Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 34 (25.8.1899)
- Date
- 1899-08-25
- Page
- Seite 544 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9605007-9605053--7470-9605069- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 544. Israelitische Wochenschrift. Nr. 34. stadt an, Roß und Reiter — triefend vor Schweiß. Der Klempnermeister Scholz trat grad' aus der Hausthür, da der Doktor vom Pferde sprang. „Ei, ei", sagte der alte Herr verwundert, „ihr Jungens treibt es arg mit dem Braunen". „Lebt meine Mutter noch?" „O ja, aber — Gott weiß wie lange noch; es geht ihr miserabel. Ist recht, daß Sie noch gekommen sind, gehen Sie nur nach oben — ich werde den Braunen schon abführen — hören Sie, aber Sie wissen doch, es ist schlecht Wetter für Sie bei ihren Leuten . . ." „Ich weiß, ich weiß", erwiderte Max. Vorsichtig, wie ein Dieb schlich er die Treppe des Elternhauses in die Höhe. Die Thür mar unverschlossen, er klinkte leise aus und befand sich in dem kleinen, engen Vorraum, der die Küche und das Schlafzimmer der Schwestern von der Putzstube schied. Einen Augenblick stand er ratlos, wo er eintreten solle, da hörte er die laut betende Stimme seines Vaters, nun wagte er nicht zu stören, er wollte doch lieber warten, bis der Vater das Tischgebet beendet haben würde. Die kleine Glasthür, welche in die Vorderstube führte, war mit einem dunklen Kattunvorhange bedeckt, geräuschlos näherte Max sich ihr, es glückte ihm, am Rande der Scheiben eine schmale Spalte zu erspähen, von wo aus er hineinlugen konnte. Die kleine Familie saß vollzählig um den viereckigen, weiß gedeckten Tisch, den das Licht einer blankgeputzten Messinglampe und die ihr rechts und links zur Seite stehenden, in zwei niedrigen, silbernen Leuchtern brennenden Kerzen mäßig erhellten. Die vier Mädchen saßen mit dem Rücken zur Thür gekehrt und neigten die Köpfe andächtig über ihre Bücher, von der jüngsten, deren Platz dem des Vaters am nächsten war, ward das Profil sichtbar; das Nesthäkchen, ein hübsches Kind von acht Jahren, knabberte noch an einem Stückchen Mazze, welches sie vorher unter der nach dem eben vollendetem Nachtmahle bei Seite gestellten Zederschüssel entdeckt und dem Vater listig entwendet hatte. Der traditionelle Scherz war sicher der einzige Versuch von Fröhlichkeit, der an dieser Tafelrunde gewagt wurde, denn ein Blick aus die Hausfrau, die unglückliche Königin des Abends, genügte, um jedes Lächeln in eine Thräne zu verkehren. Man hatte Frau Lea's hartnäckig wiederholten Wunsch, an der Zederseier des Pessachsestes wie immer teilnehmen zu wollen, nicht zu wiederstreben gewagt, und die Kranke in einen großen Lehnstuhl getragen. Darauf hatte sie verlangt, daß man sie festlich anziehe und ihr eine bessere Haube bringe, und obwohl sie während des Ankleidens einige Male bewußtlos geworden war, hielt sie sich jetzt am Abend doch aufrecht mit jener starren Energie, die diese starke Frauenseele bis zu ihrem letzten Atemzuge nicht zu verlassen wollen schien. Aber ihr Gesicht schimmerte aschfarben unter dem starken, jetzt völlig weißen Haar und zeigte sich durch die Gewalt, mit der sie den wütenden Schmerz beherrschte, unglaublich entstellt, ihre Lippen zitterten ruhelos den Worten nach, welche ihr Gatte mit wehmütiger Stimme herbetete. „Gepriesen seist Du Ewiger, unser Gott, Herr des Alls, der Du die ganze Welt speisest mit Deinem Gute, mit Milde, Huld und Barmherzigkeit, der Du Unterhalt giebst jeder Kreatur, denn ewig währt Deine Gnade, Du sättigst und stärkst Alles was da lebt, Deine Hand bereitet Nahrung allen erschaffenen Wesen." Dem Lauscher hinter der kleinen Glasthür ward wunderlich zu Mute. Ihm dünkte, er habe nie Schöneres und Rührenderes gehört als diese klagende, gottrufende Stimme. Viel, sehr viel hätte er darum geben mögen, jetzt dadrinnen sein zu dürfen, an der Seite des guten, alten Mannes zu sitzen. Er fühlte das heftigste Heimweh und er war doch daheim. Als er noch ein Knabe war, wie hatte sich Max immer auf diesen Tag gefreut. Wie gern hatte er dem Vater zugeschaut, wenn dieser aus wohlverschlossenem Schrein das weiße, seidene, silberdurchwirkte Gebetmäntelchen heraus nahm und das prächtige Käppchen. „Sieh Max", hatte der Kantor dann lächelnd zu ihm gesagt, „heut' Abend bin ich ein König. Sieh, das ist mein Krönungsmantel, das meine Krone und Du mein Prinz. —" Und deutlich entsann er sich des Abends, da er ein zehnjähriger Knabe, zum ersten Male am Zederabend ohne Stocken und in tadellos melodischem Tonfall die berühmte Frage hersagen konnte: „Warum ist diese Nacht unterschieden von allen anderen Nächten? In jeder anderen Nacht können wir sowohl Gesäuertes als Ungesäuertes essen und diese Nacht nur Ungesäuertes". Mit welchem Stolz hatte damals der Vater aus ihn geblickt! Mit welchem Jubel ihn ans Herz gezogen und dabei gerufen: „Mein geliebter Junge — nicht leben will ich, nur vegetieren und Dich sehen. Tausend Jahre sollst Du alt werden und Deine Kinder Dir gleiche Freude bereiten, wie Du mir. . . ." Er hatte sich gut erfüllt dieser Segenswunsch. (Fortsetzung folgt.) Carolahygienisch zuträgliches Getränk WM" Sparsamkeit unübertroffen! "MF Verkaufstellen durch Plakate kenntlich. UlltZ bebrannte Kaffees ln Prelslaoen von Mk. 1,20, 1.40, 1,50, 1,60, 1,70, 1,80, 1,90, 2,00 per V* Ko Allen Freunden eines guten Getränkes als vorzügliche Marke empfohlen. Verantwortlich für den redaktionellen Teil: M. A. Klausner, für den Inseratenteil: Erik Pfeffer m Berlin. Verlag Siegfried Cronbach, Berlin W. 57. — Druck: Arthur Scholem, Berlin 6., Roßstr. 3.