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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1899-09-22 · 38 (22.9.1899) · p. Seite 599

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
38 (22.9.1899)
Date
1899-09-22
Page
Seite 599 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 38 Israelitische Wochenschrift. Seite 699. dereinst seine Stellung in der Musikwelt ihn unabhängig gemacht haben würde. Er vergleicht sich mit „Isaak, der aus dem Altar geopfert wird", obwohl der Vergleich von Jakob, der den Isaak täuscht, näher gelegen hätte. Kurz, dieser unkindliche junge Herr, der sich so schwächlich den schönen Augen eines Dienstmädchens ergiebt, ist einem Helden so unähnlich wie möglich. Der Gipfel der Absurdität ist erreicht, als Raphael auf den Stufen der Synagoge seine Liebe dem höchsten Bieter anbietet, und Rosa selbstverständlich hervorstürzt und ihm ihre Seele für seine Seele, ihr Herz für sein Herz darbringt. Die erschreckte Volksmenge schreit auf, daß dies eine „Schickse" oder etwas ähnliches sei, und darauf teilt Raphael dem Ghetto mit, daß Rosa sein Weib ist. Das sollte jedenfalls sehr pathetisch klingen, es wirkte aber lächerlich. Im letzten Akt sehen wir Rosa immer noch in Sachels Hause ängstlich Raphaels Rückkehr von irgend einem musikalischen Ausflug erwarten, von dem er als berühmter Mann heimzukehren gehofft hat. Warum der grausame alte Mann, der Rosa so grimmig haßt, weil sie ihm des Sohnes Liebe geraubt, sie nach dem Bekanntwerden der Wahrheit nicht aus dem Hause gewiesen hat, wird nicht erklärt. Aber obgleich Raphael verheiratet ist, haben Sachel und Aaron den Plan seiner Vermählung mit Rebekka nicht ausgegeben. Vielleicht gab es im Jahre 1817 in Amsterdam noch kein Gesetz gegen Bigamie. Jedenfalls versuchen sie, durch Unterschlagung von Briefen Rosa zu überzeugen, daß ihr Gatte sie verlassen hat, und als nichts ihr Vertrauen erschüttert, küßt Sachel die Mesusah und schwört „beim Gesetze Mose's" daß sein Sohn tot sei. Rosa stürzt sich voller Verzweiflung in den Kanal, und als ihr Leichnam herausgefischt wird, kehrt Raphael heim, um seinen musikalischen Triumph zu verkünden. Ec erfährt den Verrat, der ihn seines Weibes beraubt hat, und bei Raphaels Ausruf: „Ich bin ein Jude, und ich bin allein" fällt der Vorhang über der traurigen Posse. Diese Inhaltsangabe wird beweisen, daß es unmöglich ist, das Stück ernst zu nehmen. Das darin entrollte Bild von jüdischem Leben ist aus das Aeußerste verzerrt. Juden mögen nicht besser sein als andere Leute, jedenfalls aber sind sie nicht so viel schlechter, wie „Das Ghetto" uns glauben machen^will.L(„Keiner von Allen hat ein Herz, außer Raphael", rust Rosa zu Beginn des Stückes. Der wahre Grund ihrer Begeisterung ist leicht erkennbar. Raphael ist der einzige Insasse des Ghetto, der sie heimlich liebt. „Ich will Dich aus dem Ghetto in Gottes freie Luft bringen", verspricht er ihr. Als wenn die stickige Luft des Ghetto nicht tausendmal freier wäre, als die außerhalb des Ghetto, zum Beispiel in dem erleuchteten Frankreich von heute. Das ist eben der falsche Ton, der durch das ganze Stück geht. Ebenso werden die Beziehungen der Juden zur Außenwelt nur durch die intoleranten Reden von Sachel und Aaron charakterisiert. Die fortwährenden verächtlichen Anspielungen auf die Christen beleidigen das Ohr. Was auch immer die Absicht der Autoren gewesen sein mag, das Ergebnis war ein durchaus antijüdisches Stück, das zum Beispiel in einem Lande wie Frankreich dazu führen würde, die wildesten Leidenschaften des Glaubenshasses zu schüren. In unserem Lande können wir glücklicherweise eine solche Travestie des jüdischens Lebens mit Gleichmut behandeln, dasselbe gilt von Holland, wo das „Ghetto" zuerst aufgesührt worden. Außer dem Titel und dem Sujet ist wenig jüdische Färbung in dem Stück, und der Verfasser hat augenscheinlich gar keine intimere Kenntnis des jüdischen Lebens. Die drei Nebenfiguren — Rabbi Haezer, Esther und Rebekka — sind die besten, weil sie am wenigsten unmöglich sind. Die sehr gute Ausführung wurde durch wiederholte Zeichen der Ungeduld seitens des Publikums unterbrochen, während ein großer Teil des Stückes mit düsterem Schweigen ausgenommen wurde. Der Optimismus. Gedankenfaden in dem Buche Koheleth. Von Rabbiner Dr. B. Seligkowitz-Cöthen. Die dichterische Erzählung aus dem Altertum, wie die Menschen der Vorzeit an den Schranken ihrer Macht rütteln, volle Unabhängigkeit zu erringeu bemüht sind, ist nicht ohne Erhabenheit. Die Titanen stellen Berge aus Berge, um trotzig den Himmel zu ersteigen; die Menschen einer Sprache und einer Rede wollen in Babylons weiter Ebene eine Stadt erbauen mit einem Turm, dessen Spitze zum Himmel hinanreicht, damit sie, auf die eigene Kraft sich stützend, Dauer und Folterhalten sich verbürgen. So kühn dieses Emporstreben des Menschen ist, es muß an den Grenzen menschlicher Macht zusammenbrechen, Strafe und Fall nach sich ziehend. Noch erhabener ist die Dichtung, wenn sie uns den Menschen in seinem geistigen Ringen darstellt, wie er die Enge, die seinen Geist umgiebt, durchbrechen, das Dunkel der sittlichen Weltordnung durchdringen will. Hiob führt das Bewußtsein seiner Tüchtigkeit und Reinheit mit einem gewissen Trotz in den Kamps gegen die Unfälle des Lebens; er stellt die ewige Gerechtigkeit zur Rede: „Warum dies mir? Stehe ich nicht höher als mein Schicksal? und dennoch ein solches über mich verhängt!" Noch gedankengewaltiger ist es, wenn der Dichter der neueren Zeit uns Faust vorführt, wie er in die Tiefen des Wissens eindringen, das Geheimnis des Werdens entschleiert sehen, in das Weben und Wirken der Urkraft und des Urgeistes hinabsteigen und so das Rätsel des Seins lösen, ungeduldig seiner geistigen Endlichkeit und Begrenztheit Herr werden will. Ties ist sein Fall, wenn er aus seiner anmaßenden Höhe in die Sinnlichkeit versinkt, um in ihr das hohe Streben zu ersticken; nur durch die Naivetät eines reinen unschuldigen Gemüts, das sich an ihn kettet, wird ihm Rettung. Solche Naturen werden von einer beständigen Unruhe getrieben; sie haben nie in sich Genügen, weil sie das Ziel, das sie unablässig verfolgen, nie erreichen. Solche Naturen umlagert allerdings tiefer Trübsinn; es geht ein Weltschmerz durch ihre Seele, und dennoch ist dieser mit der Wolke vergleichbar, die die göttliche Herrlichkeit umhüllt und, sie zugleich widerstrahlen läßt. Das Zeugnis einer solchen Stimmung ist das salomonische Predigerbuch. Die Grundansicht des Verfassers ist skeptisch;

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