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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1899-09-01 · 35 (1.9.1899) · p. Seite 558

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
35 (1.9.1899)
Date
1899-09-01
Page
Seite 558 (sequence 14)
Language
German
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Seile 558. Israelitische Wochenschrift. Nr. 35. schlug auf den Tisch, daß es krachte, der Wirt sollte heraufkommen. „Hören Sie, Buuke," sä)reit der Baron ihn an, „wie dürfen Sie sich erlauben hier Juden einzulassen?" Wir schwiegen alle ganz verblüfft, eine so hochfahrende Taktlosigkeit hatte doch Niemand bei dem seinen Baron vermutet. Der Wirt steht auch ganz verdutzt und muckst und rührt sich nicht, da erhebt sich der Doktor von seinem Tisch, tritt ganz dicht vor den Baron und sagte mit einer Stimme, so ruhig, wie ein Anderer um ein Glas Wasser bittet: „Herr von Dallwig, Sie sind ein Schuft." Was nun folgte, weiß ich nicht mehr, denn in einem Hui ging alles drunter und drüber. Mucha und ich hielten den Baron, der titulierte uns ein Rhinoceros um's andere, denn er wollte durchaus „dem verfluchten Judenbengel" an den Kragen. Der Doktor, anstatt sich klüglich aus dem Staube zu machen, blieb wie festgenagelt stehen, die Studenten brüllten im Takte: „Hepp, hepp, Jude, hepp," und der Wirt jammerte, daß es nicht Abend wäre, dann könnte er doch durch einfaches Gasabdrehen die ganze Gesellschaft zur Ruhe zwingen. Schließlich raunte des Bürgermeisters Bodo dem Baron ein paar Worte zu, da wurde er aus einmal ganz ruhig, so daß wir ihn ohne Sorge vor weiteren Gewaltthaten frei geben konnten. Er und die beiden Studenten verschwanden plötzlich in ein Nebenzimmer, ich sah sie dort alle drei sehr lebhaft mit einander diskutieren. Nachher kam der Bodo allein heraus und überreichte dem Doktor eine Karte, die dieser ebenso katzbuckelnd entgegennahm, woraus er endlich seiner Wege ging. Mit einem Male entdeckte ich, daß ich nur ganz allein noch mich in dem Lokckl befand, denn die anderen Herren hatten sich alle schon vorher, einer nach dem andern, sachte gedrückt. Fünfzehntes Kapitel. Um dieselbe Zeit, da Herr Steinmenger in seinem Laden vorstehende Sensationsnachricht vor versammeltem Volke austischte, saß in der Zernowitzer Lichtung, einem ziemlich entlegenen Teile des Stadtsorstes, Herr von Dallwig auf einem Baumstumpf und wartete aus seinen Gegner, bei welcher hoffnungsreichen Beschäftigung ihm Bodo und Waldemar, die beiden Söhne des Bürgermeisters, ebenso ungeduldig als thatenlustig, Gesellschaft leisteten. Herrn von Dallwig gegenüber, an einen Buchenstamm gelehnt, stand der Sanitätsrat Bär aus Trebanobitz, ein jovialer, sehr geistvoll aussehender, älterer Herr, der sich nur mit großem Wi erstreben und aus allerinständigstes Zureden beider Parteien — „nur aus Kollegialität für Goldmann," wie er halb im Scherz sagte, — hatte bereit finden lassen, dem Duell zu assistieren. „Er wird nicht kommen", sprach Bodo unmutig. „Fi donc, Hektor! Waldemar nimm Deinen Hund in Acht, der Kerl schnüffelt beständig an den Pistolenkästchen herum". „Er wittert Judenblut", lachte Waldemar. „Welch kluges Vieh", verfitzte der Sanitätsrat: „man ist nicht umsonst Jahre lang Paradehund einer antisemitischen Studentenverbindung, nicht wahr, Hektor? Sage doch, treibst Du praktischen Antisemitismus?" Er hatte den prächtigen Leonberger bei den Ohren gefaßt, der wurde darob böse und bellte laut. „Ach so! Du bist Radauantifimit!" sagte der Sanitätsrat und ließ den Hund lausen. „Ich glaube gar, Sie nehmen für diesen Goldmann Partei", ries Dallwig ärgerlich. „Im Gegenteil, Verehrtester," lachte Bär und schnupfte in aller Behaglichkeit ein Prieschen. Sie schaffen mix vielleicht einen tüchtigen Konkurrenten aus dem Wege, ein Schelm, der angesichts solch edler Wohlthat undankbar bliebe." „Hat sich was aus dem Wege schaffen," brummte Waldemar, des Rates silberne Dose ziemlich unartig ablehnend, „er kommt erst garnicht." Dallwig zog seine Uhr. „Es fehlen noch zwanzig Minuten zu sechs. Er hat noch Zeit. Wahrscheinlich wartet er auf Scholz." „Aus Scholz? Lieber Bodo, lassen Sie sich sagen, wenn Scholz heut in Trebanobitz wäre, hätten Sie sich wohl umsonst aus das ganze Renkontre gefreut. Den hat Goldmann heut in aller Frühe sortzuschicken verstanden." „Wahrhaftig, Herr Sanitätsrat, wer Sie reden hört, möchte meinen, Goldmann habe absichtlich den Skandal provoziert". „Allerdings, mein bester Waldemar, das eben war es, was ich bemerkt haben wollte". „Aber — aber —" „Die Begründung dieses „aber" wird Ihnen Herr von Dallwig besser geben können als ich". „Herr von Dallwig schob unmutig den Hut zurück, sein hübsches gebräuntes Gesicht mit der abstechend weißen Stirn verfinsterte sich, hefiig entgegnete er dem Rat: „Ich habe die Absicht wohl gemerkt. Und ich in meiner Trunkenheit that ihm den Gefallen, ihn herauszusordern. Er hat von Jugend aus eine Rancüne gegen mich gehabt und sie all die Jahre hindurch nicht vergessen mögen. Selbst zum Beginn seines Hierseins, da wir noch scheinbar freundlich einander uns gegenüberstanden, habe ich seinen Knabenhaß wohl herausgesühlt. Schließlich, kann ich dafür, daß mir die kleine Frau Avancen machte?" „Im Grunde hat Dallwig Recht," bestätigte Waldemar. „Warum hat ihm Goldmann Marien weggefischt!" „Dummes Zeug! Ich'hätte Marien nie geheiratet." „Davon bin ich überzeugt," sagte der Sanitätsrat mir spöttischem Lächeln. „Eigentlich widerstrebt es mir, mich mit diesem Goldmann zu schießen," nahm Dallwig wieder das Wort. „Warum, weil er ein Jude ist?" fragte der Sanitätsrat. „Geniren Sie sich nicht, Herr Baron, mein Großvater war schon getauft." „Unsinn," fuhr Dallwig auf. „Weil ich es einfach für uncitterlich halte, einen schwächlichen, waffenunkundigen Mann zu bekämpfen, gegen den ich obendrein ein Unrecht begangen." „Ah!" stießen die Studenten hervor. „Ueber das Erstere kann ich Sie beruhigen," sprach der Rath. „Goldmann reitet, schießt und ficht vortrefflich, all diese edlen Künste verdankt er der Unterweisung seines famosen Hans. Da kommt der Doktor, aber allein." Der Doktor nähert sich den Herren und grüßte verbindlich. „Verzeihen Sie meine Unpünktlichkeit. Ich habe in ganz Trebanobitz und Umgegend keinen Gentleman austreiben können,

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