Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 37 (15.9.1899)
- Date
- 1899-09-15
- Page
- Seite 585 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Vir. 37. Israelitische Wochenschrift.' Seite 686 Nötige veranlassen. Nicht einer von uns wird seinen Posten verlassen. Wir werden schließlich den Beweis, den unwiderleglichen Beweis erlangen. Am 23. November werden wir in Versailles sein. Mein Prozeß wird wieder ansangen, da man wünscht, daß er in seinem vollen Umsang wieder beginnt. Wenn bis dahin die Gerechtigkeit noch nicht erreicht ist, werden wir helfen, sie zu schaffen. Mein lieber, mein tapferer Labori, dessen Ansehen nur gewachsen ist, wird in Versailles das Plädoyer halten das er in Rennes nicht hat sprechen können; das ist ganz einfach, und nichts wird verloren sein. Ich werde ihm nicht Schweigen gebieten. Er braucht nur die Wahrheit zu sagen, sie mit meiner Freiheit und mit meinem Blut zu bezahlen. Vor dem Schwurgericht des Seine-Departements habe ich Dreyfus' Unschuld beschworen. Ich beschwöre sie vor der ganzen Welt, die sie jetzt mit mir hinausschreit. Und ich wiederhole: Die Wahrheit ist unterwegs, nichts wird sie aushalten. In Rennes hat sie einen Riesenschritt gemacht. Ich habe nur noch die Angst, sie in dem Donnerschlag der rächenden Nemesis ankommen und unser Vaterland überfluten zu sehen, wenn wir selbst uns nicht beeilen, sie unter der Hellen Sonne unseres Frankreich hell aufftrahlen zu lassen. Eine Kegkgming mit dem neue« Kultusminister. Der neue Kultusminister, Exzellenz Conrad Heinrich Gustav Studt, war von 1882 bis 1887 Regierungspräsident in Königsberg und kam als solcher bisweilen aus seinen Inspektionsreisen auch nach Memel. Tort hatte ich Gelegenheit, den in der Provinz ungemein beliebten Mann persönlich kennen zu lernen. Ich hatte in Memel eine Armen- und Waisenschule für russisch-jüdische Kinder gegründet, die, weil ich eine Konzession hierzu noch nicht besaß, viele Anfechtungen zu befahren hatte. So äußerte sich bei einer Begegnung ein Magistrats Mitglied: „Sie werden wohl demnächst Ihre Schule zu schließen angewiesen werden, denn nach der gegenwärtigen Stimmung in Negierungskreisen ist es völlig ausgeschlossen, daß Sie die erbetene Konzession zur Fortführung der Schule, erhalten werden". Einige Tage daraus war wieder der Herr Regierungspräsident Studt in Memel anwesend. Da kam mir der Gedanke: „Wie wär's, wenn du bei dieser Gelegenheit den Regierungspräsidenten mündlich um Gewährung der Konzession angingst?" — Eine Stunde später stand ich dem Manne gegenüber und trug ihm'so gut und so eindringlich ich vermochte meine Bitte vor. Als ich geendet hatte, meinte er kühl und ablehnend: „Sie wissen doch, daß man nach dem preußischen Gesetz ohne Konzession eine Schule nicht eröffnen darf; warum sind Sie denn nicht, entsprechend einem ordnungsmäßigen Verhalten, vorher um Verleihung einer Konzession eingekommen?" -- „In diesem Falle, Herr Präsident, entgegnete ich, ist der Sachverhalt ein ganz eigentümlicher. Diese Schule ist so ganz allmählich entstanden, ohne daß ihre Begründung in meiner Absicht gelegen hätte. Die Schüler sind säst sämtlich Kinder von in Preußen nicht naturalisierten Eltern; allein diese sind am hiesigen Orte seßhaft und betreiben hier ihr Gewerbe als Handwerker oder Arbeiter. Die Eltern sind demgemäß Mitglieder der Synagogen-Gemeinde, und