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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1899-09-22 · 38 (22.9.1899) · p. Seite 600

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
38 (22.9.1899)
Date
1899-09-22
Page
Seite 600 (sequence 8)
Language
German
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Seite 600. Israelitische Wochenschrift. Nr. 38. er bringt keine fertige Ueberzengung mit, sondern indem er einerseits den traurigen Zustand der Welt und das Unglück der Gerechten erkennt, andererseits an dem alten Glauben sesthält, daß alles von Gott kommt, der durchaus Gehorsam verlangt, sängt er an, nach einer Lösung des Rätsels zu suchen. Der Verfasser kämpft sich jedoch zur Klarheit nicht durch; er hebt bald diese, bald jene Seite hervor, stellt mehrmals Gegensätze unvermittelt nebeneinander, räumt Dinge ein, die er nachher bestreitet, und macht es dem Leser oft sehr schwer, seine eigentliche Meinung und den Zusammenhang der Gedanken zu finden. Deshalb ist auch die Disposition dieses Buches dunkel. Hauptsächlich aber ist dieses Buch von jeher verschrieen wegen des darin herrschenden systematischen Pessimismus, der doch ganz und gar nicht zu der Heiterkeit des israelitischen Bewußtseins stimmt. Bei näherer Betrachtung aber finden wir, daß sich durch das Ganze ein optimistischer Gedanke zieht, nämlich der, einen Ausgleich zu finden in der Beurteilung der ungleichmäßig verteilten Lebenslose oder Lebensgüter. Der alte Glaube, daß Tugend und Belohnung, Laster und Strafe auf Erden in richtigem Verhältnis zueinander stehen, eine der Grundlagen der mosaischen Religion, mußte mit dem Fortschritt des Nachdenkens und dem Wachsen des nationalen Unglücks Anfechtung erleiden. Schon das Buch Hiob behandelt diese Probleme, schließt aber noch mit einer glänzenden Theodicee. Die Annahme einer eigentlichen Kompensation, eines Ersatzes für die diesseitigen Leiden in einer jenseitigen Freudenernte, hatte damals nochnicht die Kraft erlangt, jenen Widerspruch auszugleichen. So blieb dem denkenden Geist nur eine dumpfe Resignation übrig, wenn ihn der Zweifel an der Gerechtigkeit nicht zur Verzweiflung führte. Koheleth versucht nun eine relative Ausgleichung insofern zu finden, als die größere Menge von Glücksgütern, die dem Einzelnen zu teil werden, die geringere Empfindlichkeit für die Freuden und den Genuß und die größere Empfänglichkeit für die Ursachen des Schmerzes gegenübersteht, und zwar können wir dabei eine so angemessene Proportion a nehmen, daß Eines mit dem Anderen multipliziert — das geringere Volumen von Glücksgütcrn mit der höhern Empfänglichkeit, und das größere Volumen mit der geringeren Empfänglichkeit — stets dieselbe Summe von Glück und Genuß ergebe. Hören wir, wie die neueren Kulturhistoriker sich gelegentlich hinsichtlich dieses Problems vernehmen lassen: Was das Wohl und Glück anlangt, so sind ganz offenbar die Mittel dazu in heutiger Zeit außerordentlich vermehrt worden, selbst die niedrigsten Klassen sind in Wohnung, Nahrung, Kleidung und in der Befriedigung anderer Bedürfnisse außerordentlich viel besser als in früheren Jahrhunderten gestellt. Ebenso ist der geistige Besitz gestiegen; die Wissenschaften haben wunderbare Fortschritte gemacht, das Wissen ist in viel höherem Maße durch alle Klassen verbreitet. Darauf stützt sich auch das Urteil für den Fortschritt unserer Zeit, das man überall hören kann. Man übersieht aber, daß dieser Besitz nur ein Faktor zum Glücke ist, der unwirksam bleibt, wenn nicht