Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 35 (1.9.1899)
- Date
- 1899-09-01
- Page
- Seite 549 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9605007-9605070--7476-9605075- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 35. Israelitische Wochenschrift. Seite 649. Mit demselben „Prolog im Himmel", wie das Buch Hiob, beginnt auch hier das Drama, ja es geht ihm nach dem vielfach gedeuteten Anfang Genes. 22,1: „Und er war nach diesen Worten", noch ein kleines Vorspiel voran: Isaak und Jsmael beginnen einen Wortstreit darüber, wem von ihnen wohl des Vaters Besitztum anheimfallen werde. „Ich bin der Erstgeborene", ruft Jsmael. „Ja, der Sohn der Magd", versetzt Isaak. „Aber ich bin würdiger als Du; ich ließ kaum 13 Jahre alt, ohne Sträuben die Beschneidung an mir vollziehen", rühmt sich jener. — „O, wenn es darauf ankäme", bemerkt Isaak, „ich würde selbst mein Leben freudig hingeben, wenn Gott es verlangte!" So kommt denn der Tag heran, da die Gottessöhne (die Engel) sich vor den Herrn stellen, auch der Widersacher, der die Menschen anklagende Satan unter ihnen. Woher kommst Du? fragt ihn Gott. — Ich streifte aus der Erde umher, da sah ich Abraham. Du hast ihn mit Segnungen überschüttet, was thut er? Auch nicht einen Stier, einen Widder brachte er Dir von seinen glänzenden Mahlen! — Der Herr erwidert: Hast Du wohl auch recht acht auf ihn gehabt? Jenes Mahl bereitet er um seines Sohnes willen; so wahr ich lebe, würde ich selbst diesen einzigen Sohn als Ganz- Opser von ihm fordern, sogleich brächte er ihn dar. — „Wohlan, thue Herr, wie Du gesprochen, ob er wohl Deinem Befehle Nachkommen wird!" (Ber. V. 55, sefer hajaschor). Nach diesem Vorgang im Himmel beginnt nun die Handlung aus Erden. Noch in derselben Nacht erscheint der Herr dem Abraham im Traume. Mit leisem Ruse, um ihn nicht zu erschrecken und seinen Sinn durch das Unerhörte der Bitte nicht zu verwirren, spricht er zu ihm: Abraham! — Jener antwortet: Hier bin ich! — Im weichsten, bewegten Ton der Bitte spricht Gott: „Nimm doch Deinen Sohn!". Sinnig wird hier das Wort Hiob 4,2 angewendet: Solltest du, so man nur versuchungsweise ein Wort an dich richtet, gleich außer dir geraten? — Siehe, du hast andere so oft ermahnt, Schwache und Strauchelnde ausgerichtet, solltest du nun, da es dich selbst trifft, gleich die Fassung verlieren? — So behutsam habe der Herr den Abraham aus das Schreckliche vorbereitet, blos um ihn durch das Grausame dieser Prüfung nicht zu verwirren. Abraham läßt sich auch nicht beirren; er spricht mit Psalm 26: Ich handle nach der Einfalt meines Herzens. — „Merkst Du denn nicht, daß Dein Glaube Deine Thorheit ist?" flüstert Satan. Abraham hört nicht auf ihn. — „Nun, so will ich Dirs verraten (Hiob 4,2), mir war das Wort verstohlen zugeraunt! Ich hörte hinter dem Vorhänge (im Rate der Himmlischen), daß Isaak gar nicht geopfert werden soll, sondern ein Lamm statt seiner". Auch das verschlug nicht; Satan konnte sein eigen Werk nicht mehr hintertreiben, denn Abraham schenkte ihm keinen Glauben. Abraham machte sich aus den Weg nach Moria. Jetzt galt es, ihm erst recht in den Weg zu treten. Abraham nimmt Abschied von Sara, ohne ihr ein Wort von seinem Vorhaben