Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 35 (1.9.1899)
- Date
- 1899-09-01
- Page
- Seite 551 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 35. Israelitische Wochenschrift. Seite 651. Zweite GkNttlllversmmlNg des „Mesmeins -er israelitischen Rtligisilslehrer im GroHer;ogt»m Kaden." (Auszug aus dem Protokoll). Karlsruhe, 13. August 1899. Tagesordnung: 1. Berichterstattung: a) Des Vorsitzenden, b) des Kassierers. 2. Vortrag: Methodik des hebräischen Uebersetzungsunterrichts. Referent: Lippmann-Karlsruhe. 3. Besprechung von Vereinsangelegenheiten (unter anderem freie Aussprache über die Gründung einer jüdischen Lehrerzeitung). 4. Wahl eines Vorsitzenden. 5. Festsetzung der Tagesordnung für die dritte Generalversammlung. Anwesend sind 28 Mitglieder. Der Vorsitzende giebt in seinem Begrüßungsworte dem Wunsche und der Hoffnung Ausdruck, daß der junge Verein, bis jetzt noch ein zartes Pflänzchen, zu einem Baume sich entfalten möge, in dessen Schatten die Mitglieder, besonders die jungen, ausruhen können. Er weist daraus hin, wie im verflossenen Jahr die materielle Lage der Religionslehrer einen erheblichen Schritt vorwärts gekommen sei. Dank dafür gebühre insbesondere dem Großherzoglichen Oberrat, der den Gesetzentwurf eingebracht und zur Verbesserung die Wünsche der Lehrerschaft entgegengenommen habe. Dank der Synode, daß sie der Vorlage des Großherzoglichen Oberrats zugestimmt. Dank aber auch unserem geliebten Großherzoge, der durch Schaffung der israelitischen Landessynode den Israeliten seines Landes einen erneuten Beweis seiner huldvollen Gesinnung gegeben, die er auch vor kurzem einem verehrten jüdischen Gelehrten gegenüber bekundete. In das von dem Redner ausgebrachte Hoch auf den Landesfürsten stimmt die Versammlung jubelnd ein und beschließt, dem zur Zeit in Norderney weilenden Herrn Oberrat Regierungsrat Dr. Mayer aus Karlsruhe den wärmsten Dank für die dem Religionslehrerstande bewiesene Fürsorge telegraphisch auszusprechen. Aus der Berichterstattung des Vorsitzenden ist hervorzuheben: Der Verein hatte im vergangenen Vereinsjahre den Tod mehrerer Mitglieder zu beklagen, einige haben den badischen Staatsverband verlassen, etliche sind hinzugetreten, sodaß der Verein nunmehr 83 zahlende Mitglieder umfaßt. Dem Wunsch der dem großherzoglichen Oberrat überreichten Petition entsprechend, deren Erledigung demnächst zu erwarten steht, soll die Anstellung der israelitischen Religionslehrer Badens fortab eine definitive sein. Herr Professor Dr. Aschkenasy in Heidelberg hat in dankenswerter Weise durch Zuwendung eines wertvollen Geschenkes (Mandelkernsche Konkordanz) den Grundstein zu unserer Bibliothek gelegt. Der Kassierer bittet um pünktlichere Einhaltung des auf den 1. Juli festgesetzten Zahlungstermins für die Beiträge, eventuell um die Ermächtigung, die rückständigen Beiträge durch Postauftrag zu erheben. Lippmann - Karlsruhe referiert hierauf in eingehender Weise über die „Methodik des hebräischen Uedersetzungsunterrichts". Der Vortragende schließt sich im allgemeinen den Darlegungen des Kollegen I. Spanier-Stolzenau über dasselbe Thema an. Folgende Thesen mögen den Vortrag illustrieren: 1. Vorbedingung des Uebersetzungsunterrichts ist korrektes geläufiges Lesen, damit die Kraft des Schülers ungeteilt sich jenem zuwenden könne. Die in einem Schuljahre durchzunehmenden Gebetstücke sind daher im Vorjahre möglichst oft zu lesen. 2. Wie bei jedem Unterricht, so ist auch beim hebräischen Uebersetzungsunterricht die häufig beliebte ausschließliche Anwendung der Memoriermethode, überhaupt jede Methode, die, indem sie den Lehrer entlastet, den Schüler belastet, zu verwerfen. 3. Vor Beginn des eigentlichen Uebersetzens sind die Schüler mit der ethischen und liturgischen Bedeutung des Gebetstückes bekannt zu machen. (Zielangabe und Vorbereitung). 4. Die Schüller sollen wissen, was sie übersetzen. Deshalb gebe der Lehrer zuerst eine klare deutsche Uebersetzung des Ganzen. (Darbietung). 5. Der Lehrer fragt die deutschen Wörter einzeln ab, die Schüler sagen die entsprechenden hebräischen Wörter, zuerst aus dem Siddur, später auswendig; hieraus umgekehrt. Zum besseren Verständnis sind die hebräischen Wörter grammatikalisch zu erläutern, das Ergebnis werde an die Wandtafel geschrieben. 6. Der Lehrer führe durch Besprechung des Durchgeübten den Schüler in das Verständnis des Gebetstückes ein. 7. Erst jetzt gebe der Schüler die Uebersetzung in gutem Deutsch wieder und folge dabei im Siddur. 8. Der Lehrer entwickle die religiösen und sittlichen Lehren aus dem behandelten Stoffe und setze sie in Beziehung zum Leben. An den mit Beifall aufgenommenen Vortrag schließt sich eine lebhafte Debatte, die im wesentlichen völlige lieber« einstimmung mit den Ausführungen des Referenten ergiebt. Levy-Rheinbischofsheim möchte mit Rücksicht aus die dem Lehrer so knapp bemessene Unterrichtszeit für den hebräischen Uebersetzungs-Unterricht die memoriale Methode nicht ganz verwerfen. — Hanauer-Mosbach würde es gern sehen, daß der Referent seine Methode an einer Lehrprobe zeigte. Diesem Wunsche kommt der Vortragende durch Uebernahme einer Probelektion für die nächste Generalversammlung entgegen. Bei Punkt 3 der Tagesordnung empfiehlt der Vorsitzende mit warmen Worten die Einsetzung einer Fürsorgekommission, die bei Krankheits- und Todesfällen von Vereinsmitgliedern deren Familie mit Rat und That helfend zur Seite stehen solle. Die Versammlung giebt ihre ungeteilte Sympathie zu diesem schönen Gedanken dadurch zu erkennen, daß sie den Vorstand zur Ernennung hierzu geeigneter Vertrauensmänner ermächtigt. Die Versammlung beschließt, dem „Verband der jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reiche" sich anzugliedern mit der Bedingung, daß die vom Verband zu gründende jüdische Lehrerzeitung tendenziöser religiöser Erörterungen nach der einen oder anderen Seite hin sich enthalte, und daß einem badischen Vereinsmitgliede Sitz und Stimme in der Redaktion des Blattes eingeräumt werde.