Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1899-09-15 · 37 (15.9.1899) · p. Seite 584

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
37 (15.9.1899)
Date
1899-09-15
Page
Seite 584 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9605007-9605087--7496-9605095
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 584. Israelitische Wochenschrift. 9tr. 37. Drama beenden wird, indem es uns befreit, indem es uns neue Gesundheit und neue Jugend giebt. Heute werde ich mich klar über meine Angst aussprechen. Sie hat, wie ich schon zu wiederholten Malen zu verstehen gegeben habe, immer darin bestanden, daß die Wahrheit, der entscheidende erdrückende Beweis uns von Deutschland käme. Jetzt ist die Stunde vorüber, wo über diese tötliche Gefahr Schweigen obwalten mußte, dazu strahlt das Licht schon zu hell. Man darf jetzt ruhig der Möglichkeit ins Auge sehen, daß Deutschland uns in einem Donncrschlage den fünften Akt bringen könnte. Hier meine Beichte: Vor meinem Prozeß im Lause des Monats Januar 1898 erfuhr ich aus die allersicherste Weise, daß Esterhazy der „Verräter" gewesen, der Herrn v. >>chwarzkoppen eine beträchtliche Anzahl von Dokumenten geliefert hatte, daß viele dieser Schriftstücke von seiner Handschrift waren und daß die vollständige Kollektion sich im Kriegsministerium zu Berlin befinde. Ich pflege mich nicht als Patrioten aufzuspielen, aber ich gestehe, daß die mir gegebenen Beweise mich aufs höchste bestürzten; und seit jener Zeit habe ich als guter Franzose nicht aufgehört, mich zu ängstigen, habe ich immer in der Befürchtung gelebt, daß Deutschland, morgen vielleicht unser Feind, uns mit den Beweisen ohrfeigen könnte, die in seinem Besitz sind. Wie! Das Kriegsgericht von 94 verurteilt den unschuldigen Dreysus, das Gericht von 98 spricht den schuldigen Esterhazy frei, unser Feind behält die Beweise von dem doppelten Irrtum unserer Militärjustiz, und Frankreich beharrt ruhig in seinem Irrtum und trotzt der schrecklichen Gefahr, die es bedroht! Man sagt, Deutschland könne keinen Gebrauch von Dokumenten machen, die es der Spionage verdankt. Was weiß man davon? Wenn morgen der Krieg ausbräche, könnte Deutschland nicht als Anfang die Ehre unserer Armee vor Europa bloßstellen, indem es die Schriftstücke veröffentlicht und die schändliche Ungerechtigkeit zeigt, in die gewisse Chefs sich verrannt haben? Ist ein solcher Gedanke auszuhalten, kann Frankreich nur einen Augenblick , der Ruhe genießen, so lange es in den Händen des Fremden die Beweise seiner Ehrlosigkeit weiß? Ich kann darüber keinen Schlaf finden, ich gestehe das ganz offen. Darum habe ich mit Labori beschlossen, die fremden Militärattaches als Zeugen vorladen zu lassen, obgleich wir wohl wußten, daß sie nicht an die Barre gelangen würden. Wir wollten aber der Regierung zu verstehen geben, daß wir die Wahrheit kennen, und wir hofften, sie würde danach handeln. Man hat sich taub gestellt, man hat Witze gemacht und hat die Waffe in den Händen Deutschlands belassen. In diesem Stande sind die Dinge bis zum Prozeß in Rennes verblieben. Sobald ich nach Frankreich zurückgekehrt war, bin ich zu Labori gelaufen und habe die verzweifeltsten Anstrengungen beim Ministerium veranlaßt und unter Schilderung der furchtbaren Situation angefragt, ob es nicht intervenieren und die Herausgabe der Dokumente veranlassen könnte. Allerdings war dies eine sehr delikate Sache; aber man wollte den unglücklichen