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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1899-08-25 · 34 (25.8.1899) · p. Seite 540

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
34 (25.8.1899)
Date
1899-08-25
Page
Seite 540 (sequence 12)
Language
German
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Seite 540. Israelitische Wochenschrift. Nr. 34. um ein Zwischenurteil. Darüber, ob nach Lage der Sache dem Beklagten durch einstweilige Verfügung auszugeben sei, das Trottoir zu räumen, oder ob bis zur endgiltigen Aburteilung der Sache der gegenwärtige Stand zu belassen sei. Der eigentliche Streitfall ist folgender: Der Antisemitengastwirt Laaß hatte die mietweise Erlaubnis der Stadt nachgesucht, auf dem Trottoir vor seinem Gasthos Tische, Stühle und Zierpflanzen aufzustellen und Gäste zu bewirten. Die Stadt, versagte die Erlaubnis, weil von der Laaß'schen Sommerwirtschaft aus belästigende antisemitische Kundgebungen stattgefunden hätten. Der Antisemit ries den Rcgierungspräsidenten in Wiesbaden an, der aber in die Verfügung der Stadt über ihr Eigentum nicht eingreifen zu wollen erklärte. Das hiesige Polizeipräsidium dagegen erhob vom Verkehrsstandpunkt aus keine Einwendung wider die von dem Antisemiten begehrte Verwendung des Trottoirs, vorausgesetzt, daß keine Belästigung des Publikums stattflnde. Der Antisemit nahm daraus von dem Trottoir Besitz. Die Stadt klagte wegen Besitzstörung und verlangte eine einstweilige Verfügung, die dem Antisemiten bei Strafe den Eingriff in den städtischen Besitz verbot. Diese einstweilige Verfügung ist erst vom Landgericht und jetzt vom Oberlandesgericht abgelehnt worden, weil die Voraussetzungen dazu nicht gegeben seien. Die dem Antisemiten erteilte polizeiliche Erlaubnis sei an die Bedingung der Vermeidung jeder Belästigung des Publikums geknüpft, daß solche Belästigung neuerdings vorgekommen, sei nicht behauptet, die Stadt habe also den von ihr beanspruchten Schutz gegen die Benutzung ihres Eigentums zu antisemitischen Manifestationen gar nicht nötig und es sei nicht erforderlich, der im Oktober zu erwartenden Entscheidung im Hauptprozeß durch einstweilige Verfügung vorzugreifen. — Der Feriensenat des Oberlandesgerichts hat damit ausgesprochen, daß nach seiner Auffassung eine öffentliche antisemitische Kundgebung sich noch nicht als Unfug oder als eine nicht unter Rechtsschutz zu stellende Beleidigung einer Klasse von Bürgern darstelle. Anderwärts ist man anderer Meinung gewesen, hat man geglaubt, daß es ein Recht aus öffentliche Beleidigungen nicht gebe. Dahin wird man bei uns auch noch kommen. X. Warschau, 17. August. (Gemeindevorstandswahlen. — Feuersbrünste. — Antisemitismus aus der Universität. — Zionismus.) Das Ergebnis der letzten, vor Kurzem beendeten Wahlen in den Kultusvorstand hat das Steuer der Gemeindeangelegenheiten den Händen der Fortschrittspartei übergeben, von Seiten des Chassidismus sind nur zwei Vertreter ausgenommen worden. Daß auch Mitglieder dieser Sekte Sitz und Stimme im Kultusvorftand haben, ist unbedingt richtig, aber doch ist man zufrieden, daß sie sich in der Minderheit befinden, da ihr Fanatismus, wenn nicht eingedämmt, leicht einen schädlichen Einfluß ausüben könnte. Die offizielle Bestätigung der Gewählten Seitens der Regierung ist zwar noch nicht erfolgt, wird aber demnächst erwartet. — Die jeden Sommer periodisch wiederkehrenden Feuersbrünste, haben^auch dieses Jahr große Verheerungen angerichtet, und wie