mitzuteilen. In bunter Variation wird nun bald Sara, bald Isaak über den Zweck dieser befremdenden Reise getäuscht. Satan tritt nun an Abraham heran in Gestalt eines alten gebeugten Mannes und fragt ihn: „Wohin gehst Du?" „Mein Gebet zu verrichten". — „Wozu das Feuer und das Schlachtmesser?" — „Wir bleiben längere Zeit, um Tiere« zu unserem Unterhalte zu schlachten". — „Mich täuschest Du nicht, Alter, war ich doch zugegen, als eine Stimme Dir befahl, Deinen Sohn zu opfern! Wisse, das war nicht Gottes Rus, den Du vernahmst, das war des Satans Stimme". (Tanchuma zur Stelle). Abraham bleibt dabei, Gottes Rus vernommen zu haben. — „Und willst Du Dir solche Prüfung gefallen lassen? Morgen wird er Dich dafür des Mordes zeihen, Hand an Dein eigenes Kind gelegt zu haben!" Als Satan sah, daß er beim Vater nichts auszurichten vermochte, wandte er sich an den Sohn in Gestalt eines lebenslustigen Jünglings: „Armer Sohn, weißt Du, was Deiner harrt?" — „Gleichwohl, es ist mein Vater, ich folge ihm!" — Nicht ohne allen Eindruck indeß blieb des Versuchers Wort bei Isaak. Er fragt seinen Vater: „Wo ist das Lamm zum Opfer?" — Satan läßt unterwegs einen reißenden Strom ihren Weg hemmen, alles umsonst. Während die Sage den ganzen Reichtum ihrer Bilder und Farben verschwendet, um die erhabene Szene aus Moria selbst in vollem Glanze auszuschmücken, so daß selbst Engel darum bitterlich weinten, flicht sie ihre herrlichen Arabesken auch um das Gemälde vom Tode Saras. (Vergl. B. Beer: „Leben Abrahams nach Auffassung der jüdischen Sage", Absch. X, p. 57—71). — Statt nun den Versucher in die Handlung zu verflechten und das Problem der Theodicee in der großen Frage der menschlichen Schicksale, das dem Lehrgedichte Hiob zu Grunde liegt, auch in die Akeda zu tragen, mit der es gar nichts zu schaffen hat, da es sich bei Hiob um Leiden, die Gott als Prüfung sendet, bei Abraham aber um eine unmotivierte Prüfung handelt, haben die meisten übrigen apologetischen Erklärer der Bibel ihre Zuflucht dazu genommen, jene Versuchung einfach als ein Traumgesicht Abrahams darzustellen. So Maimonides in s. More III., dem die meisten der ältern jüdischen Ausleger gefolgt sind. Allein wie wir auch die Akeda ausfassen, schon der Umstand, daß ein Volk in einer solch evidenten Erscheinung seinen Urquell erblickt, gleichviel, ob dem äußern Gewände der Geschichte Wirklichkeit innewohnt oder nicht, ist ein vollgültiger Beweis für das, was diesem Volke als Ideal, als Zweck vorschwebt. Denn namentlich ist ein vielbewegtes, vielgeprüftes und erfahrungsvolles Leben,^wie es das Leben unseres Patriarchen war, geeignet, den Menschen ein Wesen ahnen zu lassen, das außerhalb seines menschlichen Wirkens wirkt, das außerhalb einer sichtbaren Weltordnung Überfalles menschliche Berechnen die Erfolge leitet. Abraham spricht bei seinen vielfachen Prüfungen und Versuchungen nicht im Sinne der modernen Aufklärung: „Zufall "^„unabänderliches Naturgesetz", Worte, die in ihrer Unpersönlichkeit und Unfaßlichkeit uns gar nichts sagen und gar nichts erklären, sondern er spricht nur von einer Prüfung Gottes. Er war überzeugt, daß alles in der Welt, auch das Unbegreifliche, eine Lösung, alles seine Deutung haben müsse.