Dreysus gern retten und war deshalb zu allen Zugeständnissen bereit, schon um die aufgeregte öffentliche Meinung nicht zu reizen. Wenn übrigens - das Kriegsgericht Dreysus freisprach, wurde durch dieses Verdikt den Dokumenten jeder Stachel genommen, die Waffe, deren Deutschland sich hätte bedienen können, zerbrochen. Dreysus freigesprochen, damit war der Irrtum erkannt, wieder gut gemacht. Die Ehre war wieder unberührt. Und meine patriotische Qual hat von Neuem und unerträglicher angesangen, als ich merkte, daß ein Kriegsgericht die Gefahr zu verschlimmern im Begriff war, indem es abermals den Unschuldigen verurteilte, dessen Unschuld eines Tages durch die Veröffentlichung der Berliner Dokumente laut ausgeschrien werden wird. Deswegen habe ich nicht ausgehört, zu wirken, habe Labori beschworen, die Dokumente einzufordern und Herrn von Schwarzkoppen als Zeugen vorzuladen, der allein volles Licht verbreiten kann. Und an dem Tage, da Labori, dieser aus dem Schlachtfelde von einer Kugel getroffene Held, die von den Anklägern ihm gebotene Gelegenheit — die Zeugenschaft eines unwürdigen Ausländers — sich zu Nutze machte, um die Vernehmung des Mannes zu verlangen, dessen erstes Wort die Angelegenheit beenden mußte, an diesem Tage hat Labori seine ganze Pflicht gethan, ist er die heroische Stimme gewesen, die nichts zum Schweigen bringen kann, deren Forderung den Prozeß überleben und zur gegebenen Stunde wieder ausnehmen wird, bis er durch die einzig mögliche Lösung, die Freisprechung des Unschuldigen, beendigt wird. Die Dokumente sind verlangt worden, ich bin überzeugt, daß sie vorgebracht werden. In diese gewachsene unerträgliche Gefahr hat uns das Kriegsgericht in Rennes gebracht, indem es seine diskretionäre Gewalt dazu anwendete, das Vorbringen der Schriftstücke zu verhindern. Es giebt nichts Brutaleres; niemals ist eine Thür willkürlicher der Wahrheit verschlossen worden. „Wir wollen nicht, daß man uns den Beweis erbringe, denn wir wollen verurteilen". Und ein drittes Kriegsgericht hat sich im blinden Irrtum den beiden Anderen angeschlossen, so daß das von Deutschland kommende Dementi nunmehr drei uugerechte Urteile treffen würde. Ist das nicht reiner Wahnsinn, muß man da nicht ausschreien vor Empörung und Besorgnis! Das Ministerium, das seine Agenten verraten haben, das die Schwachheit gehabt hat, große Kinder in Verstandsverdunkelung mit Streichhölzern und Messern spielen zu lassen,' das Ministerium, das vergessen hat, daß regieren vorher.sehen bedeutet, muß sich nun beeilen zu handeln, wenn es nicht den fünften Akt, die Lösung, vor der jeder Franzose zittern sollte, der Laune Deutschlands überlassen will. Sie selbst, die Regierung, hat die Verpflichtung, diesen fünften Akt so schnell wie möglich zu spielen, um zu verhindern, daß er uns aus dem Auslande komme. Sie kann sich die Schriftstücke verschaffen, die Diplomatie hat schon schwierigere Ausgaben gelöst. An dem Tage, wo sie die im Bordereau ausgezählten Schriftstücke verlangen wird, wird man sie ihr geben. Und das wird die neue Thatsache sein, die eine zweite Revision vor dem Kassationshofe notwendig machen wird, der diesmal wohlunterrichtet sein und, hoffe ich, in der vollen Ausübung 'eines souveränen Amtes ohne Zurückverweisung kassieren wird- Wenn aber die Regierung wiederum zurückweichen wollte werden die Verteidiger der Wahrheit und Gerechtigkeit das

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.