Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 37 (15.9.1899)
- Date
- 1899-09-15
- Page
- Seite 591 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr 37. Israelitische Wochenschrift. Seite 691 zur Teilnahme an den Verhandlungen des Ocieutaliftenkovgresses nach Rom abgeordnct werden, befinden sich auch zwei hervorragende jüdische Gelehrte, Michel Brüal und Jules Oppert, beide Mitglieder der Akademie. Auch Moses Schwab von der französischen Nattonalbuchhandlung wird dem Kongreß beiwohnen, zu dessen Ehrenpräsident der berühmte Philologe und italienische Senator Professor Ascoli ernannt ist. London, 8. September. (Hospitalstistung.) Das große „London Hospital" besitzt bereits zwei jüdische Abteilungen, die nach den Namen ihrer Stifter „Rothschild"- und „Goldsmid"-Flügel heißen. Dieser Tage hat das Hospital von Herrn Edward Raphael ein Geschenk von £ 10 000 zur Einrichtung eines dritten jüdischen Flügels erhalten, der den Namen „Raphael"-Flügel führen soll. — Die vor Kurzem dem London Hospital aus dem Nachlaß der Baronin Stern zugcfallene Summe von £ 60 000 soll zum Bau und zum Unterhalt eines Rekonvaleszentenheims verwendet werden. Liverpool, 2. September. (Künstlerstipendien.) Der hiesige Stadtrat Herr Louis S. Cohm, ein wegen seiner Wohlthätigkeit und seines Kunstsinnes bekanntes Mitglied unserer jüdischen Gemeinde, hat bei Gelegenheit eines bei der Eröffnung der Kunstausstellung stattgesundenen Banketts dem hiesigen Künstlerverein die Mittel zur Verfügung gestellt, zwei seiner Mitglieder zu Studienzwccken nach Rom zu schicken. Great Narmouth, Ende August. (Neubildung einer jüdischen Gemeinde.) Seit dreißig Jahren hat in unserer Stadt -keine jüdische Gemeinde bestanden; ihr letztes Mitglied, M. Mitchell, ist vor elf Jahren gestorben. Die frühere Synagoge war verkauft und von dem neuen Besitzer zu einer Missionsversammlungshulle umgewandelt worden. In den letzten zehn Jahren hat ein hierher verzogener jüdischer Kaufmann A. Goldstone in seinem eigenen Hause Gottesdienst abgehalten und von Zeit zu Zeit den immer vergeblichen Versuch erneuert, die wenigen hier lebenden Juden zur Bildung einer Gemeinde zu veranlassen. Vor einigen Monaten ist wieder ein Jude, L. Harrison, mit seiner Familie nach Narmouth gezogen und hat sich den Bemühungen Mr. Goldstones zur Gründung einer Gemeinde angeschloffen. Diese Bemühungen hatten zuerst noch keinen großen Erfolg. Deshalb gingen die beiden Herren selbständig vor und mieteten zuvörderst das Grundstück, aus dem die frühere Synagoge gestauden hat, mit dem Vorbehalt, daß sie es jederzeit zum Preise von 230 L. St. käuflich erwerben dürfen. Daun kam auch die Bildung einer Gemeinde zu Staude, die aus zehn Familien besteht, von denen aber nicht alle in der Lage sind, zu den Kosten der Gemeinde beizusteuern. Der Neubau der Synagoge, von d^r nur die vier Mauerwände vorhanden gewesen, hat siebzig Pfd. St. gekostet, von denen erst vierzig bezahlt sind. Die äußerst bescheidene innere Ausstattung des Gotteshauses, die Thorarolle, Leuchter, Vorhang u. s. w., ist von Gemeindemitgliedern und deren Angehörigen, zumeist von den Familien Goldftone und Harrison gestiftet worden. Ein Vorbeter, Schächter und Lehrer ist in der Person des Rabbiner S. Pearlstein aus Exeter an unsere Gemeinde berufen worden und hat seit der vor drei Wochen erfolgten Einweihung der Synagoge seine Funktionen