Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 35 (1.9.1899)
- Date
- 1899-09-01
- Page
- Seite 550 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 550. Israelitische Wochenschrift. Nr. 35. WeuzclHrr. in letzter Strahl säumt sonnenklar Mit Purpurglut die blaue Ferne; Zum andachtsvollen Funkelsterne Hebt rauschend sich das alte Jahr . . Droben vom Glanze erhellt — Himmlische Geister Rings um den Meister — Richtet der Richter der Welt. Und jetzt vom lichten Wolkenthron Das neue Jahr steigt, jubelnd nieder, Es tönen Silberharfen, Lieder, Und brausend schallt Posaunenton: Jung in das Leben hinaus, Vieles verheißend Schwebst du, und preisend Harr' ich im heiligen Haus. Was bringst du Jahr? In Zauberpracht Des Glückes Stern? ein sonnig Leben? . . Ich frag' mit schauerndem Erbeben: Bringst du die gramerfüllte Nacht? Vater, in heiliger Huld Hör unser Flehen! Von den Vergehen Lös unsre Seele, von Schuld! Berlin. Felix Falk. Für die Anstalt...! Immer mehr kommt man in den leitenden Kreisen zur Erkenntnis, daß, um einen Teil unserer Glaubensgenossen zum Handwerk und zur Bodenkultur überzusühren und sie aus diesen Gebieten leistungsfähig zu machen, es erforderlich ist, sie schon in frühester Jugend, womöglich schon in der Kindheit an praktische Arbeiten zu gewöhnen. Mit erwachsenen Personen, die Neulinge aus dem Gebiet der Bodenkultur sind, zu kolonisieren, gelingt nur in wenigen Fällen und erfordert unverhältnismäßig große Kosten, wie die verschiedenen Versuche in Argentinien und andern Ländern bewiesen haben. Auch hier bewährt sich das Wort: „Wem die Jugend gehört, gehört auch die Zukunft eines Volkes". Das war der leitende Gesichtspunkt der Gründung der Erziehungsanstalt Ahlem. Dies Institut verfolgt den Zweck, jüdische junge Leute, die sich der Bodenkultur widmen wollen, in der Gärtnerei und, soweit es die in Besitz der Anstalt befindlichen 80 Morgen Grundbesitz zulassen, auch in Landwirtschaft und Viehhaltung auszubilden. Neben dieser gärtnerischen und kleinlandwirtschaftlichen Lehranstalt ist in Ahlem ein Waisen-Erziehungshaus für Knaben im Alter bis 14 Jahren. Das Zusammenleben der schon älteren, einem ernsten Ziele zustrebenden „Lehrlinge" mit dem kleinen viel jüngeren „Schüler" zeitigt natürlich die segensreichsten Folgen. Während die Großen nach des Tages Mühe und Arbeit dem harmlosen Spiel mit den Kleinen sich ergeben, ihnen von Berufsarbeiten berichten, wird der Sinn der Kleinen schon früh unwillkürlich aus ernste Dinge gerichtet, sie beginnen sich für den Berus zu interessieren. Mehr noch wird das Interesse dadurch wach gerufen und erhalten, daß die Knaben in pädagogischer Weise zu praktischen Arbeiten angehalten werden. Namentlich werden sie im Sommer in rationeller Weise in Blumenzucht, Gemüsebau, in andern leichten Arbeiten unterwiesen, während sie im Winter Handfertigkeitsunterricht haben. Der große pädagogische und volkswirtschaftliche Nutzen beider Unterrichtszweige in städtischen sowohl wie in ländlichen Volksschulen wird von den Behörden gewürdigt und begünstigt. In den Städten, wo man den Schülern keine Schulgärten zur Verfügung stellen kann, werden den Schülern Blumentöpfe zur Pflege übergeben, um bei ihnen Liebe für die Natur zu erwecken. Viel wirksamer wird dies natürlich erreicht, wenn man die Kinder, wie in Ahlem, in einem großen Schulgarten arbeiten lassen kann. Mit welcher Lust und Liebe gehen die Knaben hier an die Arbeit. Mit welcher Freude handhaben sie Hacke und Spaten. Erscheint ihnen doch diese Beschäftigung als Vergnügen und nicht als Arbeit. Sie selbst bearbeiten den Boden, sehen den Samen keimen, hegen und pflegen die Pflänzlein, und dürfen schließlich auch die Früchte ihrer mitunter recht sauren Arbeit ernten. Freudestrahlend zeigen sie den Besuchern ihren sorgsam gepflegten Garten, können sie doch die darin gezogenen Gemüse und Früchte auf jeder Gartenbau-Ausstellung sehen lassen, aus der sie gewiß mit einem Preise bedacht werden würden. Leider ist die Anstalt gezwungen, zahlreiche Anmeldungen aus allen Teilen Deutschlands aus Mangel an Mitteln unberücksichtigt zu lassen; auch haben sonst noch notwendige Verbesserungen wegen des chronischen Geldmangels nicht vorgenommen werden können. Um diesem abzuhelsen, läßt der Vorstand wie im Vorjahre gelegentlich des Rosch-Haschonoh- Festes eine Sammlung durch Schulkinder veranstalten. Mögen alle Lehrer, die Erzieher unserer Jugend, an die der Vorstand sich gewendet hat, der Anstalt ihre Mitwirkung leihen; mögen Alle, die ein warmes Herz für unsere jüdische Jugend haben, gern und freudig durch ihre Unterstützung das heilige Werk fördern, aus daß die Anstalt in den Stand gesetzt werde, allen an sie gestellten Anforderungen zu genügen, damit sie voll und ganz das werde, was sie heute schon verspricht: „ein Segen für unsere jüdische Jugend".