Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 1899 (1899)
- Issue
- Wissenschaftliche Beilage Nr. 10 (10.1899)
- Date
- 1899-10-01
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
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76 5. Wenn Du in der Fülle der Träume und Nichtigkeiten und in leeren Worten zu viel (Dich verlierst). O, daß Du Gott fürchtetest! 6. Wenn Du Druck der Armen und Raub an Recht und Tugend siehst im Staate, so wundere Dich nicht über diese Wtllensakte, denn hoch über dem Hohen ist der Wächter, und höhere Mächte über ihnen. 7. Der Vorzug der Erde liegt im Erstreben der Vollendung, des Ganzen, wie der König dienstbar ist dem Felde (um der Frucht willen). 8. Wer Geld liebt (irdische Güter allein erstrebt, erreicht keine Vollkommenheit, denn er) wird nicht satt des Geldes und wer in der Volksmenge liebend hastet, ist es nicht (Sehnsucht nach) Fruchtgenuß? Dies eben ist nichtig. 9. Da sich das Gute (dieser Gestalt) ihnen häuft, mehren sich dessen Verzehrer, und welcher höhere Gewinn bleibt ihrem Eigner, es wäre denn das Nachsehen der Augen. 10. Süß ist dagegender Schlaf des Gottesdieners (der im Leibesgenuß keine Vollkommenheit schaut), mag er wenig oder viel essen (— das ist Nebensache —), während die Uebersättigung dem Reichen aus Erden keine Ruhe und keinen Frieden gewährt und keinen Schlaf zuläßt. Erklärung: 1. Ben David meint, die vorigen Einwürfe Koheleths sind leeres Geschwätz, viele Worte, „rob debarim“, ohne Geist und Wahrheit, gerade wie der Traum kein Bewußtsein und keine Wirklichkeit voraussetzt, nur eine Ueberfülle unzusammenhängender Gedanken aus dem wachen Zustande sein Dasein verdankt. Er, der oben den frommen Opserspender zum Thoren, „kesil“, stempelt, sein Wort ist für Ben David „die Stimme des Thoren". 2. Du, Koheleth, sagst, Gott kümmert sich nicht um einen Menschen, dieser steht zu tief unten, wie sollte bei diesem niedrigen Stande die Menschenseele an eine Vollkommenheit je denken, etwa gar durch fromme Religionsübungen wie Opfer, Gelübde, Gebete? Gott steht viel zu hoch, als daß er „medakdekumaschgiach biprate sebachecha utefitolecha“, es genau nehme und beachte, wenn der Mensch ihm mit Opfern oder Gebeten naht, nur deshalb warnst Du: Halle zurück Deinen Fuß beim Gange ins Gotteshaus, halte zurück Dein Geloben, Dein Opfern und Beten! Ich sage Dir: Gott sieht und beachtet wohl, was der Mensch ihm gelobt; Du sagst, Opfer sind Gott nicht wohlgefällig, doch; aber was ihm nicht gefällig ist, das ist das Opfer der „Kesilim“, der Thoren, die keine Religion und Gottesfurcht und keinen Drang nach Vollkommenheit haben. Daher lehre ich genau nach der biblischen Verordnung (Numeri 42): ,,lo jachel debaro“! Gelobst Du ein „neder“ für Gott, dann säume nicht, es zu erfüllen, denn Gott hat kein Wohlgefallen an dem Schwätzer ohne religiöse That („kesilim“). 3. Gott befiehlt nicht, sondern überläßt es dem freien Willen der Menschen zu geloben oder zu unterlassen; hast Du aber gelobt, dann ist es Sünde, die Gott ahndet, wenn des Mundes Worte nicht auch sogleich der That der Hand entspricht. 4. Ja die Seele kann durch das leere Wort den Leib zur Sünde führen, „lachti eth bessarcha“ (vergleiche Deuteron. 23,23: „Wenn Du gelobst, säume nicht, es einzulösen, denn fordern wird es der Ewige Dein Gott, wehaja becha chet, und es würde an Dir eine Sünde haften). Durch die religiöse That aber führt die Seele den Menschen zu einer höheren Stufe. Du, Koheleth, stellst die Seele so ties nach unten und meinst, ich weise ihr einen zu hohen Rang an, als wäre sie auf der Stufe des Engels, „malach“, das ist ein Irrtum, meinst Du. Ich sage Dir: Sprich nicht also, „Schema scheani omer schehanefesch hi mimadreg-a eljona mehamaloch hi schegaga“, das, was ich von der Höhe der Menschenseele behaupte, nämlich daß sie durch ihren freien Willen die Engel überragen kann und durch ihr Vollkommenheitsstreben mit Gott verbunden ist, sprich nicht, daß ich hierin irre, „ki schegaga hi“. Nein, das ist Wahrheit. In der Seele liegt die Macht des Wortes und der freien Uebung des religiösen Gebetes, wie beim Gelübde, Opfer und Gebete gesagt worden, aber noch mehr der Glaube, daß Gott belohnt und bestraft: „Warum soll er zürnen über Dein Wort, und Deine That verderben", nämlich wenn sie nicht die Erfüllung seines Willens erstrebt? 5. Dieses folgt aber den „robe chalomoth“, den vielen that- und religionslosen Träumereien, Nichtigkeiten und leeren Reden Kohelets, darum rate ich: „Eth elohim jera“, Gott sollst Du fürchten! Das liegt in Deiner freien Seele, die sich zu dieser Höhe frei aufschwingen kann: das ist Vollkommenheit! Kohelets Träumerei meint: „Gott ist im Himmel, und Du ties unten". Ich sage, Gott kann in Dir und soll in Dir sein durch Dein Streben, in Ihm zu sein und in seiner Lehre zu wandeln. 6. Ich beweise Dir Gottes Nähe zum Menschen auch durch die öffentlichen Vorgänge im Staatsleben. Hättest Du keine höhere, göttliche Seele, sondern „chumrith uschfela“, nur ein stoffliches und niedriges Lebensprinzip, wie könntest Du dem Anblick des „Druckes der Armut" oder des „Raubes an Recht und Tugend" die Frage der frommen Propheten nach der Gerechtigkeit Gottes und der Weltordnung stellen? Aus diesem sittlichen Motive fließt Dir schon die Wahrheit: „Ei gaboha schomer“, daß Gott wohl hoch steht, aber in seiner Himmelshöhe Wächter ist über den Menschen und seine Vorsehung hienieden walten läßt. Fort also mit der Ansicht von der Unfähigkeit der Seele, zur göttlichen Höhe zu gelangen. 7. „Wejithron erez bakkol hi“. Es giebt einen Vorzug für die Menschen auf der Erde: „Bakkol — banischlam“, im Ganzen, (vergleiche „ki seh kol haadam“, das ist das Ganze, die Vollendung des Menschen. L.) in der Vollendung, von der eben die Rede war, liegt der Vorzug der Seele, um dessentwillen lebt und wirkt sie wie ein König, der um der Frucht willen die Bearbeitung des Feldes vornimmt, und der selbst als König dem Boden, dein scheinbar Niedrigen, dient — „melach lessade neebad“ —, weil er sonst selbst als König nicht leben könnte. (Jbn Baruch hat die Schwierigkeit dieses „maschal“ auch durch die Anfügung der Idee Platos zu heben versucht: „Hanefescb hi kemelech mejuchos, weobed lechomer