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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1899-09-22 · 38 (22.9.1899) · p. Seite 607

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
38 (22.9.1899)
Date
1899-09-22
Page
Seite 607 (sequence 15)
Language
German
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Nr 38. Israelitische Wochenschrift. Seite 607. „So soll ich gesund sein, Herr Scholz, wie Sie da Recht haben. Es waren höchstens ein Dutzend Menschen beisammen. Die Damen nicht eingerechnet, die zähle ich extra. Was sind Eure Schwestern für stattliche Frauen geworden, Jungfer Sanni! Aber Ihr habt wohlgethan zu Haus zu bleiben, Sannileben, das war kein Fest für fröhliche Mädchen, es war eine sehr ernste Feier." ' Mit meinem Willen bin ich nicht zurückgeblieben," sagte Sanni ärgerlich, „es geschah nur, weil die Mutter es befahl. Und jetzt erzählt endlich, Meister Löbel, warten wir darum seit zwei Stunden auf Eure Rückkehr, daß Ihr Euch jedes Wort mühsam absragen lasset?" „Woher wußtet Ihr denn, daß ich heut' noch zurück kommen müsse?" „Ich könnte Euch erwidern, daß Euer Geschäft Euch nicht erlaube, zwei Tage fortzubleiben, aber Ihr laßt ja doch Eure Kundschaft warten, wie — nun wie eben ein Schneider — aber die Wahrheit ist, daß Euch Mitleiden mit mir armen, böslich zurückgelassenen Nesthäkchen überfallen hat; und ihr halb und halb selbst daraus brennt. Eure Neuigkeiten auszukramen. Also sangt an. Zuerst: Wie sah die Braut aus?" „Schön! Schöner wie schön." „Geht doch. Ihr übertreibt. Lotte Jakob ist dreiunddreißig Jahr." „Entschuldigen Sie, zweiunddreißig." „Zweiunddreißig! Gott! das ist ja schrecklich alt." „Nun? was thut das!" Löbel streicht liebkosend seinen dünnen grauen Bart und versucht recht unternehmend dreinzuschauen. „Fräulein Sanni, ich sag' Ihnen, wenn die kleine Lotte mich gewollt hätte — ich hält' sie auch genommen." „Ach lasset die Possen. Mein Bruder konnte wohl ein hübscheres Mädchen heiraten oder auch ein reicheres." „Ja! damit sollte ihm nur einer kommen. Darüber hatte er so seine eigene Ansichten." „Leider recht unpraktische. Lotte Jakob zu nehmen, die keinen Groschen Geld mehr besitzt. Sie sollen sich auch unglaublich einfach möbliert haben. Denken Sie nur, Löbel, nicht mal Uebergardinen." „Die Frau Amtsrichter Seligsohn hat neun Zimmer, und in jedem Einzelnen Uebergardinen." „Seht Jhr's." „Ob sie auch übriges Glück und Behagen in ihren Stuben hat, weiß ich nicht." „Ach, das sind schöne Redensarten, Meister Löbel, Ihr thut, als ob Reichtum eine Schande wäre. Und schließlich: Eines laß ich mir ganz und gar nicht ausreden: eine Jüngere hätte der Max jederzeit noch bekommen. Was seht Ihr mich so an?" „Ihr habt recht schöne goldene Haare —" „Was soll das hier?" „Und dabet fällt mir ein, Euer Bruder hat einen ganz weißen Kopf." Da sängt Sanni an bitterlich zu weinen. Löbel Abraham spricht kein Wort. Nur Vater Scholz seufzt: „Ja, ja, drei Jahre Festung ohne Gnade! Aber sagt doch, Löbel, habt Ihr meinen Hans dort gesehen?" „Nun natürlich. Gehört doch Euer Hans zu dieser Hochzeit wie der Zucker in die Torte. Wer hätte dem Doktor aufgeholsen, wenn nicht Euer Hans? Damals, als er endlich von der Festung loskam, und mit leeren Händen dem nichts gegenüberstand —" umsonst winkte Papa Scholz mit Augen und Händen Löbel Schweigen zu, der Schneider ließ sich nicht so leicht aus dem Konzept bringen, um so weniger, da er mit gutem Grund beabsichtigte, der ziemlich hochsahrenden Sanni eine kleine Lektion zu erteilen, „wer hat damals dem Doktor mit gutem Rat und klingender That beigestanden, wer anders als Euer Hans? Wer hat den Max gefördert und unterstützt, als er in der wildfremden Stadt da weit in Elsaß hinein, noch einmal ganz von vorn um seine Existenz ringen mußte? Immer der Hans, der gute, treue, seidne Meusch —" „Ja, aber er half sich denn doch bald wieder allein," sagte Vater Scholz in seiner milden Art, denn das verlegen und gesenkten Blickes zuhörende Nachbarkind that ihm leid. „Nun — wie eine Sache da ist!" fährt Löbel kampsesmutig fort, „wozu hat er denn seine Doktorei gelernt? Hat es nicht lange genug gedauert, bis er sich sein eigenes Nest bauen und die Lotte heimholen konnte, sie, die so treu aus ihn gewartet hat." „Hört mal, Reb Löbel, hat man Euch keinen Cheilek (Portion) für uns mitgegeben?" sucht Eanni's Frage das vorangegangene heikle Thema abzuschneiden. „Seht nur nach." Aber wie Sanni das umfangreiche Packet öffnet, kommen die fürchterlichsten Dinge an's Tageslicht. Irgend eine täppische oder gar leichtsinnige Hand hat die zahlreichen Butterkuchen und Fleischpasteten ungesondert in eine Hülle gebettet, so daß es für ein rechtgläubig jüdisches Kind zur traurigsten Unmöglichkeit geworden, auch nur einen Bissen von all den guten und verlockenden Dingen anzurühren. Schauderhaft! Jetzt ist es Löbel, welcher in Verlegenheit gerät und von dem jungen Mädchen eine gediegene Strafpredigt für seine Unachtsamkeit erhält. Aber das schlaue Schneiderlein salvirt sich mit dem frommen Wunsche, daß ihm ein ähnliches Malheur recht bald bei Sannis Hochzeit passiren möge. Mit einem Male wird Löbel Abraham tief ernst. „Ich Hab' Euch noch gar nicht erzählt, Sannileben, was Euer Bruder gesagt hat, als er in den Hochzeitssaal ganz unerwartet seine Eltern treten sah". „Wie mag er sich gefreut haben". „Geweint hat er, geweint wie ein kleines Kind, ganz herzrührend, niemals habe ich einen Mann so vor Freude weinen sehen". „Mein armer Bruder". „Er hat viel gelitten". „Aber das hat ihn besser gemacht. Lieber Herr Scholz, ich bin nur ein geringer Mann, aber es verdroß mich doch, wenn ehedem dieser junge Mensch so vornehm that, und unser einen immer über die Achseln ansah. Seht, jetzt war er ausnehmend freundlich, sogar zu mir. Löbel, hat er gesagt, Freund Löbel, wann kommt ihr mich mal besuchen in meiner neuen Heimat? „Wann ihr einen kleinen Doktor haben werdet". „Nein, nein, schrie er hastig, „einen Sohn will ich

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