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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1899-09-15 · 37 (15.9.1899) · p. Seite 583

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
37 (15.9.1899)
Date
1899-09-15
Page
Seite 583 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 37. Israelitische Wochenschrift. Seite 583. Einen Monat währt der Gräuel vor dem Unschuldigen, diesem mitleidwerten Drcysus, diesem Aermsten, der die Steine weinen macht. Und seine ehemaligen Kameraden sind gekommen, ihm noch einen Fußtritt zu versetzen, seine ehemaligen Vorgesetzten sind gekommen, ihn mit dem Gewicht ihres Ranges zu erdrücken, um sich selbst vor dem Bagno zu retten. Und nicht ein Schrei des Erbarmens, nicht ein Hauch der Großmut in diesen seilen Seelen! Und unser Frankreich ist es, das der Welt dies Schauspiel geboten hat. Kein schimpflicheres Denkmal menschlicher Niedertracht, als der genaue Bericht über den Prozeß von Rennes! Er übersteigt Alles, die Geschichte kennt kein ruchloseres Dokument. Unwissenheit, Dummheit, Narrheit, Grausamkeit, Lüge, Verbrechen machen sich dort mit solcher Schamlosigkeit breit, daß die kommenden Geschlechter darüber erbeben werden. Dort sind Zeugnisse unserer Niedrigkeit gesammelt, über die die Menschheit erröten wird. Und das ist der Grund meines Entsetzens. Denn damit ein solcher Prozeß möglich werde, damit eine Nation vor der gesitteten Welt in solchem moralischen und intellektuellen Zustand sich zeigen könne, muß diese Nation sich in einer furchtbaren Krise befinden. Naht wirklich der Tod? oder welches Bad der Güte, der Reinheit, der Billigkeit kann uns von dem vergifteten Schlamm befreien, an dem wir zu Tode krank sind? Wie ich nach der skandalösen Freisprechung Esterhazy's in meinem Brief an den Republikpräsidenten geschrieben, ist es unmöglich, daß ein Kriegsgericht beseitige, was ein Kriegsgericht gethan hat. Das ist gegen die Disziplin. Und das Verdikt des Kriegsgerichts in Rennes, das nicht ja noch nein zu sagen wagt, ist in seiner jesuitischen Verschlingung der leuchtendste Beweis, daß die Militärjustiz nicht gerecht sein kann, weil sie nicht frei ist, weil sie der offenkundigen Wahrheit sich verschließt, so daß sie lieber einen Unschuldigen aufs Neue verurteilt, als ihre Unfehlbarkeit in Zweifel ziehen läßt. Sie ist nur eine Vollstrcckungsmaschine in der Hand ihrer Vorgesetzten. Sie kann in Zukunft nur eine Schneüjustiz für Kriegszeiten sein. Da sie der Billigkeit, der einfachen Logik, dem gesunden Menschenverstand unzugängig ist, muß sie in Friedenszeiten verschwinden; sie hat sich selbst verurteilt. Denkt man an die widerwärtige Lage, die man uns unter den gesitteten Nationen bereitet hat? Ein erstes Kriegsgericht, in seiner Unkenntnis der Gesetze betrogen, verdammt in-seiner Urteilsunsähigkeit einen Unschuldigen. Ein zweites Kriegsgericht, das gleichfalls durch das schamlose Komplvt von Lug und Trug getäuscht sein kann, spricht einen Schuldigen frei. Nachdem endlich Licht geworden, wagt ein drittes Kriegsgericht, dem der höchste Gerichtshof des Landes den Ruhm lassen will, den Irrtum wieder gut zu machen, den Hellen Tag zu läugnen, und verurteilt den Unschuldigen zum anderen Male. Damit ist das äußerste Verbrechen begangen. Mag Alles zusammenbrechen, mag Frankreich eine Beute der Parteiungen werden, mag das brennende Vaterland sich in Schutt wandeln, mag die Armee selbst dabei