Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 37 (15.9.1899)
- Date
- 1899-09-15
- Page
- Seite 590 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 590 Israelitische Wochenschrift. Nr 37 daß nicht für eine größere Gemeinschaft ein Gotteshaus entstanden sei. Es sei aber zn hoffen, daß die Opferwilligkeit einer flctneteu Vereinigung, die sich hier so glänzend bewährt habe, der ganzen Gemeinde zum Segen gereichen und einen immer größeren Zusammenschluß herbeiführen werde. Mit einem innigen Gebet für das neue Gotteshaus und seine Besucher schloß der Herr Oberrabbiner seine Rede und sprach dann vor geöffneter Lade das Gebet für Kaiser und Reich sowie für die Hamburger Behörden. Nach dem Vortrage einiger Psalmen wurde das Abendgebet verrichtet. Die neue Synagoge (neben der das alte Betlokal in der Eichenallce, Ecke Bornstraße noch bestehen bleibt) bietet mit ihrem schönen Raum, der sehr entsprechenden Dekoration und vor allem dem wohlgeordneten und sehr würdigen Gottesdienst vielen Mitgliedern unserer Gemeinde, denen der Weg nach der Innenstadt zu weit ist, eine recht zusagende Andachtsstätte und Hilst ans diese Weise wenigstens vorläufig einem tiefgefühlten Bedürfnis ab. Dresden, 10. September. (Geputzte Andacht.) Von hier wird der „Frankfurter Zeitung" geschrieben: „Weshalb gewisse Leute die Kirche besuchen, das plaudert mit dankenswerter Offenheit „ein Katholik" in den „Leipziger Neuesten Nachrichten" aus. Der „fromme" Herr beschwert sich nämlich in diesem Blatte über die tschechische und polnische Arbeiterbevölkerung, Ne jetzt immer in der Dresdener katholischen Hoskirche anzutresfen sei und vor der die „vornehme Welt", katholisch oder andersgläubig, fremd oder einheimisch, entsetzt zurückweiche! „Sympatisch", so schreibt der „fromme" Mann wörtlich, „können uns diese Leute (die Arbeiter) in ihrer äußeren Erscheinung nie und nimmer sein, und wenn man sie in großen Trupps den Platz vor den Kirchthüren vor und nach den Messen einnehmen und während derselben die Kirche füllen sieht, so meidet man diese schließlich lieber. Früher war das anders. Kein Fremder würde sich damals den Besuch der von 11 bis 12 Uhr mittags stattsindenden großen Messe versagt haben. Die Pracht des religiösen Zeremoniells und die Eleganz der Besucher, vornehmlich der Damenwelt, machte einen imponirenden Eindruck. Dabei herrschte eine musterhafte, Ehrfurcht und Andacht fördernde Ordnung. Man hätte, 'um nicht zu stören, den Athem anhalten mögen, so war der Eindruck, den man beim Betreten des Raumes empfing. Das alles hat nachgelassen. Tritt man aus dem Gotteshaus, so eilt man, möglichst rasch den Platz zu verlassen, während früher nach Beendigung des Gottesdienstes die Herrenwelt von der dem Georgenthor zunächst gelegenen Ausgangsthür bis zu diesem hinüber eine Art Ehrengasse für die vorüber passirende Damenwelt bildete und so der weiblichen Schönheit huldigte. Heute aber treiben sich dort, wie schon gesagt, ganze Gruppen tschechischer und polnischer Männer und Weiber herum, und die Garderobe der letzteren wirkt durch schreiende Farben geradezu verletzend ans das Auge. So ist es begreiflich, daß man angesichts dieser Leute die Kirche und ihre nächste Umgebung lieber flieht und notgedrungen diesen mehr und mehr zuziehenden fremden Arbeitern das Vorrecht lassen muß." — Wir geben diese Auslassung wieder, weil aus ihr eine Anschauung spricht, die man auch in manchen jüdischen Kreisen treffen kann und die so unjüdisch wie nichtswürdig ist. Die Andachts-Parade, der Gebets-Cercle, die wohlgekleidete Gottesfurcht, die die Berührung mit den Armen scheut, sie staden sich überall. Daß sie eben auch bei uns sich siaden, stelleniveise sogar sich breit machen dürfen, ist unser Kummer. Bad Ems, 12. September. (Vom Central-Waisen- und Mädchenheim.) Zu der ^.