Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift · 1899-10-01 · Wissenschaftliche Beilage Nr. 10 (10.1899) · p. Seite 78

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
1899 (1899)
Issue
Wissenschaftliche Beilage Nr. 10 (10.1899)
Date
1899-10-01
Page
Seite 78 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/9768304-10407010-9732235--17-9605146
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

78 Uebersetzung: 1. Es ist ein Nebel, ein Krankhaftes, das ich sah unter der Sonne. Die Glückssülle, die erwartet wird (im Jenseits), sie gereicht dem Eigner zu seinem Unheile nur. 2. Denn verloren geht diese erstrebte Glückssülle durch einen bösen Gedanken (eine Sünde kann den Verlust der erwarteten Seligkeit herbeisühren); und hat er einen Sohn gezeugt, nichts ist in seiner Hand, nicht das Geringste. 3. Wie er (leer) und nackt ausging aus dem Mutterschoße, nackt kehrt er zurück, um von donnen zu ziehen, wie er gekommen. Nicht das Geringste trägt er von dannen von seiner Mühe, was er in seiner Hand entführen könnte. 4. Und auch dieses ist ein krankhaft Uebel: Nicht nur, daß er, genau wie er kam, also auch geht — und welches wäre denn sein Gewinn, daß er sich um den Geist bemühen sollte? 5. Auch dieses: Daß er alle seine Tage im Finstern hinieden auszehrt, viel sich grämt, dazu sein Siechtum und das Zürnen (Anderer)! Erklärung: 1. Du, Ben David erwecktest den Glauben an eine Seligkeit, die der Mensch im Jenseits erlangen kann, wenn er die Gotteslehre vollkommen erfüllt. Du vertröstest den Menschen, der hier leidet, mit einem Hinweis auf den größten Reichtum, ״oscher“, oder Glücksfülle, die ihm aufbewahrt ist, ״schamur“, für das Jenseits, ״schamur“, die erwartet wird hienieden. Gut! Aber wer kann denn die ganze Gotteslehre ausüben! Wie, wenn ich infolge meiner irdischen Natur unmöglich alles halten kann, wenn ich auch sündige, und niemals zu sündigen ist ja unmöglich? Die ausbewahrte und erwartete Glückssülle kann also keinem Menschen zu Teil werden, weil es keinem möglich ist, das ganze Gottesgesetz zu halten. 2. Ein ״injan ra“, böser Gedanke läßt verloren sein den ganzen (erwarteten) Reichtum; da an Vollkommenheit der Tugend nicht zu denken, so geht auch die Vollkommenheit des jenseitigen ״oscher schamur“ aufbewahrten Glückes, unstreitig verloren — ״abad“ — Was folgt? Dort habe ich nichts zu erwarten und hier habe ich noch weniger etwas, denn ich sollte mich ja nicht um irdische Güter bewerben, ״kereach mikan umikaan“ kahl von beiden Seiten bleibe ich. Habe ich ein Kind, was ließe ich ihm zurück? In seine Hand legte ich nicht das Geringste eines Besitzes? 3. Das Streben nach Vollkommenheit durch die Gotteslehre führt zu nichts. Materiell erringe ich nichts; Greifbares, ״schejolech bejado“, was man mit der Hand führt, trage ich nicht als Ertrag meiner Mühe davon, wenn ich aus dem Leben scheide; ich bin gerade so arm, wie beim Austritt aus dem Mutterschoße. 4. und 5. Und geistig? ״Ma jithron lo schajaamol laruach“. Was ist das Bleibende, Uebrige, daß ich für den Geist (״laruach“) mich mühen soll? Ja, könnte ich die ganze Gotteslehre beobachten, dann würde die Entbehrung und die Mühsal um den Geist hier aus Erden, ״unter der Sonne" vielleicht den erwarteten Reichtum im Jenseits einbringen. So aber bleibt mir dort nichts ausbewahrt, und hier habe ich und mein Kind von meiner Mühe nichts aufzuweisen, und dazu kommt: ״gam kol jamaw bachoschech jochal“, daß ich mich abhärmte (um des Ewigen willen), daß alle Tage mir in Finsternis dahin gingen, ja daß jeder Genuß ״jochal", vergällt ist, sodaß ich anstatt an Genüssen zu zehren, selbst die kurze Zeit der Lebenstage düster auszehre und sie noch mehr kürze dadurch, ״wachaas harbeh“, daß groß der innere Kummer, zu dem sich von Außen noch Krankheitsheimsuchung — ״choljo“ — und der Grimm Anderer — ״kezef“ —, Zorn, Feindseligkeit und Hassesausbruch Anderer gegen mich gesellen. Fort also mit dem ״oscher schamur“, mit dem für das Jenseits aufbewahrten Gute! Wirklichen Nutzen gewährt mir und meinem Kinde der Genuß des Augenblicks. So Koheleth. Ben David. Text: Hinneh ascher ra'ithi ani tob ascher jafeh leechol welischtoth weliroth tob ah bechol mialo schejaamol thachath haschamech mispar jeme chajaw ascher nathan lo häelohim ki hu chelko. Gam kol haadam ascher lo häelohim oscher unchassim wehischlito leechol mimennu welasseth eth chelko welissmoach baamalo soh mattath elohim hi. Ki 10 harbeh jiskor eth jeme chajaw ki häelohim maaneh bessimchath libbo. Uebersetzung: 1. Siehe, was ich ersah als das Gute, das zugleich schön ist: zu essen und zu trinken und dabei das (höchste) Gute zu schauen (erfassen) in all seiner Mühsal, womit er sich müht unter der Sonne je nach der Zahl seiner Lebenstage, die ihm Gott gegeben. Denn dieses ist sein Anteil (der Mensch kann in seiner Beschränktheit freilich nicht Alles erfüllen, aber Vieles nach Maßgabe seiner Tage und Kräfte). 2. Auch, daß jeder Mensch, dem Gott hinieden Reichtum und Güter gegeben und ihm hat herrschen lassen darüber, um davon zu genießen und davonzutragen seinen Anteil (in seiner und des Kindes Hand) und sich zu freuen an seiner Mühe — auch dieses ist eine Gabe Gottes. 3. Aber (wenn auch nicht viel Tage und Güter be« schieden wären), er solle gedenken der Tage seines (wahren) Lebens (der Ewigkeit)! Denn Gott weist 'vorwiegend hin aus die Freude seines Innern. Erklärung: Koheleth, Du willst nur genießen, aber verpönst jede Mühe ohne irdischen Genuß, der Dir Verdruß bereitet. Ist der maßlose Genuß gut? Nein, ich nenne Dir das Gute, das zugleich schön ist, harmonisch und zufrieden stimmt, ״tob ascher jaieh bejofi memuza wehislapkuth“, gut, was schön ist*), heißt: was keine Maßloßigkeit, keine Exstreme und keine Unzufriedenheit schafft. Dies ist außer Essen und Trinken das geistige Streben: ״liroth tobah“, mit Geist und Willen nach dem Guten sehen. Das ist ein frei wollendes Abmühen *)Vergleiche das griechische xccXo; x'ch«^^ — schön und gut, womit der Grieche das ״Sittlich-Gute" ausdrückt. Vergleiche Plaot, Xenophon u. v. A.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.