israelitischen Volkes, die nicht nur mehr als ein Mal die Zertrümmerung seines staatlichen Bestandes überdauert, sondern auch den besserungsfähigen Rest des Volkes erhalten und seine Neugestaltung wesentlich bedingt hat, erscheint wie ein großes heiliges Erbgut, das von den ersten Urvätern kommend, durch den Glauben dem ganzen Volk bewahrt geblieben. Diese Gottesgemeinschast, glaubensvolle Hoffnung und gehorsame Hingebung sowohl fordernd wie gewährend, wird uns aus das bestimmteste zu allererst in Abraham vor Augen geführt. Unter einer Verheißung, deren Segen von vornherein allen Geschlechtern der Erde zugesprochen wird, und die somit den Universalismus der wahren Religion und der in ihr liegenden Hoffnung auf das entschiedenste zu erkennen giebt, wird Abraham aus seiner Heimat in das Land geleitet, das seine neue Heimat in höherem geistigen Sinne werden sollte. Partikularistisch wird er von seiner alten Freundschaft ausgeschieden; und partikularistisch wird er und mit ihm Isaak, der eine Sohn der Verheißung, von den Völkern Kanaans wie von einem Zweige der eigenen Familie geschieden; denn in der festen, engen Grenze der einen erwählten Geschlechtslinie muß die Hoffnung wachsen und erstarken, die dereinst allen Geschlechtern aus Erden zu Gute kommen soll. Abraham gehört zu den größten Meistern in der heiligen Kunst des Höffens und wird deshalb in der heiligen Schrift als Muster des Glaubens wie des Höffens dargestellt. „Abraham hat Gott geglaubt und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet". Diese frohe Heilsbotschaft an die Menschheit, diese Verheißung und Ankündigung einer lichten Zukunft der Geschichte, die mit dem Bund und dem Segen Abrahams anhebt, setzt sich durch die Patriarchen fort, und erreicht ihren höchsten Glanz mit dem traurigen Verfall des politischen Reiches in den Verkündigungen der Propheten. Die Propheten sind die Künstler, die in dem Wort ihrer Predigt oder in bedeutungsvollen Zeichen die Hoffnung Israels gestalten und als bleibende Zeugnisse uns vor Augen stellen. Wir meinen keineswegs, daß der Hoffnungsgehalt in der prophetischen Verkündigung lediglich aus dem Glaubensbewußtsein des Volkes entnommen und in die feste Form des Wortes oder Zeichens gebracht worden sei, vielmehr haben die Propheten geredet, getrieben von dem göttlichen Geist, und wir können gerade an den prophetischen Verheißungen, als an der vollkommensten Darstellungssorm am deutlichsten wahrnehmen, daß alle echte Hoffnung in dem Gott der Hoffnung ihren Ursprung hat. Aber wir lernen aus der Betrachtung der prophetischen Verheißungen, daß die Hoffnung eines Einzelnen, selbst wenn sie dazu angethan ist, die Hoffnung des ganzen Volkes zu vertiefen, zu erweitern und zu bereichern, doch niemals isoliert etwas rein für sich Bestehendes sein kann. Auch die Hoffnung des Einzelnen ist ein Stück geistigen Gemeinguts, und je bedeutungsvoller, je weitexgreisend, je mehr aus die Gesamtentwicklung des Volkes gerichtet die Hoffnung erscheint, die etwa ein einzelner-Prophet musterhaft ausspricht, desto gewisser hat sie auch ihre innerlichen Verknüpfungen mit dem Glauben, dem Hoffen, dem Leben des Gesamtvolkes. Die Hoffnung Israels, wie sie sich von den Stammvätern vererbt hat, lehrt uns eine immer heller und heller aufsteigende Zukunft, eine stetige Veredlung des humanen Lebens, das seinen Scheitelpunkt im Gottesreich erlangt. Das Wesentliche dieser Epoche ist der Sieg der Freiheit über das Gesetz der Natürlichkeit, die Herrschaft der Sittlichkeit über die Sinnlichkeit, die allgemeine Ueberzeugung von der Kraft und der Wahrhaftigkeit des Reiches des Geistes und seines Sieges über das Reich der Materie. Glücklich das Volk, das zum Hüter dieses Schatzes und zum Priester dieses Heiligtums von der Vorsehung erkoren worden ist; selbst dann ist es noch glücklich zu preisen, wenn es auch nur aus dem Dornenpfad eines langen Märtyrertums in armseliger Knechtsgestalt im Innern das Erhabenste zu offenbaren berufen ist; selbst dann noch ist der Priester selig zu preisen, wenn er zugleich als Opfer aus dem Altar der Menschheit dulden muß. Ist es wahr, was einer unserer tiefsinnigen Weltweisen von der Menschheit sagt, daß man ihr alles rauben könne,