Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 40 (6.10.1899)
- Date
- 1899-10-06
- Page
- Seite 637 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Israelitische Wochenschrift. Seite 637. (auration zu dienen. In seinen hohen, gewölbten nd Korridoren mochte mehr als ein Mal Waffenoiderhallt haben, und im großen Hosraume dürsten ssige versammelt haben, um mit ihrem Herrn und Raubzüge zu unternehmen und dann, mit er- Kausmannsgute beladen, in die Zwingburg zurück- [t, um bei Becher und Würfel zu prassen. l^rtönt im Schloßhos nicht mehr der Hufschlag schlachtrosses, in den Gängen begegnet man keinem gehten Ritter. Das Wappen oberhalb des mächtigen f;l§ ist bereits verwischt, und die aus den Fugen gehende ßzinne scheint. in sich zusammensinken zu wollen, um prosaische Gegenwart nicht zu schauen. Das große Gefet ist wie leblos, seine kolossalen Umrisse zeichnen sich sdem dunkeln schmutzigen Plan gespensterhast ab. Durch kleinen Fenster in den dicken Mauern, die ganz das Ausvon Schießscharten haben, dringt nur ein schwaches kft aus den Platz, und drin um den langen Tisch sitzt Moses Harfstein, der Eigentümer der ehemaligen Ritterburg, im ^eise seiner Familie. Der Gasthosbesitzer, ein Mann in den Fünfzigern, von kltäglichem Aussehen, in der gewöhnlichen Tracht des pol- ^schen Juden, ist der Typus des durchschnittlichen klein- Lädtischen Galizianers. Ein einfacher, simpler Mensch, vergeht er fleißig sein Geschäft, kümmert sich nur insofern um die Zeitereignisse, als sie mit seinem persönlichen Interesse in ^Zusammenhang gebracht werden können, und läßt sich sonst 'keine grauen Haare wachsen. Ueber religiöse Sachen versucht er es gar nicht, sich eine Meinung zu bilden, beachtet alle Satzungen rigoros, aber mechanisch, und ist mit sich und der Welt zufrieden. Damit ist die Charakteristik unseres Hoteliers erschöpft, und von seiner Frau Jüdes ist auch nicht viel zu erzählen. Klein und korpulent, etwas jünger als ihr Mann, sieht sie in seinem Willen ein Gesetz, obwohl er sie ganz und gar nicht terrorisiert. Man könnte eher behaupten, daß er nichts ohne sie unternehme, und so führen sie ein stilles, ruhiges Alltagsleben. Das Ehepaar Scharsstein ist für seine Verhältnisse und Ansprüche wohlhabend, das Geschäft geht gut, die unverheirateten Beamten der Stadt sind stabile Kostgänger der Restauration, und manche wohnen auch bei Scharsstein zu Miete. Fremde kommen äußerst selten ins Städtchen, das Hotel wird eigentlich größtenteils von permanenten Gästen bewohnt. Der älteste Sohn Nuchem ist der präsumtive Erbe des Etablissements, und als solcher liegt er schon heute seinem zukünftigen Berufe ob. Er ist auch in allen Stücken seinem Vater ähnlich, hat ganz dessen Denkweise und das Zeug in sich, der zukünftige Hotelier des Städtchens B. zu werden. Nur die Tochter Laura ist weder äußerlich noch innerlich ihren Eltern ähnlich; obwohl jünger, behandelt sie ihren Bruder geringschätzend, da sein allzu simples Gehaben ihr keinen Respekt einzuflößen vermag. Laura hatte, wie die Eltern mit nicht wenig Stolz )ch brüsteten, ihre Erziehung in dem nahen Krakau genossen, nd stillschweigend wurde ihr von dem sonst so starrgläubigen -ter des Privilegium eingeräumt, ihren Namen Leah in Laura zu verwandeln. Sie war auf den modernen Namen nicht wenig eitel und würde sich bestens bedanken, Leah gerufen zu werden. Freilich, der Familie und speziell der Mutter passierte es hie und da, das Mädchen beim Namen der Patriarchin zu nennen, aber man verbesserte sich gleich, der Name der klassischen Vorzeit wurde, halb gesprochen, unterdrückt und das „zivilisierte" Wort ostentativ, wenn auch mit falscher Betonung, ausgesprochen. Und Laura galt allgemein als „Fräulein". Ihre Jugendgenossinnen, denen es nicht gegönnt gewesen war, sich in der Stadt auszubilden, schauten zu ihr wie zu einem höheren Wesen empor, nahmen sich ihre Manieren, ihre Sprechweise zum Vorbild, und die Andersgläubigen des Städtchens nannten sie nicht wie landesüblich schlechtweg die Jüdin, sondern Fräulein Laura. Und sie that sich darauf etwas zu gute, fühlte sich ihrer Umgebung überlegen, und im Stillen kam sie sich wie etwas mehr vor, als die „Jüdin", die Tochter eines Herbergebesitzers. Wurde sie doch von all den seinen Herren, die da ein- und ausgingen mit Fräulein tituliert, mit Galanterien, mit schönen Redensarten überschüttet, daß sie bei sich täglich im Werte stieg. Wenn sie gar einen alten Ritterroman zu lesen bekam, dünkte sie sich ein Burgsräulein, von einem Schwarm Minnesängern umflattert. Die Eltern waren nicht wenig stolz ob der Huldigungen, die ihrer Tochter widerfuhren. In Einfalt deren vermeintliche geistige Ueberlegenheit respektierend, beschlossen sie, ihr freien Spielraum zu gewähren und das Fräulein nach freiem Gutdünken schalten und walten zu lassen. War doch Laura „gebildet", sprach das Polnische ohne jeden jüdischen Accent, und wenn sie über die Straße ging, trug sie ihr Haupt so stolz, als wäre sie die leibliche Tochter des Herrn Bezirkhauptmannes, alle Grüße nur mit einem vornehm sein sollenden herablassenden Kopfnicken erwidernd. Das alles war ja ein augenscheinliches Symptom einer seinen, wie die Leute sagten, „christlichen" Erziehung; in jedem gesprochenen und ungesprochenen Wort bekundete sich die Bildung, und Laura konnte thun und lassen, was ihr beliebte. Sie war ein wirklich schönes Mädchen von graziösem Wüchse mit einem pikanten ausdrucksvollem Gesicht, von brünnettem Teint, mit üppigem blauschwarzen Haar. Trotz ihrer 18 Jahre war sie in der Kunst zu gefallen sehr gut bewandert. Mit den Kostgängern und sonstigen Gästen ihres Vaters unterhielt sie sich sehr gern und hatte auch nichts dagegen, irgend einen kleinen Roman einzusädeln. Die Eltern fühlten sich dadurch geschmeichelt. Als Juden gesellschaftlich allenthalben zurückgesetzt, freuten sie sich, daß dieser Bann wenigstens von ihrem Kinde gelöst sei. Freilich war dies nur eitler Schein. Man schmeichelte Lauras hübschem Gesichte, man unterhielt sich mit ihr, um eben die drückende Monotonie eines Landstädtchens zu vertreiben, zumal sie auch einen gewissen Humor besaß; sonst aber waren die Vorurteile um kein Jota gewichen, und wenn man auch dem Fräulein höflich begegnete, machte man sich doch im Stillen über die hoffärtige Jüdin lustig.