ihre Ehre verlieren — Alles eher als gestehen, daß Kameraden sich geirrt haben, daß Vorgesetzte Lügner und Fälscher haben sein können! So sind wir vor Europa, vor der ganzen Welt in reizender Lage. Die ganze Welt ist von Dreysus' Unschuld überzeugt. Wäre bei irgend einem fernen Volke noch ein Zweifel übrig geblieben, der Prozeß von Rennes hätte ihm Erleuchtung gebracht. Alle Höfe der benachbarten Großmächte sind unterrichtet, kennen die Dokumente, haben den Beweis der Unwürdigkeit von drei oder vier unserer Generale und der schimpflichen Lähmung unserer Militärsnstiz in Händen. Wir haben ein moralisches Sedan erlitten, hundertmal schlimmer als das andere, bei dem doch nur Blut geflossen. Ich wiederhole: was mich entsetzt, ist, daß diese Niederlage unserer Ehre unverwischlich scheint. Denn wie soll man das Urteil dreier Kriegsgerichte kassiren, woher sollen wir den Heroismus nehmen, den Fehler einzugestehen, damit wir wieder mit erhobener Stirn einherschreiten können? Wo ist die mutvolle Regierung, wo sind die Kammern, die vor dem unausweichlichen endgiltigen Zusammensturz sich zum Handeln ausraffen werden? Frankreich hat sein Jahrhundert der Arbeit, der Wissenschaft, der Kämpfe für die Freiheit, Wahrheit, Gerechtigkeit feiern wollen. Es gab kein Jahrhundert prächtigeren Aufschwungs. Frankreich hat bei sich allen'Völkern ein Stelldichein gegeben, um seinen Sieg zu feiern: die eroberte Freiheit und die Aller Welt verheißene Wahrheit und Gerechtigkeit. In wenigen Monaten werden die Völker kommen. Was werden sie finden? Den Unschuldigen, der zwei mal verurteilt worden, die gemißhandelte Wahrheit und die ermordete Gerechtigkeit. Der Verachtung sind wir anheimgesallen. Die Völker werden bei uns schlemmen, unsere Weine trinken, unsere Mägde küssen, wie in einer niedrigen Herberge, wo man sich gemein macht. Ist das möglich? Sollen wir wirklich zulaffen, daß unsere Ausstellung der verdächtige und verächtliche Platz wird, wo die ganze Welt Orgien zu feiern sich herbeiläßt? Nein, der fünfte Akt der ungeheurlichen Tragödie muß sich unverweilt abspielen, und sollten wir unser Leben dabei lassen. Wir müssen unsere Ehre wiederhaben, erst in einem geheilten und erneuerten Frankreich dürfen wir die Völker begrüßen. Hat man bemerkt, daß die Affaire Dreysus, dieses Riesendrama, das die Wckt bewegt, von einem erhabenen Dramaturgen in Szene gesetzt scheint, der daraus ein unvergleichliches Meisterstück machen will? Ich erinnere nicht an die außerordentlichen Wendungen, die alle Gemüter ins Innerste erregt haben. Mit jedem neuen Akt wuchs die Leidenschaft, wurde der Schrecken gewaltiger. In diesem lebendigen Werk ist es das Schicksal, das Genie zeigt, das die Personen antreibt, und unter dem von ihm entfesselten Sturm die Thatsachen bestimmt. Gewiß ist es sein Wille, daß das Meisterwerk vollständig werde, und bereitet uns einen übermenschlichen fünften Akt vor, der das ruhmvolle Frankreich an der Spitze der Nationen wiederherstellen wird. Denn das Schicksal ist es, das das höchste Verbrechen, die zweimalige Verurteilung des Unschuldigen gewollt hat. Das Verbrechen mußte begangen werden, um -der tragischen Größe, um der souverainen Schönheit, vielleicht um der Sühne willen, die die Apotheose gestatten wird. Und jetzt, da man den tiefsten Grund des Schreckens berührt hat, erwarte ich den fünften Akt, der das

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