noch ein zweiter hinzutritt, nämlich die Empfänglichkeit dafür. Ein satter Mensch hat auch von der feinsten Speise keinen Genuß; der Eskimo sehnt sich mitten in den Genüssen der Großstadt nach seinen Thrantöpsen zurück. Indem so zwei Faktoren zur Hervorbringung des Glückes und der Freude gehören, zeigt die Beobachtung, daß hier zwei sehr merkwürdige Gesetze bestehen. Das eine lauket dahin, daß mit dem Steigen der Lebensgüter die Empfänglichkeit dafür sinkt. Ein verwöhnter Mensch ist deshalb so schwer zufrieden zu stellen. Wer alle Tage zu Gesellschaften eingeladen wird, den lassen diese Einladungen bald sehr gleichgültig. Für einen Virtuosen giebt es nichts Schrecklicheres als den Besuch von Konzerten. Ein Gelehrter empfindet bei seinen späteren Werken nie mehr das Entzücken, das die Korrekturbogen seiner ersten Schrift ihm gewährten. Das zweite Gesetz lautet: „Mit dem Steigen, der Güter steigt die Empfänglichkeit für die Ursachen des Schmerzes. Der Sybarit im Altertum konnte nickt schlafen, weil ein Rosenblatt aus seinem Lager ihn drückte". Indem das Glück so das Produkt aus zwei Faktoren ist, von denen der eine in demselben Verhältnis fällt, in dem der andere steigt, ergiebt sich das merkwürdige Resultat, daß bei einigermaßen dauernden Verhältnissen die Menge der Glücksgüter aus die Größe des Glücks keinen Einfluß hat. Es wäre auch schwer mit der Güte und der Weisheit Gottes vereinbar, wenn alle jene Millionen Menschen, die die Jahrtausende vor uns in dürftigeren Verhältnissen gelebt haben, ohne ihr Verschulden viel ärmer an Glück gewesen wären, als wir. Wenn uns dies dennoch so scheint, so liegt es nur darin, daß wir mit unserer Gewöhnung an reichere Glücksgüter allerdings deren Mangel, wie er in früheren Zeiten bestand, sehr schmerzlich emfinden würden, allein dies betrifft nicht die Menschen jener Zeiten, deren genügsamere Empfänglichkeit diesen Mangel an Gütern voll ersetzte. Die Fiktion, daß Salomo der Redende des Buches Koheleth ist, ist sehr gut gewählt. Ein Mann, der die höchste Macht besessen, der alle Güter des Lebens kennen lernen konnte, und der zugleich die höchste Urteilskraft besaß, hätte am ersten die höchste Summe des Glücks finden müssen. Aber die höchste Summe der Lebensgüter führt ihn nicht zu diesem Resultat. Er sieht, wie die Menschen nach dem Glück jagen, aber er hat sich davon überzeugt, daß alles menschliche Streben, die höchste Summe von Glück zu erlangen, nichtig, ein Forschen nach dem Winde ist. Er hat vieles versucht, er hat gemeint, mit irdischen Unternehmungen das Glück zu erhaschen; er hat sich große Weisheit erworben, aber schließlich doch erkannt, daß die Summe des Glücks dadurch nicht gewachsen ist, weil eben der größeren Summe von Glücksgütern die geringere Empfänglichkeit für die Freuden und den Genuß, und größere Empfänglichkeit für die Ursachen des Schmerzes gegenübersteht. Die Freude ist ihm allein das wahre Gut, das Gott dem Menschen gegeben hat. Man hat diese Freude zu einer reinen geistigen Freude erklären, und darin den Schlüssel des ganzen Buches finden wollen (vergleiche Ewald: „Die Salomonischen Schriften"). Aber mit deutlichen Worten redet der Prediger wiederholt vom eigentlichen sinnlichen Genuß. Vielmehr ist unter dieser Freude, die Koheleth als das wahre Gut betrachtet, nichts anderes gemeint, als eben die relative Ausgleichung in der Verteilung der Lebensgüter insofern, als der geringeren Summe von Glücksgütern die höhere Em-

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