Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1899-09-01 · 35 (1.9.1899) · p. Seite 557

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
35 (1.9.1899)
Date
1899-09-01
Page
Seite 557 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9605007-9605070--7484-9605083
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 35 Israelitische Wochenschrift. Seite 657. Du mir, mittlerweile nicht auf irgend eine besondere Tollheit zu verfallen?" „Fahre in Frieden. Ich werde mich ja doch nicht ein zweites Mal hinter Deinem Rücken verheiraten". „Sprich nicht so cynisch". „Man kann doch nicht immer medizinisch reden". „Gott segne Kalau", rief Hans vergnügt, „nun darf ich über Deinen Zustand beruhigt sein. Noch eins, Max", das runde Vollmondsgesicht des Sekretärs nahm einen harten, herben Ausdruck an, „Deine Frau ist gekommen, vor einer Stunde sah ich sie mit Dallwig vorüberfahren, das gehört sich nicht". „So?" Max gähnte wieder. Halb im Schlaf gab er die Antwort: „Werde da gelegentlich Wandel schaffen". Hans war gegangen und der Doktor lag wirklich eine Weile, als ob er schlief. Nachdem er sich aber überzeugt hatte, daß der Sekretär nicht zurückkehre, sprang er aus, ging an den Schreibtisch, schrieb in fliegender Eile einen Brief, adressierte ihn „Frau Marie Goldmann" und steckte das Kouvert dann in ein Portefeuille. Nun klopfte er leicht an die Wand: „Frau Schmidt!" „Riefen Sie mich, Herr Doktor?" „Allerdings. Würden Sie mir einen sicheren Boten schaffen, der mir schleunigst ein wenig Wäsche nebst einem Rock aus meiner Wohnung holt und dieses Portefeuille meiner Frau überbringt?" Frau Schmidt hatte mit echter Evaschlauheit längst gemerkt, daß der Doktor etwas Besonderes plane, wie alle Frauen drängte sie sich dazu, die Rolle einer Vertrauten zu übernehmen. „Ich will selbst gehen, Herr Doktor." Nach Verlaus von zehn Minuten kam sie zurück, ein großes Laken aus dem Arm, in welchem die gewünschten Kleidungsstücke verborgen waren. „Ich habe mir Alles allein herausnehmen müssen," sagte sie, „Ihre Frau schläft fest am hellenlichten Tag, die Brieftasche habe ich ihr auf das Bett gelegt." Der Doktor hatte mit außerordentlicher Sorgfalt Toilette gemacht, dann einen zweiten Brief geschrieben, diesen an „meinen lieben Hans" adressiert und darauf das Haus verlassen. Vor der Haustür traf er Frau Schmidt und deren Tochter. Frieda trug einen großen Blumenstrauß. Max mußte stehen bleiben und den Beiden ein paar freundliche Worte sagen. „Woher die hübschen Rosen, Fräulein Frieda?" „Lottchen Jacob hat sie mir geschenkt". Frieda reichte ihm eine halberschlossene gelbe Rose, welche der Doktor anscheinend sehr erfreut nahm und in sein Knopfloch steckte. „Tausend! Herr Doktor!" lachte das Mädchen, „Sie sehen wie ein Hochzeitsbitter aus." „Ganz recht. Ich gehe auch, mir einen guten Freund zum Tanze zu laden." Vierzehntes Kapitel. Krähwinkel hatte sein Ereignis. Die Vesper war vorüber. Das schmucke Kirchlein hatte seine Gläubigen entlassen, die Trebanobitzer standen in dichten Gruppen beisammen, Alt und Jung, Reich und Arm drängten sich vor und in den Laden des Kaufmann Steinmenger"(oder Weinmenger, wie er im Volksmund hieß, denn der Mann betrieb außer seinem Handel mit Spezereien auch noch die sehr einträgliche Lieferung der Weine für das Kasino). Steinmenger hatte heute einen brillanten Geschäststag. Sämtliche alten Weiber beiderlei Geschlechts hatten es unglaublich eilig, sich mit Kaffee, Zucker und anderen Genußartikeln zu versehen, nur um wieder und wieder die schaurige Mordsgeschichte von dem jungen Herrn Baron von Dallwig zu hören und dem Doktor Goldmann, dem man freilich von jeher dergleichen wilde Sachen zugetraut. Eben hatte sagar Hochwürden der Herr Pfarrer nicht verschmäht, in den Steinmengerschen Laden zu treten und ob des absonderlichen Gerüchtes Nachfrage zu halten. Das war der Glanzpunkt des bedeutungsreichen Tages. Und das Vergnügen wird zur Pflicht, nun hieß es für Herrn Steinmenger eine gebieterische Ehrenschuld, das famose Begebnis (sicher zum zwanzigsten Male am heutigen Nachmittag unter atemloser Spannung der gesamten Zuhörerschaft) ab ovo zu erzählen. „Also: Wir sitzen, wie jeden Morgen, der Herr Bürgermeister, der Herr Sanitätsrat, der Apotheker Mucha, der Stadtrat Binder und ich um zehn Uhr gemütlich im Kasino beim Frühschoppen^ und wundern uns, daß der Herr von Dallwig noch immer ausbleibt, denn er kommt jeden Sonntag vom Vorwerk nach der Stadt gefahren und verfehlt dann nie, sich an unserem Stammtisch ein Stündchen einzuftellen — da geht mit einem Male die Thür aus und wir glauben unseren Augen nicht, der Doktor Goldmann, gewichst und geschniegelt, wie ich ihn noch niemals gesehen habe, spaziert herein. „Nun?" fragte ich den Apotheker leise, „wie verläuft sich der mal hierher?" Seit sechs viertel Jahren lebt er in unserer Stadt und hat das Lokal noch mit keinem Fuße betreten. Obendrein plaziert er sich gar in's Vereinszimmer, obwohl er gar nicht zu den Kasinomitgliedern gehört. Na, Mucha ist schließlich sein Verwandter, er geht daher aus ihn zu und fordert ihn aus, an unserm Stammtisch Platz zu nehmen. Der Doktor aber thut ausfallend formell, spricht, er müsse für die große Ehre allverbindlichst danken, und schneidet Onkel Mucha ein ganz verteufelt tiefes Kompliment mit so 'ner vertrackten, verzwickten Artigkeit, daß ich gleich merkte, er will den Alten zum Besten haben, setzt sich darauf ganz sans gene an einen extra Tisch, direkt uns gegenüber und bestellt eine Flasche Wein. Mir schwante nichts Gutes, der Doktor rührte mir von dem prachtvollen Weine keinen Tropfen an, sondern gafft ununterbrochen nach der Thür. Er brauchte auch nicht lange zu warten. Nun waren sie freilich schon ein bissel angerissen, der Dallwig und die beiden bürgermeisterlichen Studenten, da sie hereinpolterten und von uns mit großem Halloh bewillkommet, sich an unfern Tisch niederlteßen. Einen Heidenspektakel haben sie auch vollführt, das läßt sich nicht leugnen, aber mir sind eine geschlossene Gesellschaft, unser Treiben geht keinem was an, am allerwenigsten den Doktor, der mit bitterbösem Blick zu uns hinüberstarrte, grad' dem Herrn von Dallwig unverwandt ins Gesicht. Das war schier unheimlich, der Baron kriegte cs auch bald satt, und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.