Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 35 (1.9.1899)
- Date
- 1899-09-01
- Page
- Seite 553 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 35. Israelitische Wochenschrift. Seite 663. Berlin, 29. August. (Eine kleine Schadenfreude.) Das kürzlich erschienene Heft 5 des „Pan" bringt zwei hinterlassene Gedichte Theodor Fontanes, von denen die „Kreuzzeitung" meint, daß sie die „Vossische Zeitung" und ihren Leserkreis arg verschnupsen werden. Die Gedichte lauten: Veränderungen in der Mark. (anno 390 und 1890). Waren's Germanen, waren's Teutonen, Spreeaufwärts saßen die Semnonen, Schopfhaarige hohe Menschengebilde, Sechs Fuß sie selber und sieben die Schilde. Neben ihnen in Höfen und Harden, Saßen elbwärts die Langobarden, Saßen von Laub und Kränzen umwunden Oderwärts die blonden Burgunden, Saßen am Bober, in Kotten und Kralen, Zechend und streitend die Vandalen, Saßen am Saalfluß, auf Wiesen und Fluren, Den Kreis abschließend, die Hermunduren. Aber Semnonen, Burgunden, Vandalen, Alle mußten der Zeitlichkeit zahlen, Langobarden und Hermunduren, Alle nach Walhall aufwärts fuhren; — Bis hin vor die Welten-Esche sie zieh'n, Da lagern sie sich um den Vater Odin. Tick, Tick. Tausend Jahre sind ein Augenblick! Und als nun Bismarck den Abschied nahm, Eine Sehnsucht über die Märkischen kam, Und sie sprachen: „Herr, laß uns auf Urlaub gehn. Wir möchten die Spree mal wieder sehn. Die Spree, die Havel, die Notte, die Nuthe, Den „kranken Heinrich", die Räuberkute, Wir sind unsrer fünf, und haben wir Glück, Bis Donnerstag sind wir wieder zurück". Odin hat huldvoll sich verneigt; — Alles zur Erde niederfteigt. Und zunächst in der Neumark, in Nähe von Bentschen, Landen sie. „Himmel, was sind das für Menschen!" Und als sie kofschüttelnd sich weiter schleppen. Bis Landsberg, Zielenzig, bis Schwiebus und Reppen, Spricht einer: „Laßt uns mehr westwärts ziehn". Und so westwärts kommen sie nach Berlin. Am Thore rücken sie sich stramm, Erst neuer Markt, die Börse, Mühlendamm, Dann Spandauer- und dann Tiergartenstraße, — Wohin sie kommen, dieselbe Rasse. Sie kürzen freiwillig den Urlaub ab. In wilde Karriere fällt ihr Rückzugstrab. Ihr Rücktritt ist ein verzweifeltes Fliehn; „Wie war es?" fragt teilnahmsvoll Odin, Und der Hermundure stotterte beklommen: „Gott, ist die Gegend runtergekommen". * * * An meinem fünsnndsiebzigsten Geburtstag. Hundert Briefe sind angekommen. Ich war vor Freude wie benommen, Nur etwas verwundert über die Namen Und über die Plätze woher sie kamen. Ich dachte, von Eitelkeit eingesungen: Du bist der Mann der „Wanderungen", Du bist der Mann der märkschen Geschichte, Du bist der Mann der märkschen Gedichte, Du bist der Mann des alten Fritzen Und derer, die mit ihm bei Tafel sitzen, Einige plaudernd, andere stumm. Erst in Sanssouci, dann im Elysium; Du bist der Mann, der Jagow und Lochow, Der Stechow und Vredow, der Quitzow und Rochow, Du kanntest keine größeren Meriten, Als die von Schwerin und vom alten Zieten, Du fandst in der Welt nichts so zu rühmen. Als Oppen und Gröben und Kracht und Thümen, An der Schlachten und meiner Begeisterung Spitze Marschierten die Pfuls und Jtzenplitze, Marschierten aus Uckermark, Havelland, Barnim, Die Ribbecks und Kaltes, die Bülow und Arnim. Marschierten die Treskows und Schlieffen und Schrieben — Und über alle Hab ich geschrieben. Aber die zum Jubeltag kamen, Das waren doch sehr andere Namen, Auch „sans peur et reproche“, ohne Furcht und Tadel, Aber fast schon vom prähistorischen Adel: Die auf „berg" und auf „heim" sind gar nicht zu fassen, Sie stürmen ein in ganzen Massen, Meyers kommen in Bataillonen, Auch Pollacks und die noch östlicher wohnen; Abraham, Jsack, Israel, Alle Patriarchen sind zur Stell, Stellen mich freundlich an ihre Spitze, Was sollen mir da noch die Jtzenplitze! Jedem bin ich was gewesen, Alle haben sie mich gelesen, Alle kannten mich lange schon Und das ist die Hauptsache . . . „kommen Sie, Cohn". Wir haben niemals die maßlose Ueberschätzung, die Theodor Fontane dem märkischen Junker entgegenbrachte, auf deren Barden übertragen, auch mit heiterer Kühle den Jndianertänzen zugesehen, die von den „Jüngstdeutschen" um den alten Mann aufgesührt wurden, mit dessen ehrwürdigem Ansehen sie sich Heransputzen wollten, und nach dem Tode des märkischen Sandpoeten die Quälerei beobachtet, der Professor Erich Schmidt sich unterzog, um einen Ausgleich zu finden zwischen seinem literarischen Gewissen und den Anforderungen des Tageslärms, der Fontane plötzlich zu einem Walter Scott gemacht hatte. Wir sahen im Uebrigen in Theodor Fontane den Mann, der im leichten Feuer mit dem Salamander zu leben verstand, ebenso gern für die „Kreuzzeitung" den „englischen Artikel", wie für die „Vossische Zeitung" einen anderen Artikel bearbeitete, und in aufrichtiger Verehrung vor dem Nachkommen irgend eines wegelagernden Schnapphahns und Strauchdiebes als vor dem Träger eines historischen Namens erstarb. Daß ein Mann von solcher natürlichen Gemütsveranlagung Verse von so dürftigem Witz niederschreibt, wie das erste Gedicht sie enthält, ist nicht eben verwunderlich; noch weniger, daß er damit den schmunzelnden Beifall der „Kreuzzeitung" gewonnen. Herr Professor Kropatschek muß bei einem Blick in den Spiegel sich gesagt haben, daß der Hermundure aus Urlaub nur ihm zu begegnen hätte das Glück haben müssen, um die Gegend nicht „runter-