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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1899-09-01 · 35 (1.9.1899) · p. Seite 556

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
35 (1.9.1899)
Date
1899-09-01
Page
Seite 556 (sequence 12)
Language
German
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Seite 556. Israelitische Wochenschrift. dir. 35. mit ihr ins Zimmer. Die anderen Mädchen waren gleichfalls von ihren Sitzen aufgesprungen, sie und der Kantor betrachteten den neuen Ankömmling wie ein Spukbild mit unverhehltem Schrecken, Johanna, die Aelteste, war angstvoll um ihre Mutter bemüht, sie fürchtete, die unerwartete Aufregung würde sie töten. „Verzeiht, wenn ich störe", sagte Max. „Guten Abend alle zusammen. Ich habe gehört, daß die Mutter nicht wohl wäre, und so bin ich gekommen, ihr zu Helsen. Du solltest auch längst zu Bett sein, liebe Mutter, und Dir nicht den Dir so nötigen Schlummer entziehen. Stehe, ich habe Dir Arznei mitgebracht, die Deine Schmerzen lindern wird". „Du bist es. Du!" Ohne jede Hilfe hatte die Kranke sich erhoben und schritt aus ihren Sohn zu, hoch aufgerichtet stand sie vor ihm und sprach mit harter, fester Stimme: „Warum kommst Du in mein reines Haus? Geh' zurück, zurück zu Deinem Weibe, der Entarteten, die Du Dir auserlesen". „Mutter", antwortete er dumpf, „wenn sie schon mein Weib ist, mußt Du sie darum immer schmähen?" „Dein?" Sie stieß ein schrilles Lachen hervor, „Dein? und warum auch nicht jedes Andern? Weißt Du es nicht, daß die Kinder aus der Gasse erzählen, wie des Doktor Goldmanns Frau Buhlschaft treibe mit dem Herrn Baron von Dallwig und in seinem Hause auf den Mühlen schamlos aus- und eingehe Tag und Nacht? Aus meinen Augen, geh', Deiner Hilfe bedarf ich nicht", sie hatte die Arzneiflasche ergriffen, und schleuderte sie Max vor die Füße, daß die Splitter krachten — „fort, ich will nichts von Dir, Du Genosse — einer Dirne". Max hörte nicht mehr den entsetzten Aufschrei der Andern, er sah nicht, wie die erschöpfte Frau bewußtlos ihrem Gatten in die Arme fiel — er war in die Nacht hinausgestürmt, schäumend wie ein wildes Tier, das dahinrast, die entflohene Beute wieder zu erjagen, aber weiter — immer weiter — entfernte sich das Ziel seinem Blicke und versank unerreichbar — er holte sie nicht mehr ein — die entschwundene Ehre. Dreizehntes Kapitel. „Er ist noch immer nicht da?" „Nein, Herr Sekretär". „Meine beste Frau Schmidt, es wird nichts helfen, wir werden ihn austrommeln müssen". Frau Schmidt trat ans Fenster. „Ich glaube, er kommt", rief sie mit spöttischem Lächeln. „Da fährt ja die Frau Doktor mit einem Herrn". Hans warf einen Blick aus dem Fenster und stellte sich dann ostentativ mit dem Rücken gegen dasselbe. „Sie sind sehr boshaft, Frau Schmidt". „Und Sie sehr unhöflich, die Frau Doktor nicht zu grüßen und Herrn von Dallwig auch nicht". „Hol den der Teufel", brummte Hans. „Pfui, Herr Sekretär, am heiligen Sonntag zu fluchen". „Sonntag!" brummte Hans. „Und seit Freitag Abend ist er fort. Er hätte schon gestern zurückkommen müssen. Es ist ihm ein Unglück begegnet. Wahrscheinlich hat der Müller ihm nachgesetzt und ihn —" Er nahm seine Mütze und wollte eiligst hinaus, als plötzlich der Vermißte ganz unerwartet ins Zimmer trat und den Anwesenden den üblichen „Guten Morgen" wünschte. „Jesus", schrie Frau Schmidt — „Jesus, Herr Doktor, wie sehen Sie denn aus?" „Schmutzig?" „Wie ein Strolch", sprach Hans kopfschüttelnd, „man sollte meinen, Du habest in der vergangenen Nacht bei Mutter Grün kampirt". „Erraten! Der frische Waldboden war kein so übles Nachtlager, und da ein Schlänglein zu mir kroch, fühlte ich mich just wie zu Haus". „Max! Was soll die närrische Rede . . .", schrie der Sekretär entsetzt — „Du bist krank", — er führte den Doktor vor den Spiegel und zeigte ihm sein bleiches, verzerrtes Gesicht — „Nein, nein", murmelte der Doktor, „ich bin nur schmutzig". Daraus strich er die Haare, die ihm tief in die Stirn fallend, ein ganz verwildertes Aussehen gaben, hastig mit der Hand zurück, (die alles erspähende Frau Schmidt gewahrte schnell, daß ihm der Trauring fehle, sie behielt aber diese Entdeckung für sich), machte vor Frau Schmidt eine ungemein tiefe Verbeugung und sprach mit übertrieben höflichem Tone: „Allerverehrteste Frau, ich bitte Sie dringend mir im Verein mit meinem Freunde Scholz einen halben Tag Gastfreundschaft zu gewähren, denn ich darf unmöglich wagen, mich in diesem verwahrlosten Zustande meiner Gemahlin zu präsentieren". „Nun aber — freilich, Herr Doktor, machen Sie sichs kommod", sie km'xte und wollte schnell das Zimmer verlassen, der Doktor war ihr nicht geheuer, in der Thür aber kehrte sie noch einmal zurück: „Ihre Patienten haben mir gestern .das Haus eingelaufen, Herr Doktor, was soll ich sagen, wenn —" „Ich bin für niemand zu sprechen", siel ihr der Doktor ins Wort. „Ich komme zu Fuß von Kronstadt und bin müde zum Umfallen. Bitte schließen Sie die Thür hinter sich ja recht fest, ich brauche Ruhe". Hans hatte ihn mit immer stärker werdender Mißbilligung angehört, jetzt aber brach er los: „Zwölf Stunden Weges und drüber zu Fuß. — Bist Du verrückt — habe ich Dir darum mein bestes und einziges Pferd anvertraut, daß es Dir durchbrennen durste?" „Umgekehrt, Dicker, ich war es, der Deiner Rosinante durchging. Der Braune befindet sich in vorzüglicher Obhut bei Deinem Vater im Stall". „Nun, so erklär' mir —" „Es giebt nicht viel zu erklären", sagte Max mit unterdrücktem Gähnen. - „Eine Familienszene hat es gegeben, und am Ende hat man sowohl den Sohn als den Arzt hinausgeworsen, das war des Dramas Schluß. Ich vermag nichts mehr. Es wäre ein Letztes, wenn Du noch einmal hinüberwolltest, eine Vermittelung anbahnen, aber das kann ich Dir nicht zumuten". „Warum nicht?" Hans sprang aus. „Ich gelte ein wenig bei Deiner Mutter, vielleicht glückt mir eine Umstimmung — gut, ich fahre sogleich — aber Du" — in Hansens Kopf entstand blitzartig ein Verdacht — „versprichst

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