Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 38 (22.9.1899)
- Date
- 1899-09-22
- Page
- Seite 606 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
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- IRI
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Seite 606. Israelitische Wochenschrift. Nr. 38. hinunterdrang, übertraf selbst die Erwartungen der grausenlüsternsten Seelen — das waren herzzerreißende Wehruse. „Die arme Frau", sagte der Apotheker traurig zu seinen Kunden, „hören Sie, so weint und schreit sie um ihren Mann. Sie hat ihn so unendlich lieb gehabt —" Und der gefühlvolle Onkel Mucha wischte sich eine Thräne aus den Augen. Schluß. Zehn Jahre!- Der geneigte Leser ist zu vernünftig, um in dieser unscheinbaren Erzählung eine Darstellung auch nur eines einzigen Bruchteils all der Ereignisse finden zu wollen, welche das mächtige Element, die Zeit, im Lause der Jahre achtzig bis neunzig entstehen und geschehen ließ. Und der Wahrheit die Ehre, weder eine hohe noch die niedere Politik hat irgend welche erschütternde Veränderungen in den Schicksalen der Figuren unserer Erzählung hervorgebracht. Man schläft in Kronstadt, Trebanobitz und so weiter noch genau so ties und fest, als man vor zehn, zwanzig, fünfzig Jahren in all den „verstaubten Spielzeugschachteln" (wie Paul Heyse einmal treffend diese entlegenen, von jeglicher Kultur vergessenen Nester bezeichnet) geschlafen hat. In diesen kleinen oberschlesischen Städten scheint das Leben zu stagnieren, der Fortschritt, der wie alle großen Herren nur in den Metropolen leben mag, der Fortschritt mit seinen langen Riesenbeinen hat jene kleinen Hemmnisse überhüpft. In Kronstadt hat sich wenig verändert. Der Ring hat zwei funkelnagelneue Laternen erhalten, welche leider, leider nicht auch am Tage ihr Licht erstrahlen lassen. Die guten Kronstädter meinen nämlich, daß diese Prachtexemplare von Leuchten jetzt im Juni, wo sie nur von neun bis elf Uhr zu brennen haben, eigentlich zu wenig für ihr schweres Geld leisten. Aus der sogenannten Promenade hat der Kronstädter Verschönerungsverein eine lieblich grasgrün angestrichene Bank gestiftet, aus die sich aber bei Leibe keiner der Eingeborenen zu setzen wagt, damit die kostbare Errungenschaft der Stadt nicht vorzeitig abgenutzt oder gar beschädigt werde. Und das ist Alles, was der Topograph Kronstadts seinen Lesern Wesentliches zu berichten hätte. Mit den Einwohnern Kronstadts ist Frau Zeit weniger glimpflich verfahren. Vater Scholz, der gebückt vor seiner Hausthür sitzt und mit zitternden Händen sein Pfeifchen hält, weiß des Bösen genug von der heimtückischen Macht der einzahnigen, alten Hexe zu erzählen. / Und erst der Herr Amtsrichter von Trebanobitz. Ihm, der eben mit Frau und Kindern in eleganter Equipage vorüberrollt, ach ihm, dem einst so reich gelockten Seligsohn, haben die Schwingen der Unerbittlichen schonungslos die Mehrzahl seiner Haare hinweggestreift. Selbst Fräulein Olga, liebreichen Angedenkens, würde ihren weiland zärtlichen Beschützer nicht mehr wiedererkennen. Mit kleinen Aeuglein, die über den seiften Wangen und der sanft geröteten Nase fast verschwinden, schaut er unendlich nichtssagend in die Welt hinein, der schöne Robert ist dick geworden, sehr dick in hervorstechendem Gegensatz zu seiner Gemahlin, deren frühere elegante Schlankheit der böse Chronos zu hektischer Magerkeit reduzierte. „Da fährt Numero zehn!" sagt Sanni Goldmann, welche dem alten Freunde ihres Hauses bei seinem Feierabendstündchen ein wenig Gesellschaft leistet. Vater Scholz lacht: „Numero zehn!" Das ist auch einer von Löbel Abrahams Nichtsnutzen Einfällen. Und hat gar nicht Unrecht, der Schelm! Der kugelrunde Amtsrichter ist die Null und die lange hagere Madame ist die Eins davor. Aber die Zwillinge werden allerliebst". „Es geht!" sagt Sanni gedehnt. Wie die Mehrzahl hübscher Mädchen wird sie verdrießlich gestimmt, sobald Jemand in ihrer Nähe es sich beikommen läßt, von der Schönheit dritter Personen zu sprechen. Uebrigens — des Kantors Jüngste hat vollauf Ursache mit den Wandlungen der Zeit zufrieden zu sein. Die achtzehnjährige Sanni ist frisch wie eine Pfingstrose — wenn in Kronstadt jemals ein ähnliches Schiedsgericht wie der berühmte Concour3 de Spaa etabliert werden sollte, Sanni würde sicherlich von den jungen Gentlemen ihres Glaubens den ersten Preis erhalten; denn sie ist blond — blond wie die Kornähre — welch unerhörte Auszeichnung der Natur! „Es geht an!" sagt Sanni und sendet Hertha und Bertha einen kritischen Blick nach. „Kleider machen Leute, die Frau Amtsrichter versteht ihre Kinder vorteilhaft anzuziehen, das kann ihr Niemand bestreiten. Aber es ist keine Kunst, Geschmack zu zeigen, wenn man so viel Geld besitzt". „Höre Sanni, Du brauchst nicht neidisch zu sein", sagt Vater Scholz kopfschüttelnd, „das Glück dieser Frau ist noch zu übersehen". „Ich beneide sie nicht, ganz und gar nicht. Und nicht um all ihr Geld möcht' ich ihr eingefallenes, gelbes Gesicht haben oder gar ihren Pantoffelducker von Mann." „Respekt, Sanni, er ist der Amtsrichter." „Ach was! mein Amtsrichter ist er nicht, ich habe ihn nicht angestellt. Lachen Sie nicht, Papa Scholz, ich bin bitterböse auf diese ganze hochmütige Sippschaft. Sie sind sortgesahren, weil sie sich zu vornehm dünkten an meines Bruders Hochzeit Teil zu nehmen". Vater Scholz antwortet nicht, er blickt gelegentlich nach der Landstraße, plötzlich erhebt er den Kopf und summt vergnügt: „Siehste wohl da ktmmt er — lange Schritte nimmt er —" Man staune! Selbst bis nach Kronstadt ist der erhabene Text der Berliner Kreuzpolka schon gedrungen. Und der Erwartete nimmt wirklich lange Schritte, so gut es seine kurzen Beinchen gestatten wollen. Endlich ist er da, Löbel Abraham in höchsteigener Person. Er schleppt ein mächtiges Packet, das er, selbst in den Augenblicken höchster Erschöpfung noch ein echter Frauenlob, Sanni mit artiger Verbeugung zu Füßen legt. „Raten Sie, wo ich herkomme, Fräulein Sanni!" „Schnurgerade die Trebanobitzer Chaussee entlang." „Getroffen! Alle lassen grüßen. Der Vater und die Mutter und das junge Paar und die gesamtenHochzeitsgäste." „Werden ihrer nicht allzu viele gewesen sein."