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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1899-09-01 · 35 (1.9.1899) · p. Seite 548

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
35 (1.9.1899)
Date
1899-09-01
Page
Seite 548 (sequence 4)
Language
German
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Seite 548. Israelitische Wochenschrift. Nr. 35 Die „Kreuzzeitung" wird wenig Gläubige dafür finden, daß die „Ostdeutsche Rundschau" unter dem Anschein wörtlichen Citats ihre eigene Erfindung debitiert hat, blos um . den Sinn „nicht wesentlich zu ändern". * * * (Zum Parteitag der Antisemiten.) Bei dem vom 9. bis 11. September in Hamburg stattfindenden Parteitag wird ein Herr Dr. Giese seinem Referat über die Judensrage folgende Thesen zu Grunde legen: „1) Es ist die Aufgabe der antisemitischen Partei, die Kenntnis vom wahren Wesen des Judenvolkes zu vertiefen und immer weiter zu verbreiten. Wir stehen erst am Anfang dieser Thätigkeit. Nur aus der Einsicht, daß ein unüberbrückbarer Gegensatz zwischen dem Judenvolke und allen anderen Völkern in sittlicher und allgemein geistiger Beziehung besteht und daß der Jude nicht nur unfähig zur Teilnahme an der naturgemäßen kulturellen und sittlichen Weiterentwickelung der Menschheit, sondern seinem Wesen nach ein Feind aller nationalen wie auch allgemein menschheitlichen Kultur sei, kann der feste Wille zur Abwehr des Judentums entspringen. (Hu, hu!) 2) Zur Befreiung des deutsch-christlichen Geisteslebens vom jüdischen Einfluß fordern wir in Uebereinstimmung mit ernst denkenden Theologen die Ausscheidung des Alten Testaments aus dem christlichen Religionsunterricht. Was im Alten Testament von Wert für die Bildung religiöser Anschauungen und sittlicher Begriffe ist, läßt sich auf andere Weise in den Religionsunterricht verweben. Die Schicksale des Judenvolkes, seiner Patriarchen, Könige und Propheten gehören in den Geschichtsunterricht; hier werden sie bei unparteiischer Darstellung ein wichtiges Hilfsmittel zur Erkenntnis der jüdischen Volksart abgeben. (Der „Reichsbote" wundert sich, daß die Herren Antisemiten nicht auch die Ausschließung des Neuen Testaments verlangen. — Wird schon noch kommen.) 3) Die zionistischen Bestrebungen sind eine Frucht der antisemitischen Bewegung. Sie enthalten das Bekenntnis zu der so verleugneten nationalen Zusammengehörigkeit aller Juden. Die staatsrechtlichen Bestrebungen der Zionisten, irgendwo auf dem Erdball ein modern-jüdisches Reich zu errichten, verdienten nur dann Unterstützung, wenn Sicherheit geboten würde, daß wirklich alle Juden gen Neu-Zion ziehen. Das erscheint leider ausgeschlossen. Die Vertretung der Interessen in unserer Mitte lebender Juden aber durch eine staatsrechtlich anerkannte auswärtige Macht würde völlig unerträglich sein. Es ist nicht zu dulden, daß die Alliance Jsraelite souverain wird und einen Gesandten am deutschen Kaiserhofe unterhält. (Ach, wie schade!) 4) Dank der Entwicklung unserer modernen Verkehrsmittel dürfte die Judenfrage im Laufe des 20. Jahrhunderts zur Weltfrage werden und als solche von den anderen Völkern gemeinsam und endgiltig durch völlige Absonderung und (wenn die Notwehr es gebietet) schließliche Vernichtung des Judenvolkes gelöst werden. (Sie werden doch nicht!) Der wahre Friedenskongreß wird derjenige sein, der sich mit der Stellung der erdbewohnenden Menschheit zum Hebräer beschäftigt. — Bis dahin aber wird es Sache jeder einzelnen Nation sein, sich der Judenplage zu erwehren, so gut sie es den Umständen nach kann. 6) Einer der ersten Schritte beim legislativen Einschreiten gegen das Judenvolk muß es sein, festzustellen, wer vor dem Gesetz als Jude gelten soll, und daß es die Abstammung, und diese ganz allein ist, die die Zugehörigheit zum Judentum be- ./ stimmt. Der Parteitag begrüßt den im Sommer 1898 veröffentlichten Entwurf zu einem Juden-Matrikelgesetz als willkommene Vorarbeit zur Lösung dieser grundlegenden Aufgabe. 