Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1899-09-01 · 35 (1.9.1899) · p. Seite 554

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
35 (1.9.1899)
Date
1899-09-01
Page
Seite 554 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9605007-9605070--7481-9605080
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 554. Israelitische Wochenschrift. Nr. 35. gekommen" zu finden und in deren Bewohnern die Nachkommen der sechsfüßigen Semnonen zu erkennen. Wir nehmen also Herrn Fontane die schlechten Verse und den magern Witz nicht übel, würden es nicht einmal dann thun, wenn das zweite Gedicht nicht wäre, das den Faden des ersten weiterspinnen will, aber wider Willen — nach Bileams Beispiel — den beabsichtigten Fluch in Segen wandelt. Als Greis erkennt Fontane, daß die, denen er sein Bestes gegeben, ihn nicht verstanden und nicht einmal beachtet haben, nichts von ihm wissen, daß aber viele Juden an seiner eigenartig gerichteten Liebe Freude hatten. Der „Kreuzzeitung" ist für diese Anklage in dem Fontaneschen zweiten Gedicht das Verständnis nicht ausgegangen, sie hat in ihm blos ein unfreundliches Gewitzel über jüdische Namen gesehen. Im anderen Falle hätte sie ihren Leuten die Beschämung erspart. 8. Berlin, 27. August. (Synagogeneinweihung.) Heute Nachmittag fand die feierliche Einweihung der in der Liesenstraße 3 neuerbauten Synagoge der Gemeinde des Israelitischen Religionsvereins der Oranienburger Vorstadt „Ohel Jizchak" statt. Der Zugang zur Synagoge wie der Jnnenraum waren mit Guirlanden und Topfgewächsen geschmückt. Das Gotteshaus war bis aus den letzten Platz gefüllt; vom Vorstand und Repräsentantenkollegium der Gemeinde waren die Herren Goldschmidt, Leonhard Sachs, Löwenberg und Bodenstein erschienen. Nachdem der Kantor Davidmann unter Begleitung eines Männerchores Matauwu gesungen hatte, vollzog Rabbiner Dr. Liebermann in feierlicher Weise unter Segensspruch das Anzünden der ewigen Lampe. Unter abermaligem Chorgesang fand dann das Ausheben und der Umzug der Thorarollen statt. Unter den Klängen des Uw’nucho jaumar wurde die heilige Lade geschlossen. Alsdann bestieg Rabbiner Dr. Liebermann die Kanzel und hielt unter Zugrundelegung des Traumes Davids und dessen Worte: „Wie erhaben ist dieser Ort, dies ist nichts anderes als ein Gottesbaus, dies ist die Pforte des Himmels" eine gedankenreiche Predigt. Nachdem der Chor den letzten Teil des Psalm 24 „Raget empor ihr Thore" gesungen, weihte Dr. Liebermann mit innigen, zu Herzen gehenden Worten das neue Gotteshaus ein und sprach das Gebet für Kaiser und Reich. Mit dem Chorgesang des Hallelujah — — Psalm 150 — endete die Feier der Weihe des neuen Gotteshauses, deren schöner Verlaus dem Religionsverein zur Freude und zur Genugthuung gereichen darf. Berlin, 30. August. (Alterversorgungsanstalt.) Der soeben zur Ausgabe gelangte 69. Jahresbericht der Alterversorgungsanstalt der jüdischen Gemeinde Berlin (vom 1. April 1898 bis 31. März 1899) ist jetzt zur Verteilung gelangt. Der Bericht erwähnt an erster Stelle die freundliche Grundstückschenkung seitens der Stadt, die die baldige Errichtung einer ritten Anstalt ermöglicht, allerdings auch für den Bau wie dfür die Fundierung des Unterhalts der neu aufzunehmenden Hospitaliten erhebliche Mittel erfordert. Die beiden bisherigen Anstalten hatten bei Beginn des Berichtjahres 224, am Schluß 222 Insassen. Die