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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1899-10-20 · 42 (20.10.1899) · p. Seite 661

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
42 (20.10.1899)
Date
1899-10-20
Page
Seite 661 (sequence 14)
Language
German
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Nr. 42. Israelitische Wochenschrift. Seite 661. schlagen, welche besagten, daß so und so viele Kinder für Missionszwecke gestohlen worden seien. Eines dieser Plakate war folgenden Inhalts: Es ist wahr, daß die Katholiken dieses Platzes ihre Häscher aussenden, um anderer Leute Kinder zu stehlen und aus ihnen die Essenz ihrer Lebenskraft zu ziehen. Falls Eltern nicht achtsam sind, wird es ihnen schlecht gehen. Gutes Volk, vervielfältigt solche Plakate und schlagt sie überall an. Eine Unzahl von Kindern ist bereits auf diese Art umgekommen. O Himmel, nimm diese Höllenhunde, rotte diese Bestien aus! Die verfluchten Beamten dürfen es nicht wagen, die Fremden zu bestrafen". Die Beamten haben von ihren Vorgesetzten strengen Befehl bekommen, die Christen zu beschützen; Proklamationen gegen die Verbreitung dieser Plakate sind erlassen und verschiedene Schuldige bereits eingesangen worden, die zur Strafe in Ketten in den Straßen paradieren müssen, um den Hals den Holzkragen tragend, auf dem geschrieben steht: „Für das Erfinden von grundlosen Gerüchten, um das Volk auszuhetzen". So geschieht in China. In Mitteleuropa aber dürfen die Erfinder des Blutmärchens ihre frechen Verläumdungen als den Ausdruck ihrer „Ueberzeugung" ausgeben, ohne daß die Behörden dem Gesindel das schamlose Handwerk legen. Der Orientalistenkongreß in Rom hat aus Antrag des Professor Kautzsch einstimmig folgende Resolution angenommen: „Die zum zwölften internationalen Kongreß in Rom versammelten Orientalisten erachten es angesichts der neuesten Vorgänge als ihre Pflicht, auszusprechen, die Beschuldigung, daß jemals durch irgend welche für Anhänger der jüdischen Religion geltende Vorschriften die Benützung von Christenblut für rituelle Zwecke gefordert oder auch nur angedeutet worden wäre, ist schlechthin unsinnig und des zu Ende gehenden neunzehnten Jahrhunderts unwürdig". Das ist bereits die zweite Kundgebung des Orientalistenkongresses. Die erste fand aus dem 6. internationalen Orientalistenkongreß zu Leyden statt und klang aus in eine der schärfsten Verurteilungen von Rohling's „abenteuerlichem und entsetzlichem Wahn". Der Vorstand der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft hat damals durch seinen Sekretär Professor Constantin Schuttmann dem österreichischen Reichsratsabgeordneten Dr. Bloch am 22. September 1883 hiervon schriftlich Mitteilung machen lassen. Endlich sei noch ein Schreiben reproduziert, das der Kardinal Fürstbischof Dr. Kopp von Breslau an Herrn Rabbiner Dr. Cohn in Fulda gerichtet hat: „Geehrter Herr Doktor! Aus Ihren Wunsch stehe ich nicht an, die bei unserer neuerlichen Unterredung abgegebene Erklärung hiermit schriftlich zu wiederholen, daß die Annahme, es könnte von Juden Christenblut zu rituellen Zwecken jemals gebraucht worden sein, weder durch die jüdische Religion, noch durch die Geschichte zu begründen steht, und daß eine derartige Beschuldigung, aus welche Voraussetzungen immer sie zurückgeführt werden möge, als eine entschiedene freventliche Unwahrheit bezeichnet werden muß. In vollkommenster Hochachtung Euer Wohlgeboren ergebenster G. Kopp". Wir sind nicht der Meinung, daß es einer Widerlegung der Verleumdung vom Blutritual bedürfe. Kein sinniger zivilisirter Mensch kann daran glauben, mag sie vom Chinesenpöbel gegen Christen oder vom Antisemitenpöbel gegen Juden gerichtet werden. Doch von den Behörden verlangen wir, daß sie dem Unfug steuern, der gesährlich ist. Konnte doch erst jüngst in Breslau ein Jude, der sein blondlockiges Kind mit sich führte, von einer durch Antisemitismus verblödeten Frau verdächtigt und zum Gegenstand einer Pöbelverfolgung gemacht werden, blos weil jene Frau, durch die antisemitischen Ausstreuungen mißleitet, an Kindesraub und Kindestödtung und Ritualmord dachte! Es ist die Pflicht der Behörden, solcher Volksverseuchung vorzubeugen und die, die aus der Verseuchung ein Gewerbe machen, zur Rechenschaft zu ziehen. Die Hoffnung, nnlrr Erbteil. (Zum Wochenabschnitt.) Von Rabbiner Dr. B. Seligkowitz-Cöthen. Bei Rousseau habe ich einmal den Ausspruch gelesen: ma plus douce esperance est de perdre l’espoir. Unvergeßlich hat sich das Wort mir eingeprägt; nicht ohne ein gewisses Grauen habe ich oft, wenn mir aus einem Bibelspruch die Herrlichkeit, die weltüberwindende Kraft und der selige Frieden der dem gläubigen Gemüt gewährten Hoffnung entgegentrat, an die Armut und das Elend eines Herzens gedacht, das nicht in einem einzelnen Fall ohne Hoffnung ist, sondern grundsätzlich seine Hoffnung daraus richten will, daß es dem Hoffen selbst entsagen, der Idee der Hoffnung als einer in sich selbst lügenhaften und trügerischen den Abschied geben möchte. Die menschliche Natur ist aus Hoffnung angelegt. Die Richtung des menschlichen Wesens auf das Unsichtbare, Geistige und Göttliche, der Trieb des Endlichen zum Unendlichen bezeugt sich in dem Hoffen wie in dem Glauben des Menschen. Deshalb finden wir in der heiligen Schrift nicht nur Glauben und Hoffen mit einander verbunden, sondern nach Art und Inhalt gleichmäßig beschrieben. Die Frage nach dem Wesen und der Wahrheit der menschlichen Hoffnung ist also in der That nur eine besondere Gestalt der Frage nach dem innersten Kern unseres Glaubens. Die Hoffnung greift in die Zukunft. Mit freudigem Mut und starker Zuversicht streckt sie sich nach einem ersehnten Gut, das noch nicht vor Augen daliegt, und nimmt jenes noch ferne Gut, ehe es im wirklichen Besitz gegenwärtig sein kann, doch zu gegenwärtigem Trost und Frieden in geistigem Ergreifen vorweg. Die Hoffnung empfindet sozusagemden Segen jenes Gutes, ehe sie es selber hat, weil sie die Zukunft in die Gegenwart hereinzieht. Schon aus dieser ganz allgemeinen, des bestimmten Inhaltes nach entbehrenden Beschreibung von dem Wesen der Hoffnung ergiebt sich, daß kein Mensch Hoffnung haben kann, ohne den ewigen, lebendigen Gott. Denn wo ist in der ganzen Welt, außer dem Gott, der über die Schranken zwischen Gegenwart und Zukunft erhaben ist, irgend ein untrüglicher Anhalt und Stützpunkt für unsere eigenen Gedanken über das in der dunklen Zukunft Verborgene? Wir können auf rein natürlicher Grundlage eine Wahrscheinlichkeitsrechnung

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