Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 35 (1.9.1899)
- Date
- 1899-09-01
- Page
- Seite 555 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 35. Israelitische Wochenschrift. Seite 665. in Offenburg. Durch den Tod ist Rabbiner Dr. Hilel Sondheimer in Heidelberg aus dem Vorstand abberufen. Mit dem Landesverein haben wie früher die Vereine zur Förderung des Handwerks unter den Israeliten in Freiburg und Mannheim zusammengewirkt, um Waisenknaben dem Sattler- und Bäckerhandwerk, Waisenmädchen der Ausbildung in weiblichen Handarbeiten zuzuführen. Zu den 95 Waisen, die am Beginn des vorigen Jahres sich in Pflege der Anstalt befanden, wurden 21 neu ausgenommen und ebensoviele entlassen. Von diesen erlernt ein Knabe das Bäckerhandwerk, zwei die Kaufmannschaft. Fünf Mädchen wurden Näherinnen, eine Büglerin, zwei Dienstmädchen, vier kehrten zu ihren Angehörigen zurück, eine wanderte nach Amerika aus. Fünf Kinder konnten infolge der gebesserten Vermögensoerhältnisse ihres Vaters entlassen werden. Von den noch schulpflichtigen Waisen sind 16 in Pflege bei geeigneten Familien untergebracht, die übrigen befinden sich gegen Zahlung von Erziehungsbeiträgen bei Verwandten. — Der Vermögenstatus des Vereins ist günstig. Ende vorigen Jahres war ein Kapital von 144 338,75 Mark investiert, ein Kassenbestand von 11 703,42 Mark vorhanden. Personalnachrichten und kleine Mitteilungen. Der Kaiser von Oesterreich hat der Baronin Charlotte Königswarter in Wien in Anerkennung ihrer verdienstlichen Thätigkeit in der Armen- und Krankenpflege den Elisabethorden zweiter Klasse verliehen. — Der Asrikareisende Edmund Foll und der Direktor der Telephongesellschaft Paul Wallerstein in Paris sind zu Rittern der Ehrenlegion ernannt worden. — In Glasgow ist am letzten Sonntag die neuerbaute Synagoge der Glasgow- South-Side-Gemeinde eingeweiht worden. Die Rabbiner E. P. Philipps und S. Winstone haben die Weihereden gehalten und den Gottesdienst geleitet. — In England giebt es über 250 Geistliche der Anglikanischen Kirche, die jüdischer Herkunft sind. Unter ihnen giebt es fast gar keine geborenen Engländer sie sind fast ausschließlich aus Deutschland und Polen eingewandert! — In Ischl ist am vergangenen Montag der frühere vereidete Börsenmakler Herr Julius Rothstein aus Berlin, 69 Jahre alt, gestorben. Er war als wohlthätig bekannt. — Die israelitische Koch- und Haushaltungsschule, Berlin, Gormannstraße 3, bringt hierdurch zur Kenntnis aller interessierten Kreise, daß große Nachfrage nach Repräsentantinnen, Stützen der Hausfrau, Köchinnen und sonstigem Wirtschaftspersonal für vornehme Häuser bei gutem Gehalt ist. Es empfiehlt sich demnach eine Ausbildung der Töchter für diesen Beruf. Prospekte werden auf Wunsch zugesandt, auch sind noch einige Halb-Freistellen offen. Vakanzen. Hottenburg b. Kirn a. d. Nahe. Rel.-Lehrer, Kant., Sch. 600 M. Geh., 2—300 M. Nebeneink., fr. Wohn. Meld. an M. Burg. — Könitz, Westpr. Akad. geb. Rabb. u. 1. Relig.-Lehrer zum 1. Nov. 2100 M. Anfangsgeh., 600 M. für Relig.-Unterr. Meldung an N. G. Cohn. Feuilleton. Der Milgistdoktor. Ein Bild aus der Gegenwart von C. Berg. (Fortsetzung.) Max biß sich die Lippen wund, um nicht aufzustöhnen vor innerer Qual. Wie viel Freuden hatte er denn seinen Eltern noch bereitet? Er hatte sich ja von ihnen losgesagt. — Das Leben — sein Weib — seine freiere, größere Anschauung hatte ihn von denen getrennt, die einst so vertrauensvoll in ihrer armseligen, geistigen Beschränktheit ihre Hoffnungen, ihre Zukunftswünsche auf ihn gebaut. — Jetzt richtete der Kantor sein Gesicht ein wenig in die Höhe, Max sah mit Schmerz, wie welk und faltenreich dieses einst so heitere, frische Antlitz geworden, stärker erhob sich seine Stimme, laut betete er: „Erbarme Dich Ewiger, unser Gott, über Dein Volk. Laß uns nicht abhängen von den Gaben der Menschen, die nur Fleisch und Blut sind, auch nicht von ihrem Darlehn, sondern von Deiner vollen, stets offenen, heiligen und unbegrenzten Hand, daß wir nicht beschämt und nicht zu Schanden werden in Ewigkeit". Wollte ihn der Alte wohl bei seinem Gott verklagen? „Dir wird übel, Mutter", rief eines der Mädchen. „Komm, wir wollen Dich zu Bett bringen!" Sie wies die dargebotenen Hände zurück. „Laß mich, stört den Vater nicht". „Du wirst es nicht aushalten, Mutter", sagte der Kantor bekümmert. „Ich habe viel Schlimmeres ausgehalten", sprach sie mit gebrochener Stimme. „Bete Du, das macht mich stark. Laß mich ausharren, bis zu Ende". Sie lehnte sich zurück und legte müde die Hand über die Augen. Der Kantor, der aus einen Wink seiner Tochter Hannah geschickt einige Seiten in seinem Gebetbuch überschlagen, begann wieder: „Verehret Gott, ihr seine Frommen. Junge Löwen darben und hungern, aber die Gott suchen, entbehren kein Gut. Heil dem Manne, der Gott vertraut, dessen Vertrauter Gott geworden. Ich war ein Jüngling, ward ein Greis und nie sah ich den Redlichen darben, noch seine Kinder nach Almosen gehn. O Herr, verleihe Deinem Volke Sieg, beglücke es mit seligem Frieden". Daraus goß der Kantor den kleinen Pokal, der vor ihm stand, voll mit Wein, lobte Gott, der die Frucht des Weinstockes erschaffen und sprach dann laut mit hoch erhobenem Becher: „Herr, Herr, die Ruchlosen, die Deinen Namen nie erkannt, die Peiniger Deiner Knechte und Deiner Frommen, die Frevler, die Dir ihr Knie nicht beugen, sie erreiche Dein Grimm, sie verfolge Dein Zorn, unter Deinem Himmel, Herr, tilge sie hinweg". „Es ist heiß", hatte die Mutter vorhin gelispelt. Die kleine Sanni war dienstbeflissen zur Thür gesprungen und hatte sie ungestüm geöffnet. Daraus gab das Kind einen Schrei, daß dem erschrockenen Kantor der Becher aus der Hand fiel und sich purpurrot über das weiße Linnen ergoß. „Fürchte Dich nicht, Sanni, ich bin es". Max faßte die noch immer zitternde Kleine an der Hand und trat schnell