Gesamtkosten beliefen sich aus 108 527,66 Mark, d. i. aus 489 Mark für den Hospitaliten. Die Beköstigung nahm 60 223,03 oder 653/4 Ps. pro Tag und Kopf in Anspruch. Mit Ende des Berichtsjahres ist der Rechtsanwalt Dr. Eugen Fuchs, der sein Amt als Mitglied des Gemeindevorstandes niederlegte, auch aus dem Anstaltsvorstand ausgeschieden, dessen Beratungen er bis dahin so tüchtig wie liebenswürdig geleitet hatte. An seine Stelle ist vom Gemeindevorstand Herr Hermann Landsberger deputiert worden. Eine weitere Veränderung hat der Vorstand der Anstalt in dem Berichtsjahr durch den Tod des verdienstlichen Herrn Ludwig Mecklenburg erfahren. Die Lücke ist durch Herrn Isidor Freymark ausgesüllt. Aus dem Kollegium der Ehrendamen schied durch den Tod nach säst zehnjähriger Wirksamkeit Frau Dr. Esther Wiesenthal, an deren Stelle Frau Erna Pakscher getreten ist. Der Rechnungsabschluß für das Etatsjahr 1898/99 balanziert mit 2 463 618,92 Mark. Der Kapitalbestand hat in dem Berichtsjahr eine Vermehrung um rund 45 000 Mark erfahren. W. Bad Ems, 28. August. (Vom israelitischen Central- Waisen- und Mädchenheim.) Ein bequemer und schöner Spaziergang durch die Kulturanlagen führte uns in das Haus des „Israelischen Central-Waisen -und Mädchenheims". Diese Central-Anstalt für arme gesunde Waisenmädchen ist in ihrer Art einzig und sehenswert. Die Mädchen, die ein Alter von 6—16 Jahren haben, erhalten dort unentgeltlich eine vollständige Erziehung und Ausbildung für das praktische Leben. Gegenwärtig befinden sich in der Anstalt dreißig Mädchen aus fast jeder Provinz Deutschlands und ein holländisches Kind. Die Anstalt besteht aus einem großen Vorderhause mit hellen hohen Schlassälen, einer Kaltwassereinrichtung, einem Turnsäle, Hos, Spielplatz und herrlichem bis an die Kuranlagen sich erstreckenden Obst- und Gemüsegarten. Der Vorsitzende des Mädchenheims Herr Dr. Aronsohn, der für diese Anstalt lebt, wie es in aufopfernder Liebe einst seine selige Gattin gethan, sorgt in väterlicher Weise für das Fortkommen der entlassenen Zöglinge; so hat beispielsweise jedes Kind sein eigenes Sparkassenbuch. Wer ein gutes Werk thun will, denke auch an diese so wohlthätig wirkende Anstalt. Wien, 28. August. (Bestrafter Unfug.) Gegen den Landtagsabgeordnetcn Clov^e ist Strafverfahren eingeleitet worden, weil er in seinem Blatte die Nachricht verbreitet hatte, die Israeliten hätten ein Christcnmädchen ermordet und in den Jicinateich geworfen. Anderwärts ist man noch nicht so weit. Anderwärts dürfen die Antisemiten als Mordslügner das Märchen vom Ritualmord noch ungestraft verbreiten. Bruchsal, 28. August. (Landesverein zur Waisenerziehung.) Der elfte Jahresbericht des Landesvereins zur Erziehung israelitischer Waisen im Großherzogtum Baden ist jetzt erschienen. Vorsitzender des Vorstandes ist Herr Rabbiner Dr. I. Eschelbacher in Bruchsal, als Mitglieder fungieren die Herren Moritz Marx (Stellvertreter des Vorsitzenden), Louis Marx (Schriftführer), Emil Marx (Rechner), Ludwig Groß, Alexander Dreifuß, Dr. I. Kusel (sämtlich in Bruchsal), Rabbiner Dr. M. Appel in Karlsruhe, Vorsteher E. Harrburger in Gailingen, Vorsteher E. Herzberger in Bretten, Rabbiner Dr. A. Lewin in Freiburg, Rabbiner Dr. L. Löwenstein in Mosbach, Rabbiner Dr. L. Mayer in Bühl, Bezirksältester Nordmann in Lörrach, Rabbiner Dr. M. Rawicz

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.