zur Zufriedenheit seiner Gemeinde ausgeübt. Nach der Begründung unserer Gemeinde hat sich auch ein Koscherfleisch-Geschäft hier aufgethan, so daß den zahlreichen jüdischen Fremden, die zur Badesaison unsere Stadt aufsuchen, Gelegenheit gegeben ist, koschere Kost zu erlange«. Man hofft aus einen größeren Zuzug von jüdischen Handwerkern, die hier reichlich Arbeitsgelegenheit finden würden, und die jetzt auch nicht mehr besorgen dürfen, daß ihre Kinder ohne jüdischen Unterricht aufwachsen. — Die für sechszig Personen berechnete Synagoge war in den letzten Wochen durch die vielen Badegäste an den Freitagabenden und am Sabbat vollständig gefüllt. Außer an Sabbat- und Festtagen soll aus"Wunsch der Mitglieder auch an Sterbetagen ihrer Angehörigen Gottesdienst stattsind en. St. Petersburg. 8. September. (Ein Brief Tolstois.) Der „Woschod" veröffentlicht nachstehenden Brief, den Graf Leo Tolstoi im Januar dieses Jahres an einen Herrn Lewit in Kischenew in Bessarabien gerichtet hat und in dem er sich über die Ausgaben des Judentums ausspricht. Den Anlaß zu dem Brief gab der Umstand, daß Herr Lewit dem Grasen Tolstoi die Korrekturbogen seiner hebräischen Uebersetzung der Tokstoischen Schrift „Ueber die Kunst" übersandt hatte. Gras Tolstoi äußert in dem Briese seine Freude über die Uebersetzung seiner Schrift und fährt dann fort: „Die künftigen Aufgaben des Judentums wie überhaupt jedes Volkes sind die Befreiung von seiner Jsolirtheit, der Parteilichkeit für die eigene Nationalität und Religion, und die immer deutlichere Klarstellung der allgemein menschlichen Ideale, sowie deren eifrige Verwirklichung im Leben. Für Leute, die an dieser Weltanschauung sesthalten, giebt es keine Knechtschaft, keine Beleidiger und Bedrücker, denn diese Ideale sind unter allen nur möglichen Verhältnissen erreichbar. Und das jüdische Volk befindet sich in sehr günstigen Verhältnissen, um diesen Aufgaben nachzukommen, aber leider sucht es das ganz Entgegengesetzte von dem, was es erstreben muß." Dieser Brief des berühmten Schriftstellers wird von der russischen Presse lebhaft besprochen, wie alles, was Tolstoi schreibt. Die Redaktion des „Woschod" bemerkt zu dem Brief: „Wir veröffentlichen den Brief auf den Seiten unseres Journals, denn die Stimme des großen Schriftstellers muß auch dann gehört werden, wenn er sich für die Ideale einer fernen Zukunft begeistert und die schweren Verhältnisse der Gegenwart vergißt." — Was Gras Tolstoi, der ein großer Romanschriftsteller und ein sehr kleiner Philosoph ist, von dem Judentum und den Aufgaben der Juden sagt, ist von souveräner Verkennung oder Nichtbeachtung der thatsächlichen Verhältnisse eingcgeben und charakterisiert sich als inhaltloses Geschwätz, das durch den Ton scheinbaren Wohlwollens nicht Bedeutung gewinnen kann. Wenn Graf Tolstoi seine marklose Rede an Herrn Pobjedonoßew gerichtet hätte, so hätte er wenigstens den Schein erwecken können, als ob er mit seinen Worten überhaupt etwas meinte. Jerusalem, 1. September. (Hospitalbau). Ueber den Stand des HospitalbaW" ist zu berichten, daß das obere Stockwerk zur Hälfte eben überwölbt, der Rest nahe der Ueberwölbung ist; sobald das Holz eintrifft, soll das Dach aufgesetzt werden. Im ersten Pavillon ist der Verputz nahezu sertiggestellt. Die für den Rohbau nötige Arbeit nähert sich dem Ende und wird bald nach den Feiertagen ganz beendet