Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 40 (6.10.1899)
- Date
- 1899-10-06
- Page
- Seite 636 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 636. Israelitische Wochenschrift. seinem Hingang mit einem Wort des Talmud den eines selten bescheidenen und gerechten Mannes, eines wahren Schülers Hillels, betrauern. Gailingen, 2. Oktober. (Die Großherzogin im jüdischen Friedrichsheim.) Am Samstag, den 24. September wurde dem Friedrichsheim für israelitische Sieche und arme Greise die Ehre zu Teil, von Ihrer Kgl. Hoheit der Frau Großherzogin besucht und inspiziert zu werden. Wie bekannt, ist die hohe Frau eine Autorität aus dem Gebiete des Wohlthuns und der Pflege. Um so mehr ist es erfreulich, daß die Anstalt nach der aus alle Einzelheiten sich erstreckenden Inaugenscheinnahme und Erkundigungen reiches Lob aus dem Munde der Fürstin erhielt. Es sei ihr, sagte sie, eine besondere Freude, daß diese Anstalt den Namen ihres hohen Gemahles trage, und sie behalte sich vor, ihm über alles genauen Bericht zu geben. Eine halbe Stunde verweilte die Frau Großherzogin in der Anstalt und beglückte jeden Pfründner durch huldvolle Worte. Begrüßt und geleitet wurde der hohe Gast durch den Arzt Herrn Dr. Heilbronn und das Lokalkomitee mit Herrn Ludwig Rothschild an der Spitze; der Vorsitzende, Herr Bernheimer, erwartete als Mitglied des Gemeinderates, am Eingänge des Ortes die fürstliche Frau. Das Friedrichsheim, das in nächster Zeit seine Psründerzahl aus 20 steigern will, wird durch die Anerkennung, die ihm zu Teil geworden ist, im Beharren auf dem innegehaltenen Wege bestärkt. London, 1. Oktober. (Erweiterung einer Synagoge.) Der Vorstand der Hampftead-Synagoge hat nach Einsichtnahme der betreffenden Baupläne die Vergrößerung der Synagoge um 80 Sitzplätze genehmigt. Der dazu erforderliche Raum wird aus der Vorhalle gewonnen. Die Unkosten des Umbaues sind aus 3000 L. St. veranschlagt. London, 4. Oktober. (Hochzeit der Miß Eoelina Rothschild.) Die Trauung von Miß Eveltna Rothschild mit Leutnant Clive Behrens hat heute Nachmittag in der New West End Synagoge stattgefunden. Aus den Wunsch der Braut hat Rabbiner S. Singer die Ceremonie vollzogen, der ihr seit ihrer Kindheit den hebräischen Sprach- und Religionsunterricht erteilt hat. Auch der Chief-Rabbi Dr. Adler hat ehrenamtlich an der feierlichen Handlung teilgenommen. Ein auserwählter Chor von Sängern und Sängerinnen hat den Vortrag der üblichen Psalmen zu einem besonderen musikalischen Genuß gestaltet. Der Zutritt zur Synagoge war nur den eingeladenen^Gästen Vorbehalten, deren stattliche Zahl das Gotteshaus vollständig füllte. Unter den sechs Brautjungfern befand sich Lady Sybille Primrose, die Tochter des Lord Roseberry. Nach der Trauung war großer Empfang im Hause des Lord Rothschild. St. Petersburg, 1. Oktober. (Widerrufene Unbill.) Im März dieses Jahres haben an 200 jüdische Studenten die Universität Kiew verlassen müssen, weil der vorgeschriebene Prozentsatz der zu den Bildungsquellen zuzulassenden Juden (10 Prozent) überschritten war. Das Unterrichts-Ministerium (Ministerium für Volksausklärung) hat jetzt bestimmt, daß ohne Berücksichtigung jener Grenze die früheren jüdischen Studenten an der Universität Kiew wieder Ausnahme finden sollen. Personalnachrichten und kleine Mitteilung^ 28. vorigen Monats ist Sanitätsrat Dr. Blaschko im 74 Jahren plötzlich verschieden. Er zählte zu den bek^l Aerzten Berlins. Dem Hilfsverein für Rawitscher gehört^ Mitbegründer und Vorstandsmitglied an. Vakanzen. Niedersept, Oberelsaß. Rel.-Lehr.,1 Sch. Meld. an M. Bernheim. — Rheingönsheim,- Vorb., Sch., auch zum jüd. Unterr. befähigt (ledig), 600 M.V 300 M. Nebeneink., fr. Wohn., Meld. an Vorst. — Bort Wests. Elementarlehr. u. Kant. z. 1. April. Anfangsgehalt 128 Meld. an I. M. Jonas. — Loerrach. Rel.-Lehr., Vorb.,1 900 M. Geh., 900 M. Nebeneink., Wohnungszuschuß. Mell Moritz Nordmann. — Ratibor. Erster Kantor, Leiters Chors mit Orgelbegl. Meld. an Vorst. — Leb ach, Kreis louis. Lehrer für jüd. Unterr., Vorb. u. Sch. mit orthod. 600 M. Geh. Meld. an Joseph Hanau. Feuilleton. Entgleist. Eine Erzählung aus Galizien. Von S. H o r o w i tz. Es ist eine alte Geschichte und doch ewig neu. Wer da^ Glück oder das Unglück hat, diese Empfindung auf sic! einwirken zu lassen, wird von ihr ganz ausschließli^ beherrscht, und alle Vernunftargumente werden von diesem! mit elementarer Gewalt auftretenden Gefühl in den Hinter- , grund gedrängt. Wir meinen natürlich die Liebe. Was kommt ihr gleich? Sie kann ins Himmelreich erheben, aber auch Höllenqualen bereiten. Sie vermag den Menschen zu veredeln, ihn aus der Altagsprosa auszurütteln, ist aber auch im Stande, jeden sonstigen edlen Trieb abzustumpfen und mit ihren Maschen das Wesen so zu umstricken, daß es wie in einem verzauberten Bannkreise der Stimme der Blutsbande, der Pietät, des Stammesgesühles kein Gehör schenkt und, von der blendenden Flamme angezogen, sich die Flügel der Unschuld versengt, in leidenschaftlichem Taumel noch immer wähnend, eine seraphreine Unschuld zu besitzen. Diese Betrachtungen unserer Geschichte vorausschickend, beginnen wir mit der Schilderung. Es war an einem regnerischen Herbstabend. Eine wahre Sindflut ging zur Erde nieder, den Boden der ungepflasterten Gassen ausweichend, daß die spärlichen Passanten, ihre langen Schubitzen emporschürzend, bis zum Knöchel im schlammigen Kote wateten. Der angeschwollene Weichselfluß wälzte seine brausenden Fluten, daß sich die Wogen überstürzten, und der niederkommende Regen prasselte an die Fensterscheiben, daß sie in ihren Einfassungen erzitterten. Die winzigen Oellampen, von Wind und Regen gepeitscht, glimmten nur wie verschämt und warfen ihre gelblichem Reflexe aus den großen, in einem Meere von Schlamm schwimmenden Ringplatz der kleinen Stadt B. In der Mitte des Marktplatzes, aus einer kleinen An^ höhe und den ganzen Platz dominierend, erhob sich ein weit^ läufiges Gebäude im mittelalterlichen Stil, dessen unsprünglicj Bestimmung wohl nicht die gewesen sein mochte, als Gastho