Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 38 (22.9.1899)
- Date
- 1899-09-22
- Page
- Seite 598 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 598. Israelitische Wochenschrift. Nr. 38. stalten wird der Vorstand der jüdischen Gemeinde, welche selbst, wie ich gern anerkenne, zwei blühende, von nahezu tausend jüdischen Kindern besuchte Konfessionsschulen unterhält, kaum Anstoß nehmen können. Nach wie vor werden einzelne jüdische Lehrpersonen im Maße des unterrichtlichen Bedürfnisses an den Berliner Gemeindeschulen Anstellung finden können, und ihre Verwendung wird nur denjenigen Beschränkungen unterliegen, welche der konfessionelle Charakter der Volksschule fordert. Euer Hochwohlgeboren stelle ich ergebenst anheim, von dem Vorstehenden den Herren Mitunterzeichnern der Vorstellung Kenntnis zu geben. gez. Bosse". Der Bescheid des Herrn Dr. Bosse, der inzwischen das Unterrichtsministerium verlassen hat, zeichnet sich durch die Freundlichkeit der Form, wie durch sachliches Wohlwollen gleichmäßig aus. Im Uebrigen läßt er erkennen, daß die Darlegungen, die wir über den Schulstreit an dieser Stelle gemacht haben, in allen Punkten zutreffend sind. Die städtischen Berliner Volksschulen sind konfessionelle Schulen — so will es die maßgebende Staatsbehörde, und dieser Wille ist so lange Gesetz, als er besteht. Aus dieser Grundlage, die nicht geändert werden sollte, hat der Falk'sche Erlaß vom 8. Juli 1875 die Anstellung jüdischer Lehrkräfte an den Berliner Kommunalschulen gestattet, auf dieser Grundlage wollte die seitherige Unterrichtsverwaltung sie auch ferner gestatten und sogar erweitern. Laubhüttenfest. Freudenbringer, Fest der trauten Hütten Ziehst wieder ein, geschmückt mü Blumenglanz, Und läßt aus vollem, bunten Erntekranz, Mit goldenen Früchten reich uns überschütten. Berauschend weht der lieblichen Reseden, Der letzten, roten Rosen heißer Dust, Und scherzend spinnt in kühler, blauer Luft Spätsommerabend seine weißen Fäden . . . . Und in der Hütte dunkelgrünen Zweigen Wiegt leise grüßend sich der Wind und singt Ein frommes Liedchen. Silbern lockt und klingt Ein Harfenton durch traumverlorenes Schweigen „Zünd' an jetzund geschwind die heiligen Kerzen! Gieß in des Bechers Rund den Purpurwein: Gepriesen Gott mit freudigem Benedei'n! Versöhnung war; gestillt sind unsere Schmerzen! . . Berlin. Felix Falk. Stück. London, 15. September. Dar Drama „Das Ghetto" von dem holländischen Dichter Hermann Heyermans, das am letzten Samstag Abend im Comedy-Theater aufgesührt wurde, ist ein albernes, mattes, klägliches Stück. Die meisten Kritiker haben, bereits dieses Urteil über das sogenannte jüdische Stück ausgesprochen, und die Begründung dieses Urteils ist nicht schwer. Ein falscher Ton geht durch das Ganze, Wahrheit und Wirklichkeit fehlen vollständig. Der holländische Autor und sein englischer Bearbeiter (der übrigens jetzt seinen Namen vom Theaterzettel entfernt hat) haben dem obersten Grundsatz der Kunst, der Lebenswahrheit, Gewalt angethan. Anstatt das wirkliche Leben im Ghetto zu zeigen, wie es jetzt oder selbst noch vor 80 Jahren dort geführt wurde, haben sie nur eine Karrikatur geliefert. Der Titel „Das Ghetto" ist eine falsche Bezeichnung, denn außer in der Phantasie war ein Judenviertel niemals von so schmutzigen, abstoßenden Geschöpfen bewohnt, wie sie hier das Amsterdamer Ghetto von 1817 ausweist, dem man mit Abscheu den Rücken wenden muß. Die Hauptperson, Sachel, ist ein moderner Shylock, der an Gulden statt an Dukaten denkt, der konventionelle Theaterjude des überseeischen Dramas, dessen mißgestaltete Umrisse uns nur zu gut bekannt sind. Dieser geldgierige Höker hat ein Herz von Stein. Er schreckt vor nichts zurück, das seinen Goldschatz vergrößern und seine ungerechten Ziele fördern kann. Er ist körperlich blind, aber diese Blindheit dient nur dazu, die innere Finsternis zu verstärken, in die seine Seele gesunken ist. Sein Leiden erregt so wenig Sympathie, daß selbst sein Sohn Raphael kein Mitleid mit ihm hat. Sein Herz ist voll schwarzen Hasses gegen die Christen. Natürlich wird er als ein alle äußeren Vorschriften beobachtender Jude geschildert, denn das Stück will unter Anderem auch beweisen, das sogenannte Frömmigkeit und Schurkerei ganz gut zusammen gehen können. Eine zweite Gestalt derselben Art ist Aaron, und die beiden reichen Kausleute verhandeln miteinander, um eine Geldheirat zwischen Raphael und Aarons Tochter Rebekka zu Stande zu bringen. Erst nach sehr schwierigen Verhandlungen einigen sie sich aus eine beiderseitige Mitgift von zehntausend Gulden. Aber Raphael, der Held des Stückes, ist für diesen Plan nicht zu haben. Seine Seele ist aufgebracht gegen Sachel, gegen Sachels Geschäfte, gegen das Ghetto und gegen die Synagoge. Er hat sich in Rosa, das niedliche christliche Dienstmädchen seines Vaters verliebt und ist bereits heimlich mit ihr verheiratet. Rosa und die Musik sind seine beiden einzigen Neigungen. Er deklamiert gegen die Beschränktheit des Ghettos, den Schmutz der Geschäfte, seines Vaters weitreichenden Einfluß. Aber seine Reden sind Schall und Rauch; sie können nicht überzeugen, denn der einfachste Verstand erkennt genau, daß Raphael nicht aus dem Stoff ist, aus dem Helden gemacht werden. Ein Held müßte bereit sein, sich für Wahrheit und Ehre zu opfern. Aber was thut Raphael? Er macht sich die Blindheit des Vaters zu nutze, um ihn zu betrügen; er wettert gegen die feilen Geschäfte Sachels und lebt mit seiner Frau von dem Ertrage dieser Geschäfte, bis D08C