-Korrespondenz Ihrer geschätzten Zeitung von voriger Woche beehre ich mich Ihnen folgende Berichtigung zugehen zu lassen: Als regelmäßiger Kurgast von Bad Ems kenne ich die dortigen Wohlfahrtseinrichtungen sehr genau und weiß daher, daß einige Mitteilungen nicht ganz zutreffend sind. Das segensreich wirkend „Israelitische Central-Waisen- und Mädchenheim", bei dessen Einweihungsfeier vor 2 Jahren ich selbst zugegen war, beherbergt z. Z. 31 Mädchen aus den verschiedensten Teilen Deutschlands, doch ist meines Wissens keine Holländerin darunter. Herr Dr. Aronsohn bringt allerdings der Anstalt sehr großes Interesse entgegen. Aber es würde von großem Undank gegen die anderen Herren zeugen, nicht in ebenso warmer, anerkennender Weise der Verdienste des Lokalkomitees zu gedenken. Die Herren: Bezirksrabbincr Dr. Weingarten und Stadtverordnete Kirschberger und Königsberger, sowie im ersten Jahre der Begründung Herr Louis Rosenheiln haben an dem Zustandekommen der Anstalt ebenso großen Anteil gehabt. Bis auf letzteren sind sämtliche Herren noch heute in aufopferndster, uneigennützigster Weise für das Gedeihen und die Fortentwickelung dieses edeln Werkes thätig. Auch gebührt außer den hiesigen Ehrendamen vor allen Dingen den auswärtigen- Ehrendamen, Frl. Exzell, von Henrichsen aus St. Petersburg und Frau Hofrat von Abrahamson ans Kiew, die gleich mir schon seit mehreren Jahren ständige Kurgäste von Ems sind, der wärmste Dank für beu Eifer und die werkthätige Liebe, die sie jederzeit für das Waisenhaus bekundeten. Frau Dr. Aronsohn konnte schon deshalb niemals in „aufopfernder Liebe" dafür leben und wirken, weil sie bei Begründung der Anstalt leider nicht mehr unter den Lebenden weilte. Marienbad, 3. September. (Der Prinz von Wales und der polnische Jude.) Man erzählt sich ein nettes Geschichtchen, das dem Prinzen von Wales bei seiner kürzlichen Anwesenheit hier passiert sein soll. Der künftige Beherrscher der drei vereinigten Königreiche hatte aus einer Bank im Park Platz genommen. Nach kurzer Zeit setzte sich ein polnischer Jude neben ihn und fing ein Gespräch mit dem Nachbar an, von dessen Persönlichkeit er natürlich nichts ahnte. „Was bezahlen Sie für ihre Wohnung?" war die erste Frage. „Was verordnet Ihnen Ihr Arzt? wie bekommt Ihnen der Brunnen?" waren die nächsten Erkundigungen. Schließlich wollte der Neugierige auch wissen, welches Leiden den hohen Herrn nach Marienbad geführt habe, und als dieser auch daraus freundlichen Bescheid gab, versetzte der polnische Jude ihm einen scherzhaften Rippenstoß und meinte: „Sie sehen ja aber unberufen ganz gesund aus". Der Prinz von Wales hat dieses amüsante Erlebnis seinen Freunden erzählt, und unser polnischer Glaubensgenosse weiß vielleicht heute noch nicht, wer sein liebenswürdiger Kurgenosse gewesen. Paris, 9. September. (Delegierte zum Orientalistenkongreß.) Unter den offiziellen Delegierten, die von Frankreich