6) In Punkt 19 des Parteiprogramms werden statistische Erhebungen über die Juden gefordert. Es ist nötig, daß diese Statistik die in Deutschland befindlichen Juden in all den Lebensäußerungen erfaßt, über die bezüglich der Gesamtbevölkerung Erhebungen angestellt werden. Das ist sehr leicht durchführbar und Preußen hatte eine ähnliche Judenstatistik bis zum Jahre 1861. Die Statistik des Deutschen Reiches läßt in dieser Hinsicht fast alles zu wünschen übrig. 7) Der Parteitag empfiehlt der Fraktion, im Reichstage alljährlich durch geeignete Anträge die Parteien und die einzelnen Abgeordneten zur Stellungnahme in der Judenfrage zu zwingen; nur so können den Auch-Antisemiten Herz und Nieren geprüft, nur so kann den Wählern bewiesen werden, daß von 'den alten Parteien und ihren Vertretern in der Bekämpfung des Judentums schlechterdings nichts zu erwarten ist". Ein Daniel, ein zweiter Daniel ist da bei den Herren Antisemiten ausgetaucht. Abraham und Hiob. (Zum R o s ch h a s ch a n a - F e st e.) Von Rabbiner Dr. B. Seligkowitz-Cöthen. Wohl über keinen Punkt der heiligen Geschichte mag cs dem gläubigen Bewußtsein schwerer werden, sich in den Jdeengang der neueren historisch-kritischen Forschung hineinzuleben und mit ihren Anschauungen auch nur einigermaßen sich zu verständigen, als gerade über den Sinn und die Bedeutung der Akeda, oder der Opferung Isaaks, aus die doch die Gesamtheit der Gläubigen bekanntermaßen als den höchsten Triumph der wahren Religion, wie aus eine Feuerprobe der reinsten, selbstverleugnendsten Liebeshingebung zu blicken gewohnt ist. Denn die Möglichkeit, auch nur zum Scheine Menschenopfer zu verlangen, den Vater zur Opferung seines einzigen geliebten Sohnes ausfordern zu können, ist beim Gotte Abrahams gar nicht denkbar. Für den Gott Abrahams ist eine solche Aufforderung gar nicht zulässig, aber auch deshalb nicht die Annahme, daß Abrahams Gehorsam und Hingebung, daß sein weiches Vaterherz auf einem so harten Steine hätte geprüft werden können und sollen. Es ist interessant, wie bereits die jüdische Hagada im Midrasch und Talmud die unleugbaren Schwierigkeiten dieser Versuchungsgeschichte zu beseitigen verstanden. Denn, um Gott nicht eine solche Prüfung zuschreiben zu müssen, die mit seiner Allwissenheit und seiner Güte sich nicht verträgt — da von Gott nicht ausgehen kann, was des Menschen Heiligstes, sein sittliches Gefühl, sein Pflichtbcwußtsein durchkreuzen würde — verwandeln sie diese „Prüfung" einfach in eine Versuchungsgeschichte, in der Gott, wie bei Hiob, so auch bei Abraham, dem Ankläger, dem Satan, gestattet, den starken Glaubensmut Abrahams aus die Probe zu stellen. Und war einmal dieser Ausweg gefunden, so begnügte sich die Hagada nicht damit, blos Gott gegenüber den personifizierten „Bösen" in die Handlung zu verflechten, sondern sie läßt ihn nun auch ebenso geschickt an allen Personen dieses Dramas sein satanisches Amt und Blendwerk verrichten, an Abraham sowohl, wie an Sara, an Isaak, ja selbst an den ihn begleitenden Knaben Jsmael und Elieser, zwischen denen sich der Dialog entwickelt, wie im Drama. Dadurch gewinnt denn dieser Vorgang jene dramatische Lebendigkeit, die durch die verschiedenen Versionen und Wendungen der Sage noch vielfach abgewechselt wird.

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