Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 38 (22.9.1899)
- Date
- 1899-09-22
- Page
- Seite 605 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9605007-9605104--7518-9605117- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 38 Israelitische Wochenschrift. Seite 605. Feuilleton. Der Milgisldoktor. Ein Bild aus der Gegenwart von C. Berg. (Schluß.) Onkel Mucha schrieb: „Es geht das Gerücht um, Goldmann sei gefallen. Da Hans Scholz eben mit sehr nieder' geschlagener Miene an mir vorüberrannte, nehme ich an, daß es wahr sei." Und ganz klein, fast unleserlich, war darunter gekritzelt: „Ich gratuliere, Frau Baronin." Der Bursche war kaum hinaus, so riß Marie die Thür ihres Kleiderschrankes auf und musterte fieberhaft ihre Garderobe, nun mußte sie ja doch an die Trauer denken. Ein noch tadelloses schwarzes Kachemirkleid fand sich vor, ebenso ein geeigneter Hut und Shawl, an Handschuhen war kein Mangel, auch ein hübscher Jetschmuck zur späteren Halbtrauer konnte verwendbar sein, aber etwas fehlte, etwas sehr Wichtiges. Sie lies ans Fenster, öffnete es und ries: „Staß, Staß!" Im Hose erschien der Bursche und fragte, was die Herrin befehle. „Laus' einmal herüber zum Juden Gabriel und kaufe mir einen langen Kreppschleier, aber recht lang, hörst Du? Warte, hier ist Geld." Sie eilte an den Tisch, nahm einen der Hundertmarkscheine aus dem Portefeuille, warf ihn zum Fenster hinaus und bedeutete den Burschen, den Schleier ja unverzüglich herauf zu bringen. Nach einer kleinen Weile kam Staß mit einer Rolle zurück, in welcher der Krepp verborgen. Es war ein tiesschwarzes, dichtes Gewebe. Marie prüfte seine Länge an ihrer Gestalt, während Staß erzählte, man habe ihn aus der Straße allgemein gefragt, ob es wahr sei, daß der Herr Doktor ganz totgeschoffen sei; der Herr Apotheker aber lasse die Frau Doktor dringend bitten, sie möchte um Himmelswillen diesen Abend ja aus ihrem Zimmer bleiben. „Ja doch, ja!" rief Marie verdrießlich. „Ich werde nicht davonlaufen." Es war doch so ärgerlich, der Onkel behandelte sie immer noch wie ein kleines Mädchen. „Wenn Du hinausgehst, Staß, schließe in Teufels Namen hinter mir ab und gieb Onkel Mucha den Schlüssel, daß er beruhigt sei." Der Bursche ging nicht, er hatte augenscheinlich noch etwas aus dem Herzen. „Was giebts noch?" „Ob die Frau Doktor angesichts dieses Unglücks wenigstens jetzt an den Nebelreiter glaube," brachte er heulend heraus. „Der Nebelreiter?" Marie sah Staß zweifelnd an. „Es scheint mir jetzt selbst, es sei etwas Wahres an der Sache." Da war Staß beruhigt und ließ die Frau Doktor allein. „Abschließen!" rief Marie ihm nach. Marie hatte den langen, faltenreichen Schleier um ihren Hut geschlungen und trat vor den Spiegel, um sich und die Wirkung ihres Werkes besser zu betrachten. Schwarz kleidet doch prächtig zu blondem Haar. Sie wandte sich nach allen Seiten, beugte sich vor, warf den Kops zurück — neigte sich, zog den Schleier vor ihr Gesicht und ließ ihn wieder herab, sie war zufrieden. So also würde die junge Witwe des Doktor Goldmann aussehen. Eigentlich that es ihr doch ein wenig leid um ihren Mann. Max war kein schlechter Mensch gewesen, behüte, kein Trinker, kein Spieler, auch kein Lüderjahn. Er hatte cs in seiner Art doch immer recht gut mit ihr gemeint. Ein Anderer würde ihr nach dem Vorfall mit Dallwig eine Szene bereitet, sie vielleicht geschlagen haben — Max räumte ihr gutwillig das Feld. Und so edel dabei, sein ganzes Hab und Gut hatte er ihr vermacht. — Sie empfand beinahe etwas wie Freude, daß sie so traurig um ihn sein konnte, auch ein paar Thränen blieben nicht aus. Uebermorgen beim Begräbnis, und es würde ein recht schönes und großes Begräbnis sein, da würde sie erst recht um ihn weinen und klagen und alle Welt würde gerührt sein über ihren tiefen Schmerz — welch zärtliche, liebevolle Frau war sie gewesen. — Doch was ist das? Es flammte etwas über ihrem Haupte, ein heller Strahl. Herr Gott! Bei ihren unruhigen Bewegungen hatte der Schleier an einer Kerze Feuer gefangen und sengte. Erschrocken griff sie danach und versuchte den lodernden Fetzen^abzureißen, die zitternden Hände fanden die Nadel nicht sogleich, durch welche der Hut im Haar befestigt war. — Hut, Schleier, die reichen über den Nacken fallenden Flechten ihres schönen Haares, der Shwahl, ihr Kleid — in einer Sekunde stand alles in Hellen Flammen. „Wasser! Wasser!" Es war kein Tropfen vorhanden — sie fliegt zur Thür, die war versperrt. Aber der Wein da konnte retten. — Sie versuchte die halbgeleerte Flasche über"ihrem Haupte auszugießen — das zischte aus und sprühte in tausend Funken — der schwere spritreiche Spanier entfachte die Flamme noch mehr statt sie zu löschen. Die unglückliche Frau wälzte sich auf dem Boden und schrie: „Zu Hilfe! Ich sterbe! . . . Ich sterbe!" Dann ein Wimmern noch, und es war vorüber .... Unten in dem Verkaufslokal der Apotheke stand Onkel Mucha und hatte ihr gellendes Schreien gehört. Er und Staß hatten alle Hände voll zu thun, denn der Laden war gedrängt voll von eingebildeten Kranken. Wie am Nachmittag bei Steinmenger, hatte sich auch hier jetzt zur Abendstunde eine Schar sensationssüchtiger Käufer eingesunden, die gekommen war, um recht schaurige Einzelheiten über des Doktors Tod zu erfahren. Ein Spiel des Zufalls wollte, daß auch nicht Einer von ihnen das Märchen ahnte, das die wunderliche Fama den guten Trebanobitzern aufgebunden. Die Meisten verlangten Marien zu sehen, angeblich um ihr zu kondolieren, in Wahrheit aber, um sich selbst durch den Augenschein zu überzeugen, wie die leichtfertige Person sich bei dem Unglück geberden werde, und sich im besten Falle das gewissen Naturen unschätzbare Vergnügen zu gewähren, die Heldin einer wirklich geschehenen Tragödie von Angesicht zu Angesicht anzustarreu, oder wenigstens ihr Wehklagen mit I eigenen Ohren zu vernehmen. Nun — das Geschrei, das