Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 40 (6.10.1899)
- Date
- 1899-10-06
- Page
- Seite 635 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Israelitische Wochenschrift. Seite 636 ff Id es Herrn Dr. Bärwald ab, der sich jetzt von seinem lichen Leben auszuruhen beabsichtigt. In der festlich kten Turnhalle des Gymnasiums hatte sich ein großes lium zusammengesunden, in dem sich der gesamte Lehrer - die Schüler der Anstalt, die Direktoren der höheren klrter Schulen, der Schulrat, eine Abordnung der jü- »Gemeinde und verschiedene geladene Gäste befanden, hemalige Stadtrat Anton Horchheimer sprach ein paar (!ltche Worte im Namen der städtischen und der Prol-Schulverwaltung, darauf folgte eine Ansprache von Theobald Epstein im Namen der Lehrer und eine Rede dr. Reinhardt, dem Direktor des Goethe-Gymnasiums, II als Sprecher der Frankfurter Gymnasialdirektoren die lienste des scheidenden Kollegen hervorhob. Nachdem die prachen vorüber waren, wurde Herrn Dr. Bärwald von Ilm der Schüler ein Album überreicht, das die Bilder der senwärtigen Schüler der Anstalt enthält. Dr. Bärwald r von allen Beweisen der Anerkennung und Anhänglichkeit s tiefste bewegt und gab in seiner Dankesrede einen Ueberktck über die Geschichte des Philantropin seit seiner Beendung im Jahre 1804 bis zum heutigen Tag. Er schloß eine Ansprache mit dem Wunsch, daß die Schule auch ferner lut gedeihen möge. J. E. Aus Baden, 2. Oktober. (Rabbiner Dr. Julius fürst ) Am ersten Tage Rosch-Haschono entschlief nach nem thätigen arbeitsreichen Dasein sanft und friedlich, wie ^er gelebt hatte, der Rabbiner Dr. Julius Fürst in Mannheim im Alter von dreiundsiebzig Jahren. Einer alten badischen Rabbinersamilie angehörig — sein Vater war der langjährige Bezirksrabbiner von Heidelberg, Salomon Fürst — bekleidete er zuerst das Rabbinat Endingen in der Schweiz, sodann das in Mannheim in Baden, wurde 1859 nach Bayreuth berufen und wirkte sodann 1873—1880 als Rabbiner und Religionslehrer in Mainz. Nachdem er frühe schon seine wissenschaftliche Befähigung durch die Lösung einer Preisausgabe der Universität Heidelberg bekundet hatte, entfaltete er eine eifrige literarische Thätigkeit, insbesondere für die Emanzipation der Juden in Bayern, und beteiligte sich auch als ein Anhänger der gemäßigten Reform an der Rabbinerversammlung in Kassel und an der Synode in Augsburg. Aus mehreren Artikeln in der Zeitschrift „Das Ausland" über „die Humanitätsidee im altjüdischen Strafverfahren" ging in ausführlicherer Ueberarbeitung die 1870 erschienene Schrift „das peinliche Rechtsverfahren im jüdische Altertum" hervor, in der er aus Grund seiner Darlegung der biblischen und talmudischen Rechtsprinzipien warm für die Aushebung der Todesstrafe eintrat. Von andern populären Schriften sei ein in Mainz 1877 erschienener Vortrag über „Nathan den Weisen" hervorgehoben, sowie eine Reihe von Artikeln in der neuesten Auflage von Pierer-Kürschner's Konservationslexikon. Die erwünschte Muße für wissenschaftliche Arbeiten fand er jedoch erst nach seiner 1880 erfolgten Uebersiedelung nach Mannheim, wo er bis kurz vor seinem Tode als Rabbiner an der Klaussynagoge und als Religionslehrer wirkte. Ein vortrefflicher Kenner der klassischen Sprachen, beschäftigte er insbesondere mit dem Studium der griechischen und irischen Lehnwörter in Midrasch und Talmud. Er gab zunächst im Anhang zu der Uebersetzung der Midraschim von Wünsche Noten und Erklärungen und veröffentlichte sodann 1890 sein Werk Glossarium graecohebraeum oder „der griechische Wörterschatz der jüdischen Mtdraschwerke". Im Anschluß an die Leistungen von Sachs in den „Beiträgen zur Sprache und Altertumskunde" und von Perles in den „etymologischen Studien" werden in diesem Werk hingebungsvoller Arbeit und reicher Belesenheit die in den Midraschim vorkommenden Fremdwörter aus ihren Ursprung und ihre historisch gewordene Bedeutung geprüft und sodann durch Schilderung der Zeit- und Gesellschastsverhältnisse der römischen und byzantinischen Kaiserzeit durch Heranziehung interessanter Stellen aus den zeitgenössischen griechischen und römischen Schriften und eine umfassende Verwertung der neueren Werke der Altertumskunde eingehend sachlich erklärt. Durch diese Erklärungen werden zahlreiche Midraschstellen erst in das richtige Licht gerückt. Vieles, was vorher in Verschwommenheit und blasser Allgemeinheit uns wenig beachtenswert erschien, gewinnt durch sie Farbe und Leben und wirkt überraschend und belehrend durch seinen bestimmten Zeitcharakter. Das Werk fand in der deutschen wie in der ausländischen Fachpresse vollste Anerkennung und brachte den Verfasser in lebhaften Briefwechsel mit all den gelehrten Arbeitern auf dem Gebiete des Midrasch und der talmudischen Lexikographie, deren Forschungen er mit selbstloser Bereitwilligkeit durch sein umfassendes Wissen unterstützte. Seine eigenen weiteren Studien legte er in verschiedenen Abhandlungen der Zeitschrift der Deutsch-Morgenländischen Gesellschaft, der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums und der Revue des etudes juives nieder. Eine seiner letzten Arbeiten war ein Beitrag zu dem Sammelwerk „semitische Studien zum Andenken an den srühverftorbenen Dr. Alexander Kohut, betitelt „Spuren der palästinensisch-jüdischen Schriftdeutung und Sagen in der Uebersetzung der Septuaginta". Nur einen kleinen Teil des Materials, das er in seinem mit unermüdlicher Liebe der wissenschaftlichen Thätigkeit gewidmeten Leben gesammelt hatte, konnte er zur Verwertung und Veröffentlichung bringen. Nur einen unvollkommenen Begriff von dem guten, reinen,'liebenswürdigen Menschen können diese kurzen Mitteilungen über seine Wirksamkeit und seine wissenschaftlichen Leistungen geben. Die volle äußere Anerkennung für seine Gaben, sein Wissen und sein Streben ist ihm nicht zu teil geworden. Darum ist sein einfaches und bescheidenes Leben nicht weniger ein innerlich glückliches und reiches gewesen. Im Hinblick aus die Freuden, die ihm in seiner Familie, in seinem Weibe und seinem einzigen Kinde geworden, wandte er gern den Psalmspruch an: „mein Los ist in's Liebliche gefallen". Mit inniger Verehrung blickten seine Freunde und Bekannte aus ihn. Die Rabbiner des Landes wählten ihn bei den bisherigen Tagungen der Landessynode zu einem ihrer Vertreter und er hatte die Tagungen als Alterspräsident zu eröffnen. Trotz des Alters blieb sein Geist bis in seine letzten Tage jung und frisch, und die in Heidelberg studierenden Jünger der jüdischen Theologie fanden in seinem gastfreundlichen Hause in Mannheim liebevolle Ausnahme und fördernde Anregung. Alle, die ihm einmal nahe getreten sind, werden ihm eine treue und dankbare Erinnerung bewahren und in