immer, so auch dieses Jahr ist die arme jüdische Bevölkerung am schwersten heimgesucht worden. So brannten am dritten dieses Monats in der Stadt Grodno mehr als hundertundsünfzig Häuser ab (vorwiegend Holzbauten), und sechshundert brod- und obdachlose Familien lagern im offenen Felde. Das Elend ist unbeschreiblich, und man fürchtet epidemische Krankheiten, die in Folge von Mangel an Nahrung, Obdach und primitivster Kleidung ausbrechen können. Außer den Wohnhäusern wurde auch die Synagoge, die, da sie länger als dreihundert Jahre besteht, eine der ältesten des Landes ist, ein Raub der Flammen. Es bildeten sich natürlich sofort Komitees, die in ausgiebigster Weise zu Helsen und das unendliche Elend wenigstens einigermaßen zu lindern suchen. — Aber noch ist der Schreckensrus aus Grodno nicht verhallt, noch zittern alle Fibern des Herzens bei Vorstellung dieses Unglücks, als uns der Draht abermals die Nachricht einer ähnlichen Katastrophe bringt. Wiederum ist eine ganze Stadt vernichtet. Ganz Opole ist eingeäschert, seine Einwohner sind über Nacht zu Bettlern geworden. Die Größe der Verheerung erklärt sich dadurch, daß die Leute meistens Holzhäuser bauen und von Versicherungsgesellschaften kaum je etwas gehört haben. Daß die Gaben, die von allerwärts für die Abgebrannten einfließen, meistens von Juden stammen, und die Christen sich nur äußerst wenig an dem Rettungswerke beteiligen, nimmt einen Kenner der hiesigen Verhältnisse nicht Wunder. Der Antisemitismus hat so fest Wurzel gefaßt, daß er selbst das Gefühl des Mitleids überwuchert. Man nimmt wohl mit vergnügtem Gesicht das Geld der reichen Juden entgegen, schließt jedoch die Börse, sobald es heißt, mit einem kleinen Bruchteil seines Ueberfluffes den Aermsten desselben Volkes aus der bittersten Not zu Helsen. — Wie weit die Seuche des Antisemitismus um sich gegriffen hat, beweist auch folgender Umstand: Beim Schluß des Universitätsjahres veranstalteten die Studenten, die ihr Doktorat gemacht hatten, einen Abschiedsschmaus. Trotzdem nun die jahrelang gemeinsam betriebenen Studien sie hätten vereinigen sollen, zeigte sich der Zwiespalt bei dem ersten Schritt, mit dem sie in das praktische Leben hinaustraten, indem die jüdischen und christlichen Kollegen die Abschiedsseier . . . getrennt begingen. — Ganz eigenartig ist auch die Stellungnahme unserer Gemeinde zum Zionismus. Daß ein Teil der Fortschrittspartei angesichts dieser Strömung sich enthusiastisch, ein anderer mißbilligend verhält, ist wohl nur der Natur der Sache gemäß. Als entschieden tadelnswert jedoch muß hervorgehoben werden, daß die beiden Prediger der Synagoge aus Tlomackie, die den Hauptsammelpunkt der Fortschrittler bildet, ebenfalls nicht einig sind, so daß von der Kanzel bald für, bald gegen den Zionismus Propaganda gemacht wird. Birmingham, 21. August. (Tod des Rabbiners Moses Hirsch Holländer.) Im Alter von 90 Jahren ist einer der beliebtesten Geistlichen unserer jüdischen Gemeinde, Rabbiner M. H. Holländer gestorben. Vierzig Jahre lang hat er an unserer Gemeinde gewirkt, und bis wenige Wochen vor seinem Hinscheiden ist er im Vollbesitz seiner geistigen Fähigkeiten und bei in so hohem Alter seltenen körperlichen Kräften geblieben. Im Jahre 1810 in Dobryn bei Plock geboren, kam M. H. Holländer 1854 nach England, wo er zuerst in Liverpool, dann in Coventry und zuletzt in Birmingham gewirkt hat. Er war ultra-orthodox, aber von größter Toleranz

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