ich bin berechtigt und verpflichtet, ihren Kindern den israelitischen Religionsunterricht zu erteilen. Diese armseligen, halbverkommenen Wesen aber dauerten mich von Grund meines Herzens, daß sie so ohne allen weiteren Unterricht auswachsen sollten, und ich bemühte mich, sie auch in Deutschlesen und Schreiben zu unterweisen. Da es mir au Zeit gebrach, engagierte ich hierfür eine mir bekannte christliche Dame, die dann in ihrem Eifer und ihrer bis zur höchsten Aufopferung gehenden Beflissenheit den Unterricht aus alle Elementargegenstände erweiterte. Eine andere christliche Privatlehrerin, die einer Anzahl jüdischer Mädchen aus denselben Kreisen Privatunterricht erteilte, vereinigte ihre Anstalt mit der meinigen, und nun war die Schule fertig. Das Alles vollzog sich in gutem Glauben, daß niemand durch diese Vornahme geschädigt und keine Gesetzesbestimmung verletzt werde. Die Schulbehörden waren anderer Meinung und verlangten eine Konzession von Seiten der Königlichen Regierung." — „Alles ganz gut, meinte der Präsident, allein ohne Konzession kann die Schule nicht weitergesührt werden, und diese Konzession kann nur erteilt werden, wenn ein wirkliches Bedürfnis zur Errichtung einer solchen Schule nachgewiesen werden kann." — Da wagte ich die Bitte: „Wie wäre es, wenn Sie, Herr Präsident, die Schule in Augenschein nehmen und sich persönlich von der Notwendigkeit und Ersprießlichkeit einer solchen Anstalt an hiesigem Orte ein Urteil bilden wollten?" — Ich war über die im Eifer so rasch ausgesprochene Bitte selbst etwas erschrocken und um so freudiger erstaunt, als der Herr Regierungspräsident nach Hut und Stock griff und sagte: „Nun dann kommen Sie, zeigen Sie mir Ihre Anstalt." Und der edle Mann folgte mir durch die engen schmutzigen Gassen bis zu dem sogenannten „Friedensmarkt", das ist die Gegend, wo die sehr zahlreiche russisch-jüdische Bevölkerung Memels ganz ausschließlich ihren Wohnsitz ausgeschlagen hat. Dort hatte die Synagogen-Gemeinde eine Etage eines ziemlich großen Hauses für ihre Religionsschule und zu anderweitem Gebrauche gemietet und die Räumlichkeiten auch für die Armenschule zur Verfügung gestellt. In diesem entlegenen Stadtteil, worin es von russischen Juden derart wimmelt, daß man sich in eine der jüdischen Städte im russischen Neichsghetto versetzt glaubt, erregte das Erscheinen des Mannes, der an meiner Seite dahinschritt, das größte Aussehen. Die überaus vornehme, hohe Gestalt des Mannes bildete eine Erscheinung, wie sie dort selten wahrgenommen wird. Am größten war die Ueberraschung in der Schule selbst, die aus so hohen Besuch nicht vorbereitet war. Aeußerlich bot der Anblick der nicht übermäßig reinlichen, meist barfüßigen, schlechtgekleideten Kinder gewiß keinen sehr anmutenden Anblick; allein das schien den hohen Beamten wenig zu stören. Erfragte nach den gewöhnlichen Volksschuleinrichtungen und ließ anfangs von den Lehrerinnen die Kinder in den schulplanmäßigen Unterrichtsgegenständen examinieren. Bald aber fing er selbst an, Fragen zu stellen, und verweilte also prüfend über eine Stunde in der Schule. Die Kinder, obschon noch nicht vollkommen der deutschen Sprache mächtig, verstanden doch jede Frage und antworteten flott und lebendig, halb hochdeutsch, halb im Jargon, oft mit ganz absonderlichen Wortbildungen, während die gespannteste Aufmerksamkeit sich