Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1899-08-25 · 34 (25.8.1899) · p. Seite 542

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
34 (25.8.1899)
Date
1899-08-25
Page
Seite 542 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9605007-9605053--7468-9605067
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 642. Israelitische Wochenschrift. mx. 34. kleine Rundung zu verschaffen. Das war nicht hübsch von den Verurteilten, daß sie das Finanzgenie ihres Bürgermeisters krumm ansahen, aber die Leute, denen man Strafgelder abverlangt, raisonnieren allenthalben, auch wenn sie keine Juden sind. Max Goldmann verhielt sich den geschäftigen Festvorkehrungen seiner Stammesgenoffen wie den lustigen Sicherheitsexercitien seiner christlichen Mitbürger gegenüber, gleich teilnahmslos. Seinetwegen mochte man löschen und brennen, soweit es Jedem gefiel, und von dem Judenfeste wußte er nichts mehr, nein, wollte sich auch seiner gar nicht mehr erinnern. Er war allein. Marie war zu ihrer Tante nach Zernowitz gefahren, sie machte jetzt öfter kleine Reisen. Sie wußte auch immer tausend Vorwände und wichtige Gründe anzugeben, welche ihre Anwesenheit bald da und dort unumgänglich notwendig scheinen ließen. Gleichgültig ließ er sie gewähren, so kam und ging sie, wann sie wollte, und zeigte die merkwürdigsten Launen, unerträgliche Schmälsucht, die ganz unvermittelt in die überfließendste Zärtlichkeit umschlug; er forschte nicht nach der Ursache dieser wechselnden Gemütswallungen, stumpfsinnig ließ er alles über sich ergehen. Wenn ihn seine Berusspflicht nicht anstachelte, verfiel er in starre Apathie, aus der ihn nichts auszurütteln vermochte — übrigens gab es, den treuen Hans ausgenommen, Niemanden aus der Welt, der sich ernsthaft um den verschlossenen, unfreundlichen Mann bekümmerte. Es klopfte an des Doktors Arbeitszimmer. Bald darauf erschien die breitschultrige Gestalt des Brauerfritzen in der Thür. „Mahlzeit, Herr Doktor." „Guten Tag. Was bringen Sie?" „Nicht viel Gutes. Komme eben aus Kronstadt herüber, Herr Doktor. Und ich soll Ihnen sagen, es steht saul drüben. Ihre liebe Mutter liegt seit vielen Wochen fest. Es will nicht mehr werden mit ihr, und heute geht's ganz und gar aufs Allerschlechteste." Max war erschrocken aufgesprungen. „Und das läßt man mich heut eest erfahren?" „Ja," nickte Fritz, „Sie wüßtens auch nicht, wenn nicht — aber hören Sie nur, so geht ihr's." Darauf gab ihm Fritz einen sehr klaren, ausführlichen Krankheitsbericht, durch welchen der Doktor sich ein deutliches Bild des Leidens vorzustellen vermochte, daß er trotz aller Sorge und Erregung nicht umhin konnte, den Burschen zu fragen, welche der Schwestern ihn so sachverständig unterrichtet habe. „Keines von den Kantormädeln," gestand Fritz treuherzig. „Nur unser Fräulein Lottel war drüben, ich sag' halt noch unser Lottel, obwohl ich seit dem Krach wo anders bin, beim Herrn von Lückow, wissen Sie? — also unser Lottel hat mich zu Ihnen geschickt — Sie müssen mich ihr aber nicht verraten." „Ich fahre sogleich hinüber," ries Max, der, die Tasche mit Medikamenten und Instrumenten gefüllt, reisefertig vor dem Burschen stand. „Wär' schon recht, wenn Sie nur eine Fuhre bekämen. Aber es ist auch nicht eine zu haben, von wegen der Feuerwehrübung, wo sie ja alle mitmachen müssen. Leider kann auch ich Sie nicht einmal fahren," sprach Fritz traurig, „in einer Stunde muß ich nach Kreuzburg zur Bahn, meinen neuen Herrn abholen." „Und Hans ist forlgeriiten." Der Doklor stampfte zornig den Boden, „was zum Teufel fang' ich an?" „Warten Sie, ich schaffe Rat," rief Fritz. Eilig war er hinaus und kam nach zehn Minuten atemlos wieder. „Der Zernowitzer Müller ist unten, ich habe ihn aus der Kneipe geholt; der wird Sie fahren. Er machte zwar Redensarten, da hat er was gehört. — Nein, Herr Doktor, ich nehme nichts," Fritz ließ sich nur mst Mühe ein Trinkgeld ausnötigen, trug dem Doktor Tasche und Mantel in den Wagm und ries ihm noch leise zu: „Nehmen Sie sich in Acht, es ist ein klubscher Kerl, gebe Gott, daß Sie zurecht kommen." „Du bekommst für die Fahrt zehn Mark. Wenn Du vor Nachtzeit in Kronstadt eintriffft, erhältst Du das Dreifache." Der Kutscher wandte sich um und sah den Doktor mit seinem schnapsgeröteten, von den Blattern zerrissenem Gesicht wie eine Teuselssratze höhnisch an. „Ich fahre überhaupt nur für das Dreifache," knurrte er. „Es wird ein Unwetter kommen, meine Pferde und ich werden naß bis aus die Knochen." Und das Unwetter ließ nicht lange auf sich warten. Zwölftes Kapitel. Der Wagen war kaum in den Stadtwald eingefahren, da brach der Sturm los; er tobte und brüllte, daß die Pferde sich bäumten und der Kutscher die wild dahinrasenden kaum zu bändigen verstand. Er fluchte denn auch in seinem elenden Wafferpolnisch ganz gottesjämmerlich aus den Sturm, und die krachenden Aeste und die tollgewordenen Gäule, besonders aber aus den verdammten Juden, den er heut am Freitag fahren müsse, und deffenwegen sicherlich einzig und allein der Teufel diese schrecklichen gelben Blitze und diesen sündhaften Regen niedersausen ließ. Zu anderer Zeit hätte Max über all die Liebenswürdigkeiten, die er hier halb inkognito einheimsen mußte, wahrscheinlich gelacht, heute gebot er mit einem zornigen „Pschekrew" dem Unhold Ruhe. Der Kerl zuckte zusammen und schwieg. An einer Lichtung kreuzte sich der Weg, der Wagen fuhr links ab. Max. welcher glaubte, daß der Kutscher in seiner Trunkenheit sich in der Richtung irre, berührte ihm mit dem Stock die Schulter und schrie ihm mehrmals zu, denn der Sturm übertobte seine Stimme: „Halt, rechts, rechts, Du fährst falsch." Der Kutscher hielt einen Moment an, drehte sich um und brummte: „Schon gut, ich fahre über Ellerndorf." „Ueber Ellerndorf? Bist Du verrückt, mich diesen Umweg von drei Stunden nehmen zu lassen? Ueber das Vorwerk und die Mühlen mußt Du fahren." „Nein, nein," schrie der Kerl trotzig. „Der Weg ist dort zu schlecht. Es geht über Ellerndorf," und er ließ die Pferde wieder laufen. Der Doktor, der zu seinem Schrecken sehen mußte, wie sich der Wagen mehr und mehr von seinem Ziele entfernte, wurde so wütend, daß er dem Polen die Zügel aus der Hand riß. Abermals hielt der Wagen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.