Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1899-09-15 · 37 (15.9.1899) · p. Seite 582

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
37 (15.9.1899)
Date
1899-09-15
Page
Seite 582 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9605007-9605087--7494-9605093
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 582. Israelitische Wochenschrift. Nr. 37. Teufelsinsel teuflisch gemartert; man kann ihn weiter noch der Freiheit berauben und Qualen über ihn verhängen, denen er vielleicht nicht lange mehr widersteht. Doch wenn man ihn auch ermorden kann, entehren kann man ihn nicht. Was immer die goldbetreßten Schufte mit Generalsrang meineidig wider ihn aussagen, cs ist null und nichtig, ohne Halt und ins Bodenlose fallend, seitdem kund geworden ist, daß a u s Befehl des deutschen Kaisers im Dezember 1894 und im Januar 1895 den französischen Gewalthabern die Versicherung gegeben worden, es habe die deutsche Botschaft in Frankreich niemals, weder direkt noch indirekt, irgendwelche Beziehungen zum Hauptmann Dreysus unterhalten — seitdem der „Reichsanzeiger" die von dem Staatssekretär des Auswärtigen Amts Grasen von Bülow in der Budgetkommission des deutschen Reichstages am 24. Januar 1898 abgegebene „allerbestimmteste Erklärung" wiederholt hat, „daß zwischen dem Exkapitän Dreysus und irgend welchen deutschen Organen Beziehungen oder Verbindungen irgend welcher Art niemals bestanden haben". Diese Erklärungen, sagt der „Reichsanzeiger", hat die Reichsregieruug „zur Wahrung ihrer eigenen Würde und zur Erfüllung einer Pflicht der Menschlichkeit" abgegeben. Die französische Regierung und die Richter zn Rennes haben ihre Würde zu wahren nicht für nothwendig gehalten und eine Pflicht der Menschlichkeit für sich nicht anerkannt. Kapitän Dreysus, der auch seinen Henkern gegenüber Soldat geblieben und das militärische Subordinationsverhältnis keinen Augenblick vergessen hat, ist vor seinen Richtern nicht sehr beredt gewesen. Vielleicht war das der Fall, weil er sie mit der ganzen Wahrheit seiner Herzensmeinung nicht'zu verdoppelter Grausamkeit reizen wollte. Sonst hätte er ihnen und den Meineidzeugen seinen Zorn und seine Verachtung ins Gesicht geschleudert mit dem Ruse: „Wenn ihr mich verurteilt, habt ihr mich zu Grunde gerichtet — richten könnt ihr mich nicht!" Der fünfte Akt. Von Emile Zola. Ich bin entsetzt. Nicht der Zorn lodert in mir, die rachedürstende Entrüstung, das Bedürfnis, das Verbrechen hinauszuschreien, im Namen der Wahrheit und der Gerechtigkeit seine Bestrafung zu verlangen. Das blasse Entsetzen hat mich erfaßt, der heilige Schreck des Mannes, der das Unmögliche zur Wirklichkeit werden, die Flüsse zu ihren Quellen zurücksteigen, die Erde unter der Sonne sich überschlagen sieht. Was aus mir schreit, ist die Trauer über uuser großherziges und edles Frankreich, das Grauen vor dem Abgrund, in das cs stürzt. Wir hatten uns eingebildet, daß der Prozeß von Rennes der fünfte Akt der furchtbaren Tragödie sei, die wir seit zwei Jahren erleben. Alle gefährlichen Wendungen schienen uns erschöpft, man glaubte einer beruhigenden und einträchtigen Lösung entgegenzugehen. Nach der schmerzensreichen Schlacht war der Sieg des Rechts unausweichlich, mußte das Stück mit dem klassischen Triumph des Unschuldigen ausklingen. Wir haben uns getäuscht; eine neue Wendung zeigt sich, die unerwartetste und schlimmste von allen, die das Drama noch düsterer gestaltet, es verlängert und einem unbekannten Ende zutreibt, vor dem unsere Vernunft sich verwirrt und versagt. Der Prozeß von Rennes war tatsächlich nur der vierte Akt. Großer Gott, was wird der fünfte bringen! welche Schmerzen und neuen Leiden werden ihn bilden, zu welcher äußersten Sühne wird er die Nation treiben! Denn daran ist doch kein Zweifel, daß der Unschuldige nicht zweimal verurteilt bleiben kann. Eine solche Lösung würde die Sonne allslöschen und die Völker empören. In welchem moralischen Todeskampf habe ich diesen Prozeß von Rennes durchlebt, in tiefe Einsamkeit begraben, in die ich mich geflüchtet, um als guter Bürger vom Schauplatz zu verschwinden, um nicht ein Anstoß für Leidenschaften und Beunruhigungen zu sein! Mit wie gepreßtem Herzen erwartete ich Nachrichten, Briese, Zeitungen, und welchen Ekel, welchen Schmerz bereitete mir ihr Empfang! Durch sie wurden die Tage dieses wunderbaren Monats August zu schwarzen Tagen; niemals habe ich unter strahlenderem Himmel den Schatten und die Kälte so grausamer Trauer empfunden. Und seit zwei Jahren hat es mir nicht an Leiden gefehlt. Ich habe die Todesdrohungen der Menge hinter mir gehört, ich habe zu meinen Füßen die unsauberen Ergüsse von Beleidigungen und Drohungen wahrgenommen, elf Monate hindurch habe ich die Verzweiflung der Verbannung gekostet. Außerdem gab es meine beiden Prozesse, klägliche Schauspiele der Feilheit und Ungerechtigkeit. Aber was sind meine Prozesse neben dem von Rennes? Wahre Idyllen, Erholungsspiele, in denen die Hoffnung keimt! Wir haben Ungeheuerlichkeiten beigewohnt: der Verfolgung Picquarts, der Untersuchung wider die Strafkammer des Kassationshoses, die das Ueberweisungsgesetz zeitigte. Doch alles das ist nur Kinderei; der unvermeidliche Fortschritt nahm seinen Gang, der Prozeß von Rennes entfaltete sich, riesenhaft, wie die scheußliche Blüte aller ausgespeicherten Mißdüfte. Dort hat man die außerordentlichste Häufung aller Attentate gegen Wahrheit und Gerechtigkeit gesehen: eine Bande Zeugen, die die Verhandlungen leitete, allabendlich sich über den Hinterhalt für den morgigen Tag verständigte, mit Hülse von Lügen den Platz des Staatsanwalts einnahm, die Widersprechenden terrorisirte und beleidigte, durch die Anmaßlichkeit ihrer Treffen und Schnüre sich in Geltung setzte; einen Gerichtshof als Beute der Ueberrumpelung durch seine Vorgesetzten, offenbar schmerzlich berührt, diese in verbrecherischer Stellung zu sehen, einer Voreingenommenheit des Verstandes gehorchend; einen bis an die Grenze der Blödigkeit lächerlichen Regierungskommissar, der eine Anklagerede hält, deren stumpfsinnige und mörderische Nichtigkeit, deren senile und störrische Grausamkeit für die künftigen Geschichtsschreiber nur durch die Annahme erklärlich sein wird, sie sei aus dem Hirn eines verantwortungslosen menschlichen Wesens untergeordneter Gattung hervorgegangen; eine Verteidigung, die man erst zu ermorden versucht, die man dann schweigen heißt, so oft sie unbequem wird, und der man endlich verbietet, den entscheidenden Beweis beizubringen, da sie die einzigen wissenden Zeugen ladet.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.