Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 40 (6.10.1899)
- Date
- 1899-10-06
- Page
- Seite 638 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 638. Israelitische Wochenschrift. Jetzt stand Laura am Fenster und schaute in den Regen hinaus. Quer über den Marktplatz eilte, soweit es die Pfützen gestatteten, ein junger schlank gewachsener Mann und betrat die Thorwölbung des Gasthauses. Lauras funkelnde Augen verfolgten die hastig dahereilende Gestalt, und eine höhere Röte übergoß ihre Wangen. Sie blieb noch eine Weile in der tiefen Fensternische stehen, und ein wonniges Gefühl schien sie zu durchströmen. Ihr Busen wogte heftiger hinter seiner Hülle, ihre Augen hatten einen tiefen, schmachtenden Glanz. Sie ließ sich in den in der Fenstervertiefung befindlichen Sessel gleiten, ließ die Portiere ganz herunter, stützte ihr Haupt aus ihre Ellenbogen und überließ sich ihren Träumen. II. Der Regen goß draußen weiter in Strömen, das ganze Städtchen schien nur so im Wasser zu schwimmen. Der Nachtwächter, trotz Wind und Regen im Vollbewußtsein seines verantwortlichen Amtes gravitätisch dahinschreitend, pfiff zehn Uhr, und drinnen im gemeinschaftlichen Gastzimmer saßen noch zwei Herren beim Glase, Zigarren rauchend, und behaglich plaudernd. In dem langen, geräumigen Saal mit gewölbter Decke und ellendicken Mauern herrschte beinahe Halbdunkel, denn nur die herunterhängende Lampe über dem Tische der späten Gäste brannte, spärliches Licht spendend, so daß die Peripherie des hallenartigen Raumes in Dunkelheit gehüllt war. In einer Ecke lehnte der schlaftrunkene Kellner, der Befehle der Zechenden gewärtig, die, um die vorgerückte Stunde sich wenig kümmernd, ihre Biergläser immer von neuem füllen ließen. Der jüngere, von hohem Wuchs und hellblond, mochte gegen 30 Jahre zählen. Er hatte schöne regelmäßige Züge, die aber bereits das Gepräge der Blasirtheit trugen. Man sah es ihm an, daß er eine stürmische Jugend hinter sich hatte und den Lebensbecher bereits bis aus die Neige geleert haben mochte. Seine jetzt vom Biergenuß geröteten Wangen waren sonst blaß und das Auge matt. Um die sinnlichen Lippen war ein cynischer Zug gelagert; sonst hatte er das seine, aalglatte Benehmen eines Salonherrn, und allgemein galt er als vornehmer Kavalier. Seit einigen Monaten weilte er am Ort und bekleidete bei der politischen Bezirksbehörde einen Beamtenposten. Er wird allgemein mit „von" tituliert, Herr Sekretär genannt; in Wirklichkeit aber nimmt er auf der Stufenleiter der büreaukratischen Hierarchie eine tiefere Sprosse ein, was man jedoch angesichts der herrschenden Titelsucht nicht so genau nehmen darf. Obwohl der Herr Sekretär aus seinen alten Adel sehr stark pocht, dürste es mit diesem nicht sehr weit her sein. Wir sind überzeugt, daß er nicht in der Lage gewesen wäre, eine strenge Ahnenprobe zu bestehen. Er war eben der Sproß irgend einer der dicht gesäten Schlachzizenfamilien, die ihren „Adel" von den paar Morgen Grund und Boden, welche der Urahn einst besessen hatte, herleiteten. War doch in Polen jeder, der kein Leibeigener war und zur Parade eine „Karabela"*) an der Seite trug, ein Adeliger. Diesem *) Paradedegen. seinem Adel hatte er es auch zu verdanken, da^ Staatsposten bekleidete, denn mit seinen sonstig^ fikationen war es schlecht bestellt. Sein Gegenüber, ein älterer Amtskollege, ein! knochige Gestalt mit steifem Halskragen, schütterem! bart und Glatze, war ein Bureaukrat vom Sch^ zur Sohle. Während der Sekretär v. Laporskt delfl seines Glases nur so hinunterstürzte, schlürfte de?» dächtig seinen Gerstensaft, strich sich nach jedem Zfl dünnen, langen Schnurrbart gerade und machte sich dl Halsbinde zurecht. Dieser nahm das für eine Weile unterbrochene G^ aus: „Und wie steht's mit der schönen Jüdin? Esl bereits überall davon gemunkelt; machen Sie ihr doch sö! den Hof, und in der „Gesellschaft" ist man deshalb über ungehalten. Ich begreife es, wenn ein junger Sauseis wie Sie, jeder Schürze nachläust; aber so offenkundig so Sie es doch nicht treiben. Eine kleine Liaijon kann! und da nicht schaden, nur muß man die Gewißheit Ijal daß auch die zweite Partei die Sache nur für eine alltägll Liebelei, ohne weitere Konsequenzen, auffaßt. Hier all glaube ich, könnte es zu einem unerquicklichen Nachsfl kommen, und das möchte ich in Ihrem Interesse und, ai richtig gesagt, auch in dem des Mädchens vermieden seht! Sie, mein junger Freund, kennen nicht die Verhältnisse; fl aber, der bei unserem Wirte schon jahrelang wohnt, in all eingeweiht bin, kann mir den Jdeengang des Mädchens vö^ stellen. Ihre Eltern sind, wie Sie wohl wissen werden, sü! ihren Stand vermögend, das Mädchen hat so ziemlich da^ gelernt, was die Töchter unserer guten Familien lernen, sie! spielt sich also auf das Fräulein heraus, und da sie drinnen, im Pensionat, ihr bischen jüdische Religion so ziemlich abgestreift hat, dürfte bei ihr der konfessionelle Unterschied keine Rolle spielen. Dünkt sie sich doch den Ihrigen überlegen, und oft kommt es mir vor, als schämte sie sich ihrer Herkunft, was bei den einseitig zivilisierten Juden hie und da der Fall sein soll. Da also ihre Denkweise die eigentliche Kluft überbrückt, könnte sie sich Ihnen ebenbürtig fühlen, Ihre Galanterie als baare Münze hinnehmen und aus der Sache Ernst machen wollen. Sie als bloßes Spielzeug zu betrachten, wäre auch nicht schön, denn sie hat die Prätensionen eines Fräuleins und besitzt dabei ein tiefes, leidenschaftliches Temperament. Die Sache könnte also für eine Partei eine schiefe Wendung nehmen, und deshalb rate ich Ihnen, etwas weniger leichtfertig zu Werke zu gehen und das Mädchen mit Ihren Huldigungen nicht so zu erdrücken und zu betäuben. Werden Sie meinen gut gemeinten Rat befolgen?" Statt jeder Antwort brach der Sekretär in ein schallendes Lachen aus, daß es an den Wänden wiederhallte, und der mit dem Kopf nickende Kellner, sich den Schlaf aus den Augen reibend, auf die Beine sprang. Der ältere Herr schaute piquirt sein Gegenüber an und runzelte die Stirn. Lapowski unterdrückte endlich seinen Lachkrampf und leerte sein Glas auf einen Zug. „Aber mein lieber Freund", begann er, und ein mal/ tiöses Lächeln zuckt um seine Mundwi.ckel, „wie fällt Ihnen nur bei, sich zum Tugendwächter dieser kleinen Jü