Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 34 (25.8.1899)
- Date
- 1899-08-25
- Page
- Seite 543 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 34. Israelitische Wochenschrift. Seite 643. „Infamer Lügner, Du machst alle Tage den Weg. Willst Du fahren wie ich will, Hallunke?" „Selbst Hallunke." Er stieß den Doktor vom Wagen herunter, der aber hatte ihn umklammert und riß ihn mit. Beide wälzten sich aus dem Waldboden und rangen miteinander aus Tod und Leben. „Zu Hilfe!" schrie Max mit letzter Kraft. „Wart' Jud', ich will Dich still machen." Der Pole krallte seine knochige Riesensaust um den Hals des Doktors, ihm die Kehle zuzuschnüren, da traf ihn ein wuchtiger Peitschenhieb ins Genick, er ließ ab, laut aufheulend kehrte er sich um und sah sich entsetzt eincm stärkeren, wie aus der Erde entstiegenem Feinde gegenüber. In der nächsten Sekunde war Max wieder auf den Beinen. „Hans! Gelobt sei Gott!" Hans war vom Pferde gesprungen und hielt den Müller gepackt, der aber winselte jetzt und jammerte, man solle ihn nicht Lotschlagen. „Bist Du verletzt, Max?" „Unversehrt!" rief der Doktor und berichtete, ehe Hans Weiteres fragen konnte, mit keuchendem Athem über den Zweck seiner Fahrt und den Grund des Streites. „Warum willst Du den Herrn Doktor nicht über Zernowitz fahren?" Der Müller weinte. „Ich darf nicht. Der Herr jagt mich davon." „Alberne Lügen, welche er vorbringt, um Geld zu erpressen," schrie der Doktor. „Wer ist Dein Herr?" examinierte Hans. „Ich werde es Ihnen sagen, wenn Sie mich loslassen werden." „Du Lumpenkerl willst mir Bedingungen stellen? Ich werde Dir eine Tracht Prügel geben." Der Mann blinzelte tückisch nach dem Doktor und schwieg. „Lassen wir ihn lausen", sagte Hans aus Deutsch, „es ist nichts mit ihm anzusangen". Kaum war der Müller frei, so humpelte er ächzend nach seinem Gefährt, welches die Tiere eine Strecke Weges fortgeschleift hatten, und kletterte mühsam daran in die Höhe. Er mußte den Wagen wenden und fuhr in geringer Entfernung wieder an den Freunden vorüber. Nun in Sicherheit, schrie er auf sie herab: „Mein Herr ist der Baron von Dallwig, er wird Euch hängen lassen alle Beide". Dann machte er sich unter mehreren unverständlichen Drohungen eiligst davon. „Verstehst Du das?" „Nein", sagte Hans gleichmütig. „Ich kann ja Dallwig morgen fragen". „Ueberlaß das mir", rief Mar erregt. „Unsinn! Mache jetzt, daß Du sortkommst. Steig' auf!" „Und Du, wie wirst Du nach Haus gelangen?" „Gescheidte Frage das! Ich laufe. Die Wölfe werden mich nicht fressen". Er reichte ihm Tasche und Mantel aus's Pferd. „Schone den Braunen nicht. Guten Erfolg!" Der Doktor hatte die treue Hand gefaßt und murmelte: „Habe Dank!" Dann jagte er davon. Fort sauste er über Haide und Sumpf, die wenigen Leute, die dem seltsamen Reiter begegneten, schlugen ein Kreuz und wichen ihm scheu aus dem Wege. „Das ist der Nebelpeter, der reitet nach den Mühlen". Vor grauen Zeiten hat er dort gehaust, ein wüster Gesell, der sein treuloses Weib an die Hufe seines Rosses gebunden und zu Tode schleifte. Nun hetzt er herum bis zum jüngsten Gericht, und wo er sich zeigt, giebt es ein Unglück. Hinter den Mühlen tauchte das Zernowitzer Vorwerk aus — zwei zierliche Häuschen im Schweizervillenstyl standen nebeneinander. Das eine war hell erleuchtet. Musik schallte heraus. Die Töne eines Klaviers und der Gesang heller Männer- und Frauenstimmen. „Mein Weib vergnügt sich", sagte Max bitter. Recht wie zum Hohn trug ihm der Wind noch lange die lustigen Klänge zu. Das sollte doch anders werden. Auf dem Rückwege wollte er auf dem Vorwerk einkehren und sein Weib mit sich nehmen. Es sollte Alles anders werden, anders und besser, er trug wohl auch sein Teil Schuld daran, daß Marie außerhalb ihr Behagen suchte, sie war noch so jung und lebensfroh, in ihr pulsirte frischeres, leichteres Blut, freilich sie war von anderer Art. — Bist Du wohl sicher, daß die Tochter der lüderlichen Käthe Dir ihre Treue wahren werde? Wie fiel ihm das jetzt nur ein? Wer hatte ihn einst so gefragt? Seine Mutter. Natürlich. Sie haßte Marien. Und für die Liebe seines Weibes hatte er den Haß seiner Mutter eingetauscht. Seine Mutter. Sie war krank. Vor Gram und Not — schwerkrank. — Mochte sie doch ihn verabscheuen und grollen, wenn sie nur seine Hülse annehmen und leben wollte. — Diese eigensinnige, teuere, alte Frau — wenn er nun doch zu spät käme und träfe sie nicht mehr — und sie läge vor ihm still und kalt ... es zerrte ihm etwas am Rock, er erschrak — aber es war nur ein Baum, der sich in das Tuch seines Mantelkragens gehakt hatte. — Mein Gott, wollte denn der Wald heute keine Ende nehmen — und dieser Regen. — Es war stark dunkel geworden. Durch des Doktors Hirn jagten und tobten die Gedanken wie ein Wirbelsturm. Das seltsamste, fernliegendste Zeug fiel ihm ein . . . Worte — Bilder — Menschen, die er längst vergessen glaubte, schwebten wie feurige Funken vor ihm her. Dabei ging ihm unaufhörlich, wie die endlos schwirrende Melodie ein^k Spieluhr, ein Vers des Homer durch den Kops: „Jetzt kam graulich die Nacht des verdunkelten Mondes, rastlos regnete Zeus, laut saust der West' mit ergossenen Schauern". Er sprach den Vers mehrere Male vor sich hin, er skandierte ihn wie ein Schulknabe, er wollte seinen Geist zur Klarheit zwingen. Was glänzt dort wie ein heller Schein? An einer alten weitästigen Buche hing ein roh geschnitztes Muttergottesbild, aus seinem breit vorspringenden Holzrahmen stand ein rotes brennendes Lämpchen. — Gott sei Dank, das war die Kronstädter Allee. — Nur noch eine halbe Stunde scharfen Rittes und er würde die Stadt erreichen. Nun aber wurde der Braune müde^ und wollte nicht mehr recht weiter. Er mußte ihn unsanft antreiben und schlagen, so sehr ihn auch das ermattete, geduldige Vieh dauerte. Endlich langten sie Beide in Krön-